Shine Anders stand im Stall von Schloss Rolandsgaard, rümpfte die Nase und spießte mit der Mistgabel einen Haufen Stroh und Pferdeäpfel vom Stallboden auf.
»Bloß weil ich Pferde liebe, bedeutet das nicht, dass ich andauernd Ställe ausmisten will«, murrte sie, während sie den Mist auf den Schubkarren warf.
Aus der Nachbarbox drang ein vorwitziges Lachen, und ein schmächtiger Stallbursche, der gerade einen großen kastanienbraunen Hengst striegelte, linste über die Trennwand. Sein welliges rotes Haar fiel ihm in die Augen, und er strich es sich ungeduldig aus dem Gesicht.
»Du bist doch diejenige, die immer jammert, dass sie zu wenig Zeit mit den Pferden verbringt.«
Shine lächelte Jack an. Mit seinen dreizehn Jahren war er etwas älter als sie, aber sie waren gute Freunde.
»Da hast du auch wieder recht.« Sie betrachtete Bayler, der neben Jack stand. Der Hengst hob den Kopf und schaute Shine aus seinen warmen Augen an. Er schien ihren Unmut zu verstehen. Bayler war Shines Lieblingspferd im Stall. Es verging kein Tag, an dem sie nicht bei ihm vorbeischaute. Sie warf ihren schwarzen Pferdeschwanz nach hinten.
»Mrs Marshall hat mich die ganze Woche für den Küchendienst eingeplant. Wie langweilig! Als ich dann auf dem Arbeitsplan gesehen habe, dass ich zusätzlich für die Ställe eingeteilt bin, habe ich gehofft, dass ich endlich richtig mit den Pferden arbeiten kann. Ich geb's ja zu. Und jetzt das hier ...« Missmutig lächelte sie Jack an.
Jack rieb gerade Baylers Kopf mit einem weichen Tuch ab.
»Wenn du dich beeilst, kannst du mir noch beim Striegeln der übrigen Pferde helfen«, bot er seiner Freundin an.
Doch Shine zuckte nur mit den Schultern und stocherte im Mist. Sie war unglücklich, aber das wollte sie nicht an Jack auslassen. Ihr Leben war hart, seit ihr Vater gestorben war. Jetzt lebte sie mit ihrer Mutter und Großmutter im Haus des Schlossverwalters von Rolandsgaard und musste dort als Dienstmädchen arbeiten. Sie schämte sich, dass sie so arm waren. Und jeden Tag das herrliche Schloss Rolandsgaard vor Augen zu haben, machte es nicht besser. Auch wenn das Schloss seit Sigga Rolanddotters Verbannung aus dem Land des Hohen Nordens langsam zerfiel, strahlte es in Shines Augen nach wie vor etwas Magisches aus. Es war noch immer das prachtvollste Schloss im ganzen Land. Shine ließ ihre Gedanken schweifen und dachte daran, wie schön doch alles sein könnte ...
Bayler grunzte.
»Er mag es, wenn ich ihn hinter den Ohren kraule«, sagte Jack.
»Sag ihm, dass er von mir eine extra Portion Streicheleinheiten bekommt, wenn ich mit dem Ausmisten fertig bin«, erwiderte Shine. Bayler schnaubte zufrieden. Er schien immer zu verstehen, was sie sagte. Die schwarzen Nüstern des Hengstes fühlten sich weich wie Samt an. Sein tiefdunkles kastanienbraunes Fell war mit schwarzen Sprenkeln bedeckt. Vor zwei Wochen hatte Shine Bayler bei einem großen Dressur-Turnier in dem kleinen Städtchen Trablingen bewundert. Seine Bewegungen waren so anmutig, wie sie es selbst bei einem Tänzer noch nie gesehen hatte. Ihr Herz hüpfte jedes Mal vor Freude, wenn sie ihm zusah.
»Wann kommt denn deine Mutter wieder?«, fragte Jack.
Shine blickte zu Boden. »Sie müsste eigentlich längst zurück sein«, antwortete Shine leise. »Ich mache mir Sorgen. Großmutter will es nicht zugeben, aber ich weiß, dass es ihr genauso geht.«
»Wohin wollte sie denn?«
Shine antwortete nicht. Sollte sie Jack ihr Geheimnis verraten? Er war nett und im Gegensatz zu den Kindern der Marshalls nie gemein zu ihr.
Trotzdem fühlte sie sich besser, wenn er nicht alles von ihr wusste. »Großmutter wollte es mir nicht sagen«, antwortete sie kurz, und ihre Antwort war nicht einmal gelogen.
Jack schniefte. »Ich weiß, es geht mich nichts an, aber ich kann nicht glauben, dass deine Mutter dich und deine Großmutter einfach so im Stich gelassen hat. Gerade jetzt, wo doch dein Vater erst ...« Er verstummte und warf Shine einen unsicheren Blick zu.
Sie schwiegen eine Weile, und Shine fühlte, wie die Wut in ihr hochstieg. Sie wollte nicht, dass jemand schlecht von ihrer Mutter dachte. Doch dann musste sie zugeben, dass sie sich selbst schon viele Hundert Male gefragt hatte, warum ihre Mutter Schloss Rolandsgaard verlassen hatte. Als ihr Vater beim Holzfällen ums Leben gekommen war, glaubte sie, an der Trauer um ihn zu ersticken. Doch dann war alles noch viel schlimmer geworden. Denn zu ihrem Schmerz kam jetzt die Schmach, für die Marshalls arbeiten zu müssen.
Eines Tages hatte Shines Mutter beschlossen, sich auf die Suche nach der Schatzkammer der Rolanddotters zu machen. Seit vielen Hundert Jahren suchten die Menschen schon vergeblich nach ihr, sodass man inzwischen glaubte, ihre Existenz sei nur eine Legende. Aber Shines Vorfahren waren die königlichen Schmuckschmiede auf Schloss Rolandsgaard gewesen. Deshalb glaubte sie fest daran, dass es den geheimnisvollen Schatz gab und man ihn eines Tages entdecken würde. Aber würde es ihrer Mutter wirklich gelingen, die Schatzkammer zu finden und ein paar der wunderbaren Kostbarkeiten mit nach Hause zu bringen? Und warum hatte sie Shine nicht mitgenommen?
Ich wäre wohl keine Hilfe gewesen, dachte Shine. Und dabei würde ich so gerne einmal die Schatzkammer von Rolanddotter mit all ihren Schmuckstücken sehen .
»Shine? Geht es dir gut?«, unterbrach Jack ihre Gedanken.
Sie schob ihre trüben Gedanken beiseite, gabelte den letzten Mistballen in der Box auf und ging hinaus. Die Boxentür schloss sich schwerfällig hinter ihr.
»Mir geht's gut«, sagte Shine tapfer. Sie lehnte die Mistgabel gegen die Wand und ging zu Jack und Bayler in die Box.
Bayler senkte den Kopf und rieb seine Nase an ihrer Hand. Shine beugte sich zu ihm und atmete den warmen, wunderbaren Pferdeduft ein. Einfach himmlisch, dachte sie.
»Erinnert er dich nicht auch an Jewel?«, fragte sie Jack.
»Hmmm ... sie sind beide kastanienbraun, aber sonst? Ich kenne die sagenhaften Pferde nicht so gut wie du«, entgegnete er.
»Mein Vater hat uns nachts am Lagerfeuer Geschichten von ihnen erzählt«, sagte Shine wehmütig. Ihr Vater hatte alles über die magischen Pferde und die Legende von Sara, der kindlichen Göttin der Pferde, gewusst. Sara hatte eine besondere Freundin unter den Pferden, Bella, eine wundervolle weiße Stute.