DIE VERLORENE EHRE DER KATHARINA BLUM (BRD, 1975) basiert auf dem gleichnamigen Buch von Heinrich Böll und zeigt eine Bestandsaufnahme Deutschlands in den 70ern, in der die Terror-Hysterie in den Köpfen vieler herumspukte und die Demokratie in ihren Grundrechten erschüttert wurden. Das Regieduo Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta erzählt die Geschichte einer unpolitischen Frau, die in die Fänge der Justiz und der Springerpresse gerät. Sie wird in die Enge getrieben und agiert hilflos mit einem Akt der Gewalt. Sie hat nichts mehr zu verlieren, da ihre Reputation zerstört worden ist. Im Gegensatz zu Bölls Roman, der die Handlung verschachtelt erzählt, ist der Film eine weitgehend chronologische Erzählung. Der Film ist auch weniger politisch als das Buch und konzentriert sich auf das Private. Handlung und Charaktere sind teilweise überspitzt gezeichnet, fast schon schwarzweiß. Gut und Böse, nichts dazwischen. Damit verwendet der Film, wie schon das Buch, die gleichen Schemata wie die kritisierten Elemente des Polizeiapparates und die Springer-Presse. Böll schuf seinerzeit das Buch aus einer Wut und Empörung heraus, war er doch selbst Ziel von Hetze der Boulevardpresse. Das Werk wirkt so wie ein Pamphlet, da die Sympathie eindeutig bei der Figur Katharina Blum liegt. Bei der hier dargestellten und als ?Zeitung? bezeichneten Publikation, dürfte jedem klar sein, dass es sich dabei um die ?Bild? handelt, aber sie steht letztendlich genauso gut für jede andere pseudo-journalistische Gazette. Das Wort Pressefreiheit wird durch solche Machwerke ad absurdum geführt, denn zwar berufen sich die Hetzorgane genau auf diese, aber sie arbeiten vorwiegend mit Lügen und Ausschmückung und benutzen ihre publikumswirksame Macht dazu, Existenzen zu zerstören, die ihr ideologisch unlieb sind – und alles für die Auflagenvergrößerung. Polizei, Staatsanwaltschaft, Presse und die Öffentlichkeit, in aller Regel der konservative Pöbel (in Form des dummen und leicht beeinflussbaren Lesers, der schon mal in Form von Drohbriefen und -anrufen aktiv mitmacht), gehen dabei Hand in Hand eine unheilvolle Allianz ein. Buch und Film haben deshalb bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren. Und so sind beide in ihrer Art und Weise eine einzige Anklage und Mahnung. Ein Stück deutscher (Film-)Geschichte.