Was war so besonders an Liliy Smith, dass ihr ein Roman gewidmet wird? Bevor dieses Buch erschien, war sie ein Mensch, wie Millionen andere. Heute kennen Millionen ihr Leben, weil ihre Enkelin Jeannette Walls es zu einem Roman verarbeitet hat und damit einen Bestseller schrieb.
Das Besondere an Lili Smith war ihr Charakter. Schon sehr früh übernahm sie Verantwortung auf der väterlichen Farm, weitab von anderen Menschen. So entwickelte sie einen starken und vor allem unabhängigen Charakter. Sie stand zu ihrer Meinung, egal welche Folgen das hatte und handelte, wie sie es für richtig hielt. Auch wenn der Ausgang ungewiss war, so versuchte sie doch, ihre Wünsche fürs Leben umzusetzen und das zu ändern, was ihr daran nicht gefiel. Dieser Mut ist sicherlich das, was die Leser begeistert. Wer packt schon mit über 40 seine Sachen, verlässt das Eigenheim und zieht weit weg, nicht wissend, ob dort überhaupt auf Dauer eine Lebensgrundlage existiert.
Aber das ist eine der letzten im Roman beschriebenen Stationen. Er beginnt mit einer Nacht im Baum, wohin sich die kleine Lily mit ihren noch kleineren Geschwistern vor einer Flut rettete. Schon hier wird ihre Tatkraft deutlich und sehr schnell die eigene Meinung. Das sie diese entwickeln konnte, verdankte sie ihrem Vater, der den Kindern nicht nur viel Wissen vermittelte sondern sie auch das Denken lehrte. Immer wieder finden sich im Buch die kurzen Lebensweisheiten von denen Hoffe das Beste und rechne mit dem Schlimmsten! wohl den größten Nachhall fand. Denn egal was ihr widerfuhr, sie verzweifelte nicht daran, wirkte eher emotionslos und machte sich voll Zuversicht daran, etwas Neues zu beginnen, damit das Leben weitergehen konnte.
Lilys Leben war abwechslungsreich und fesselt durch Bedingungen, die wir heute mit Freiheit verbinden. Sie wuchs mit Pferden auf und auch später, auf der Ranch, die sie mit ihrem Mann verwaltete, gehörte das Reiten in der weiten beeindruckenden Natur zu ihrem Leben. Zwar nicht als Freizeitbeschäftigung, doch das mindert den Reiz beim Leser nicht.
Sie wagte es in einer Zeit, da Frauen noch vielen Regeln unterworfen waren, an Pferderennen teilzunehmen, Poker zu spielen, Flugstunden zu nehmen. Sie sagte, was sie dachte, ohne Rücksicht auf die Folgen. All dies sind Dinge, für die sich die Meisten den Mut wünschen und die nur Wenige zu tun wagen. Das macht Lily für den Leser interessant.
Würden sich in unserer Umgebung Menschen so benehmen, wie sie es tat, würden sie als asozial bezeichnet werden, ihre Kinder fände man auf der Sonderschule oder im Heim wieder. Lily Smith aber gewinnt die Sympathie der Leser.
Jeannette Walls lässt Lily selbst von ihrem Leben erzählen. Dabei nehmen Kindheit und Jugend den meisten Raum ein und eigentlich endet alles mit der Heirat der Tochter Rosemary. Nimmt man alle Erlebnisse und auch die Geschichte ihrer Vorfahren zusammen, so scheint es für ein einzelnes Leben ein wenig unrealistisch.
Das Buch ist flüssiger und flott geschrieben, so dass es sich gut lesen lässt. Die Fotos von Lily zu beginn der Kapitel bringen sie dem Leser noch näher.
Stefanie Brink
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