Als Rosemarie Wunderlich Hermansson am Sonntag, dem 18. Dezember erwachte, war es kurz nach sechs, und sie hatte noch ein ganz klares Bild vor Augen.
Sie stand in einer Türöffnung und schaute auf einen fremden Garten hinaus. Es war Sommer oder früher Herbst. In erster Linie betrachtete sie zwei kleine, dicke, gelbgrüne Vögel, welche auf einer Telefonleitung zehn, fünfzehn Meter von ihr entfernt saßen, und jeder hatte eine Sprechblase im Schnabel.
Du musst dich umbringen, stand in der einen.
Du musst Karl-Erik umbringen, stand in der anderen.
Die Botschaft war an sie gerichtet. Es war sie, Rosemarie Wunderlich Hermansson, die sich umbringen sollte. Oder Karl-Erik töten. In diesem Punkt herrschte nicht der geringste Zweifel.
Letzterer war ihr Mann, und erst nach einigen Sekunden sah sie ein, dass diese beiden verrückten Aufforderungen natürlich aus etwas resultierten, das sie geträumt hatte – aber es war ein Traum gewesen, der sich schnell davongeschlichen und nur diese beiden bizarren Vögel auf der Leitung zurückgelassen hatte. Merkwürdig.
Für einen Moment blieb sie ganz ruhig auf der rechten Seite liegen und starrte in die Dunkelheit um sich herum, wartete auf eine fiktive Morgendämmerung, die sich wahrscheinlich im Augenblick noch im Bereich des Ural befand und sah ein, dass es sich genau so verhielt. Die Vögel breiteten ihre abgerundeten Schwingen aus und flogen davon, während ihre Behauptung zurückblieb und nicht falsch verstanden werden konnte.
Sie oder Karl-Erik. So war das also. Es hatte ein oder zwischen den Sprechblasen gegeben, kein und. Das eine schloss das andere aus, und es erschien auch wie ... wie eine zwingende Notwendigkeit, dass sie sich für eine der beiden Alternativen entschied. Jesus Christus, dachte sie, schwang die Beine über die Bettkante und setzte sich auf. Wie hatte es nur dazu kommen können? Als ob diese Familie nicht schon genug Probleme hätte.
Doch als sie ihren Rücken streckte und die vertrauten Morgenschmerzen zwischen dem dritten und vierten Lendenwirbel spürte, kamen auch die Alltagsgedanken angeschlichen. Ein sicherer, wenn auch ziemlich langweiliger Balsam für die Seele. Sie empfing sie mit einer Art träger Dankbarkeit, schob die Hände in die Achseln und schlurfte ins Badezimmer. Man ist so schutzlos morgens, dachte sie. So nackt und bloß. Eine dreiundsechzigjährige Handarbeitslehrerin ermordet nicht ihren Mann, das ist vollkommen ausgeschlossen.
Sie war zwar außerdem auch noch Deutschlehrerin, aber das änderte die Tatsachen nicht nennenswert. Machte es in keiner Weise akzeptabler. Was um alles in der Welt sollte es in dieser Frage für einen Unterschied machen, wenn sie Handarbeiten und Deutsch unterrichtete?
Das hieß dann wohl, der eigenen Wanderung im Jammertal ein Ende zu setzen, dachte Rosemarie Wunderlich Hermansson. Machte Licht, betrachtete ihr breites, glattes Gesicht im Spiegel und stellte fest, dass jemand ein Lächeln daraufgeklebt hatte.
Warum lächle ich?, fragte sie sich. Es gibt doch weiß Gott keinen Grund zum Lächeln. Mir ist es noch nie schlechter in meinem ganzen Leben gegangen, und in einer halben Stunde wacht Karl-Erik auf. Was hatte der Schulleiter gesagt? Der tief klingende Erz, der ... der was? ... der dem heranwachsenden Geschlecht den moralischen und wissenschaftlichen Resonanzboden verleiht? Wo zum Teufel hatte er das her? Dieses Gefasel. Jahrgang für Jahrgang, Generation für Generation, vierzig Jahre lang. Eine pädagogische Fichte.
Ja, Fläskbergson hatte Karl-Erik tatsächlich als pädagogische Fichte bezeichnet. Konnte darin ein Funken Ironie verborgen sein?
Vermutlich nicht, dachte Rosemarie Wunderlich Hermansson und pflügte mit ihrer elektrischen Zahnbürste tief in die rechte Wange hinein. Vera Ragnebjörk, ihre einzige Kollegin in Sachen Deutsch, das in der Kymlinge-Schule am Aussterben war, pflegte zu behaupten, dass Fläskbergson die ironische Dimension ganz und gar fehle. Weshalb man mit ihm nicht wie mit einem normalen Menschen sprechen konnte, und vermutlich war es diesem einzigartigen Mangel zu verdanken, dass er auch nach mehr als dreißig Jahren immer noch auf seinem Posten als Schulleiter saß.
Fläskbergson war nur ein Jahr jünger als Karl-Erik, aber gut und gern vierzig Kilo schwerer, und bis zu dem traurigen Tag vor fast acht Jahren, als seine Ehefrau Berit umgekommen war, nachdem sie in Kitzbühl aus einem Skilift gefallen und sich das Genick gebrochen hatte, hatten sie miteinander verkehrt. Zu viert. Zu Bridgeabenden oder so. Eine Theaterreise nach Stockholm. Eine Katastrophenwoche auf Kreta. Rosemarie überlegte, dass sie Berit ein wenig vermisste, nicht jedoch Fläskbergson. Den Umgang mit ihm sozusagen.
Warum stehe ich eigentlich hier und verschwende meine kostbaren Morgenminuten damit, an diese eindimensionale Null zu denken?, fragte sie sich schließlich. Warum sehe ich nicht lieber zu, in aller Ruhe meine Morgenzeitung zu lesen? Offenbar bin ich dabei, die Kontrolle zu verlieren.
Aber auch bei Kaffee und Zeitung fanden sich keine besseren Gedanken ein. Es gab keine Lichtblicke. Als sie den Blick hob und auf die Küchenuhr schaute – ein Impulskauf bei IKEA für 49,50, vor langer Zeit, im Herbst 1979 und vermutlich unverwüstlich – zeigte diese zwanzig Minuten nach sechs, es würde noch mindestens siebzehn Stunden dauern, bis ihr die Gnade zuteil werden würde, wieder in ihr Bett kriechen zu dürfen und einen weiteren düsteren Tag mit seinen Ereignissen hinter sich zu legen. Und zu schlafen, nur zu schlafen.
Heute war Sonntag. Es war ihr zweiter Tag als glückliche Pensionärin, die letzte bedeutungsvolle Veränderung im Leben, bevor der Tod eintrat, wie eine freundliche Seele bemerkt hatte, und sie sagte sich, dass sie, hätte sie nur einen Zugang zu einer Waffe gehabt, bereits beim Aufwachen, als sie daran erstmals gedacht hatte, von ihr Gebrauch gemacht hätte. Sich eine Kugel in den Kopf geschossen, bevor Karl-Erik in seinem gestreiften Pyjama in die Küche gekommen wäre, bevor er sich gestreckt und erklärt hätte, er habe geschlafen wie ein Kind. Wenn diese Fast-tot-Schilderungen stimmten, die sie gelesen hatte, hätte es anschließend interessant sein können, unter der Decke zu schweben und sein Mienenspiel zu betrachten, wenn er sie fände, über dem Tisch zusammengebrochen, den Kopf in einer großen, warmen Blutlache liegend.
Aber so etwas tut man nicht. Schon gar nicht, wenn man keine gute Waffe hat und auch ein wenig an die Kinder denken muss. Sie trank einen Schluck Kaffee, verbrannte sich dabei die Zungenspitze und schaltete wieder ihr Alltagsgehirn ein. Was stand an diesem zweiten Tag nach einem ganzen Arbeitsleben auf dem Programm?
Das ganze Haus putzen. So einfach war das. Die Kinder und die Enkelkinder sollten am nächsten Tag hereintrudeln, und am Dienstag war der große Tag.
Der Tag, der eigentlich in die Annalen der Familie hätte eingehen sollen, der aber in sonderbarer Art und Weise wegen Walter zu einer Art pompösem Anti- Ereignis zusammengeschrumpft war. Genau das. Den ganzen Herbst über war die Rede von einhundert bis einhundertzwanzig Personen gewesen; einzig das Fassungsvermögen der Svea-Speisesäle hatte die Sache beschränkt, und Karl-Erik hatte die Sache immer und immer wieder mit dem Kellermeister Brundin diskutiert, und gut hundert Leute sollten kein Problem darstellen.
Die dann aber nicht eingeladen werden sollten. Walters Skandal ereignete sich am 12. November, die Lokalitäten waren schon lange reserviert worden, aber es war noch nicht zu spät gewesen, um abzusagen. So um die siebzig Einladungskarten waren schon abgeschickt worden, um die zwanzig Zusagen waren bereits eingegangen, aber die Leute waren äußerst verständnisvoll, als man ihnen erklärte, dass man sich aufgrund der Umstände dazu entschlossen hatte, eine kleinere Familienfeier zu arrangieren.
Durchgängig äußerst verständnisvoll waren sie gewesen. Die Sendung hatte eine Zuschauerzahl von fast zwei Millionen gehabt, und die, die sie nicht gesehen hatten, wurden am folgenden Tag über die Abendpresse informiert.
WICHS-WALTER. Das Wort in den Schlagzeilen hatte sich in Rosemaries Mutterherz eingebrannt wie ein Brandzeichen auf einer borstigen Sau, und sie wusste, dass sie Walter für den Rest ihres Lebens nie wieder einen Gedanken widmen konnte, ohne diesen schrecklichen Zusatz hinzuzufügen. Sie hatte beschlossen, nie, nie wieder das Aftonbladet oder den Expressen zu lesen, ein Versprechen, das sie bisher noch nicht gebrochen hatte, ja, nicht einmal im Ansatz daran gedacht hatte, es zu brechen.
(…)
„Aber Sie haben dann also die Wohnung Ihrer Schwester geputzt, und dabei haben Sie ...?“
Linda Eriksson schloss für einen Moment die Augen. Sie holte tief Luft, um sich zu wappnen. Die schmalen Schultern in dem grünen Baumwollkleid hoben und senkten sich. Gunnar Barbarotti dachte erneut, dass sei eine Frau, die zu bewundern war. Ihr Leben hatte von Beginn an die schlechtesten Ausgangsmöglichkeiten geboten, aber sie hatte es geschafft. Er schaute kurz zu Eva Backman hinüber, die seinen Blick erwiderte, und meinte in ihrem lesen zu können, dass sie genauso empfand.
„Ja. Ich habe zuerst die Zimmer gemacht, mit der Küche bis zuletzt gewartet. Das war heute Morgen, und da ... ja, als ich anfing, den Gefrierschrank zu leeren, da habe ich diese ... diese Finger entdeckt. Entschuldigen Sie ...“
Ihr dünner Körper schüttelte sich, und für eine Sekunde glaubte Barbarotti, sie könnte sich über dem Tisch erbrechen. Aber sie fasste sich. Schüttelte den Kopf und trank ein wenig Wasser. Eva Backman legte ihr eine Hand auf den Arm.
„Danke. Entschuldigen Sie, aber ich bin noch immer etwas schockiert. Es war so schrecklich, als mir bewusst wurde, was da in den Plastiktüten lag ...“
Gunnar Barbarotti wartete und gab seiner Kollegin ein Zeichen, ebenfalls zu schweigen.
„Das war ein Arm. Am Ellenbogen abgeschnitten. Die Tüte war von ICA, so eine rotweiße, ich glaube, ich habe sie zehn Minuten lang angestarrt, bevor ich etwas tun konnte. Ich hatte ja alles aus dem Gefrierschrank in einen Plastiksack geworfen, um es in den Müll zu tun, und wenn nicht diese Finger rausgeguckt hätten, dann hätte ich vielleicht gar nichts gemerkt ... aber dann habe ich noch eine Tüte geöffnet. Zuerst wusste ich nicht, was es war, aber dann erkannte ich, dass es ein Stück des Beckens war.“
Sie verstummte. Es vergingen einige Sekunden.
„Ein Mann?“, fragte Eva Backman.
„Ja, ein Mann.“
Eine Bewegung draußen vor dem Fenster erregte kurz Gunnar Barbarottis Aufmerksamkeit. Er drehte den Kopf und sah eine Elster, die angeflogen kam und sich auf dem Fensterblech niederließ. Warum landest du da?, dachte er verblüfft. Bist du ein Bote des Teufels oder was?
Einen Zweifel daran, dass der Teufel existierte, hatte Gunnar Barbarotti nie gehegt. Es war Gottes mögliche Existenz, die für ihn das Problem darstellte.
„Hm, ja“, räusperte sich Eva Backman. „Und was haben Sie dann gemacht? Ich kann mir vorstellen, dass Sie unter Schock gestanden haben müssen.“
„Ich war wirklich vollkommen geschockt“, gab Linda Eriksson zu. „Zuerst bin ich zur Toilette gelaufen und habe mich übergeben, dann habe ich mich aufgerafft und die Polizei angerufen. Ja, und dann, während ich auf sie gewartet habe, habe ich noch eine Tüte geöffnet ... ich weiß nicht, warum ich das getan habe, vielleicht weil ich schon den Verdacht hatte, was es sein könnte, und ihn bestätigt haben wollte ... auf jeden Fall war das ein Kopf. Ich bin auf die Toilette gelaufen und habe mich noch einmal übergeben, und dort bin ich geblieben, bis die Polizei kam.“
Håkan Nesser, Mensch ohne Hund
© btb Verlag, München 2007