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Wege zum Selbst. Goldmanns Taschenbücher, Band 21844

Östliche und westliche Ansätze zu persönlichem Wachstum

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AutorKen Wilber

Untertitel Östliche und westliche Ansätze zu persönlichem Wachstum

Abbildungsvermerk 18,5 cm

  • ISBN-103-442-21844-6
  • ISBN-139783442218448
  • Verlag Goldmann Taschenbuch
  • ReiheGoldmanns Taschenbücher
  • ÜbersetzerGudrun Theusner-Stampa
  • EinbandartTaschenbuch
  • Seiten317
  • Veröffentlicht11.02.2008
  • Gewicht268g
  • SpracheDeutsch
  • OriginaltitelNo Boundary

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Vorwort


In diesem Buch wird untersucht, wie wir uns ständig uns selber, anderen und der Welt entfremden, indem wir unser gegenwärtiges Erleben in verschiedene Teile zerlegen, die durch Grenzen getrennt sind. Wir spalten unser Gewahrsein künstlich in Abteilungen auf: Subjekt/Objekt, Leben/Tod, Leib/Seele, Inneres/Äußeres, Verstand/Gefühl — eine Trennungsregelung, die zur Folge hat, dass ein Erleben das andere einschneidend stört und das Leben sich selbst bekämpft. Das Ergebnis ist einfach Unglücklichsein, auch wenn man ihm viele andere Namen gibt. Das Leben wird zum Leiden, von Kämpfen erfüllt. Aber all diese Kämpfe, die wir erleben — unsere Konflikte, Ängste, Leiden und Verzweiflungen —, werden durch die Grenzen verursacht, die wir in unserem Irrtum um unser Erleben ziehen. Hier wird untersucht, wie wir diese Grenzen schaffen und was wir gegen sie tun können.
Es herrscht heute eine große Verunsicherung darüber, wohin man sich wenden soll, um Hilfe und Anleitung zur Überwindung der eigenen Konflikte und inneren Kämpfe zu finden. Zunächst ist da einmal die ungeheure Anzahl der verfügbaren Ansätze aus Ost und West, von
Psychoanalyse bis Zen, von Gestalttherapie bis TM, vom Existentialismus bis zum Hinduismus. Außerdem scheinen viele dieser Denkrichtungen einander geradezu zu widersprechen. Nicht nur sehen sie den Ursprung des Leidens völlig verschieden; sie verordnen zu seiner Linderung auch verschiedene Methoden. Oft stellt man fest, dass man mit zwei verschiedenen Psychologen oder spirituellen Lehrern einer Meinung ist, nur um dann zu erkennen, dass sie untereinander völlig uneinig sind.
Ich habe versucht, aus dieser verwirrenden Vielfalt von Anschauungen eine Synthese, eine Gesamtschau herzustellen. Ich habe diese verschiedenen Zugänge zu Therapie, Heilung und persönlicher Weiterentwicklung in einem Rahmen zusammengeführt, den ich »das Spektrum des Bewusstseins« nenne. Dieses Vorgehen erlaubt uns, das Wesentliche der drei Hauptrichtungen in der abendländischen Psychologie und Psychotherapie anzunehmen und zu integrieren: die orthodoxe, auf das Ich bezogene Richtung (einschließlich des kognitiven Behaviorismus und der Freudschen Ich-Psychologie), die humanistische Richtung (wie Bioenergetik und Gestalttherapie) und die transpersonale Richtung (wie Psychosynthese, die Jungsche Psychologie und die mystische Traditionen im Allgemeinen). Soviel ich weiß, bietet kein anderes Werk diese Art von Überblick.
Dieses Buch soll zeigen, dass jede Grenze, die wir in unserem Erleben errichten, zu einer Einschränkung unseres Bewusstseins führt — zu einer Zerstückelung, einem Konflikt, einem Kampf. In unserem Erleben gibt es viele solcher Beschränkungen und Grenzen, die zusammen ein Spektrum des Bewusstseins bilden. Wir werden sehen, wie sich verschiedene Therapieformen verschiedenen Ebenen dieses Spektrums genähert haben. Jede Art der Therapie versucht, eine bestimmte Grenze oder einen bestimmten Knoten im Bewusstsein aufzulösen. Durch den Vergleich verschiedener Arten von Therapie offenbaren sich uns die verschiedenen Arten von Grenzen, die im Gewahrsein entstehen. Wir fangen auch an zu erkennen, wie wir all diese Hindernisse beseitigen und über sie hinauswachsen können.
Dem allgemein interessierten Leser wird dieses Buch also eine persönliche Einführung in die Hauptmethoden von Wachstum und Verwandlung liefern — von der auf das Ich bezogenen zur humanistischen und zur transpersonalen Methode —, und es wird aufzeigen, wie diese Ansätze miteinander zusammenhängen. Es bietet dem Leser auch spezifische Übungen an, damit er diese verschiedenen Ansätze an sich selber erfahren kann.
Dieses Buch ist weder ein Fachbuch noch ein gelehrtes Buch. Es ist eine Einführung, die sich notwendigerweise auf Verallgemeinerungen stützt. Ich habe mir daher die Freiheit genommen, einiges zu vereinfachen und zu verdichten. Ich habe z.B. Imaginationsübungen, die Entspannungsreaktion, Rollenspiel, das Anhalten des Denkens, die Traumanalyse usw. nicht ausführlich erörtert. Auch bin ich nicht auf Strategien der Verhaltensänderung eingegangen, denn für einfache Einführungskapitel sind sie zu kompliziert. Wenn ich vom »höchsten Bewusstseinszustand« spreche, verzichte ich auf die technisch korrekteren Bezeichnungen wie »nicht-duales« Bewusstsein, »offenes« oder »unbehindertes« Bewusstsein und auf »vereinendes« Bewusstsein und begnüge mich stattdessen zwanglos mit »Bewusstsein der All-Einheit« (unity consciousness).


Lincoln, Nebraska,
im Frühjahr 1979Ken Wilber


Einleitung: Wer bin ich?


Plötzlich, ohne jedes Vorzeichen, zu jeder Zeit, an jedem Ort, ohne erkennbaren Grund kann es geschehen.


Ganz plötzlich war ich von einer feuerfarbenen Wolke umgeben. Einen Augenblick lang dachte ich an Feuer, an ein Flammenmeer irgendwo nahebei in jener großen Stadt, im nächsten wusste ich, dass das Feuer in mir war. Unmittelbar darauf überkam mich ein Gefühl des Jubels, der unermesslichen Freude, begleitet oder gefolgt von einer Erleuchtung des Verstandes, die ich unmöglich beschreiben kann. Unter anderem begriff ich nicht nur, sondern ich sah, dass das Universum nicht aus toter Materie besteht, sondern im Gegenteil eine lebendige Gegenwart ist; mir wurde bewusst, dass ewiges Leben in mir ist. Es war nicht die Überzeugung, dass mir ewiges Leben zuteil werden würde, sondern das Bewusstsein, dass ich in diesem Augenblick ewiges Leben hatte; ich erkannte, dass alle Menschen unsterblich sind; dass die kosmische Ordnung so ist, dass ohne jeden Zweifel alle Dinge zum Besten von allem und jedem zusammenwirken; dass das Ursprungsprinzip der Welt, aller Welten, das ist, was wir die Liebe nennen, und dass das Glück aller und jedes Einzelnen auf lange Sicht eine absolute Gewissheit ist (Zit. aus R. M. Bucke).


Was für eine wunderbare Erkenntnis! Es wäre gewiss ein schwerer Fehler, wollten wir voreilig folgern, derartige Erlebnisse seien Halluzinationen oder Folgen einer geistigen Verwirrung, denn in dem, was sie schließlich offenbaren, haben sie nichts mit der schmerzlichen Gequältheit psychotischer Phantasiebilder gemein.


Der Staub der Straße und die Steine waren kostbar wie Gold, die Tore waren zunächst die Enden der Welt. Die grünen Bäume entzückten und begeisterten mich, als ich sie zuerst durch eines der Tore sah ... Jungen und Mädchen, die sich auf den Straßen tummelten und spielten, waren dahintreibende Edelsteine. Ich wusste nichts davon, dass sie geboren waren oder sterben würden. Aber alle Dinge verharrten ewig, wie sie waren, an ihrem richtigen Ort. Ewigkeit offenbarte sich am hellen Tage. (Traherne)


William James, der bedeutendste amerikanische Psychologe, hat wiederholt unterstrichen, dass »unser normales Wachbewusstsein nur eine besondere Art des Bewusstseins ist, während überall ringsum, von ihm nur durch feinste Schleier getrennt, potenzielle Formen des Bewusstseins liegen, die ganz anders sind.« Es ist, als sei unser alltägliches Gewahrsein nur eine unbedeutende Insel, umgeben von einem weiten Meer unvermuteten und unerforschten Bewusstseins, dessen Wellen ständig an die schützenden Klippen unseres Normalbewusstseins schlagen, bis sie vielleicht einmal ganz unversehens durchbrechen und unsere Bewusstseinsinsel mit der Erkenntnis eines riesigen, weitgehend unerforschten, aber ungemein realen Bereichs einer neuen Bewusstseinswelt überschwemmen.


Nun kam ein Moment der Verzückung, so intensiv, dass das Universum stillstand, als sei es verblüfft über die unbeschreibliche Erhabenheit des Schauspiels. Nur einer im ganzen unendlichen Universum! Der All-Liebende, der Vollkommene . In demselben wunderbaren Augenblick dessen, was man himmlische Seligkeit nennen könnte, kam die Erleuchtung. Ich sah in einem eindringlichen inneren Bild die Atome oder Moleküle, aus denen sich das Universum anscheinend zusammensetzt — ich weiß nicht, ob materiell oder spirituell —, wie sie sich neu anordnen, während der Kosmos (in seinem fortdauernden, immerwährenden Leben) von einer Ordnung in die andere übergeht. Welche Freude, als ich sah, dass in der Kette keine Unterbrechung war — kein Glied wurde ausgelassen —, alles geschah an seinem Platz und zu seiner Zeit. Welten, Systeme — alles vermischte sich zu einem harmonischen Ganzen. R.M. Bucke)


Das Faszinierendste an solchen erschreckenden und erleuchtenden Erlebnissen — und der Aspekt, dem wir viel Beachtung schenken werden — ist der Umstand, dass der einzelne Mensch über jeden Schatten eines Zweifels hinaus das Gefühl bekommt, dass er im Grunde eins ist mit dem ganzen Universum, mit allen Welten, seien sie hoch oder niedrig, heilig oder profan. Sein Identitätsgefühl erstreckt sich weit über die engen Grenzen seines Leibes und seiner Seele hinaus und umfasst das ganze Weltall. Eben aus diesem Grunde bezeichnete R.M. Bucke diesen Zustand des Gewahrseins als »kosmisches Bewusstsein«. Der Moslem nennt ihn die »Höchste Identität«, die höchste deshalb, weil sie eine Identität mit dem All ist. Wir werden sie gewöhnlich »Bewusstsein der All-Einheit« nennen — eine liebevolle Umarmung des Universums insgesamt.


Die Straßen waren mein, der Tempel war mein, ebenso Sonne, Mond und Sterne, und die ganze Welt war mein, und ich war der Einzige, der sie betrachtete und genoss. Ich kannte keinen knauserigen Besitz, keine Grenzen noch Trennungen; alle Besitztümer und alles Abgetrennte waren mein, alle Schätze und ihre Besitzer. So dass ich mit viel Getue korrumpiert und veranlasst wurde, die schmutzigen Kunstfertigkeiten dieser Welt zu erlernen, die ich nun wieder verlerne und gleichsam wieder zum kleinen Kind werde, damit ich in das Reich Gottes eingehen kann. (Traherne)


Dieses Erleben der höchsten Identität ist so weit verbreitet, dass es sich zusammen mit den Lehren, die es erklären wollen, die Bezeichnung »Philosophia perennis« verdient hat. Es gibt viele Beweise dafür, dass diese Art von Erfahrung oder Erkenntnis im Zentrum jeder großen Religion steht — im Hinduismus, Buddhismus, Taoismus, im Christentum, im Islam und im Judentum —, so dass wir zu Recht von der »transzendierenden Einheit der Religionen« und der Einmütigkeit der ursprünglichen Wahrheit sprechen können.
Das Thema dieses Buches lautet: Diese Art des Gewahrseins, dieses Bewusstsein der Einheit oder diese höchste Identität ist die Natur und der Zustand aller fühlenden Wesen, aber wir schränken unsere Welt immer mehr ein und wenden uns von unserer wahren Natur ab, um uns mit Grenzen zu umgeben. Unser ursprünglich reines und einendes Bewusstsein funktioniert dann auf mannigfaltigen Ebenen, mit verschiedenen Identitäten und verschiedenen Grenzen. Diese verschiedenen Ebenen machen im Grunde die vielen Arten aus, wie wir auf die Frage »Wer bin ich?« antworten können und antworten.
»Wer bin ich?« Diese Frage hat wahrscheinlich die Menschheit seit Anbeginn gequält, und sie ist noch heute eine der beunruhigendsten aller menschlichen Fragen. Die angebotenen Antworten reichen vom Heiligen bis zum Profanen, vom Komplexen bis zum Einfachen, vom Wissenschaftlichen bis zum Romantischen, vom Politischen bis zum Individuellen. Aber anstatt die Menge von Antworten auf diese Frage zu untersuchen, wollen wir uns einen sehr spezifischen und grundlegenden Prozess ansehen, der abläuft, wenn ein Mensch die Frage »Wer bin ich?, Was ist mein wahres Selbst?, Was ist meine fundamentale Identität?« stellt und beantwortet.
Wenn jemand fragt, »Wer bist du?«, und wenn Sie darangehen, eine vernünftige, ehrliche oder mehr oder weniger ausführliche Antwort zu geben — was tun Sie dann wirklich? Was geht in Ihrem Kopf vor sich, während Sie dies tun? In gewissem Sinne beschreiben Sie Ihr Selbst, wie Sie es kennen gelernt haben, wobei Sie in Ihre Schilderung die meisten einschlägigen Fakten einbeziehen, gute und schlechte, wertvolle und wertlose, wissenschaftliche und poetische, philosophische und religiöse, die Sie als etwas begreifen, das für Ihre Identität grundlegend ist. Sie könnten zum Beispiel denken: »Ich bin ein einzigartiger Mensch, ein mit einem gewissen Potenzial begabtes Wesen; ich bin gütig, aber manchmal grausam, liebevoll, aber manchmal feindselig, ich bin Vater und Rechtsanwalt, ich gehe gern fischen und spiele gern Basketball ...« Und so könnte Ihre Liste von Gefühlen und Gedanken weitergehen.
Aber dem ganzen Vorgang der Darstellung einer Identität liegt noch ein tieferer Prozess zugrunde. Wenn Sie auf die Frage »Wer bist du?« antworten, geschieht etwas ganz Einfaches. Wenn Sie Ihr »Selbst« beschreiben oder erklären oder auch nur innerlich spüren, ziehen Sie in Wirklichkeit, ob Sie es wollen oder nicht, im Geist eine Linie oder Grenze über das ganze Feld Ihres Erlebens, und alles, was innerhalb dieser Grenze liegt, nennen Sie oder empfinden Sie als Ihr »Selbst«, während Sie alles außerhalb dieser Grenze als »Nicht-Selbst« empfinden. Die Identität Ihres Selbst ist, anders ausgedrückt, völlig davon abhängig, wo Sie diese Grenzlinie ziehen.
Sie sind ein Mensch und kein Stuhl, und Sie wissen das, weil Sie bewusst oder unbewusst zwischen Menschen und Stühlen eine Grenze ziehen und Ihre Identität mit Ersteren erkennen können. Sie sind vielleicht ein sehr groß gewachsener Mensch und kein kleiner; daher ziehen Sie im Geist eine Grenze zwischen groß und klein und bezeichnen sich daher als »groß«. Sie bekommen das Gefühl, »Ich bin dies, und nicht das«, indem Sie zwischen »dies« und »das« eine Grenze ziehen und dann Ihre Identität mit »diesem« und Ihre Nicht-Identität mit »jenem« erkennen.
Wenn Sie also sagen: »mein Selbst«, ziehen Sie eine Grenze zwischen dem, was Sie sind, und dem, was Sie nicht sind. Wenn Sie auf die Frage »Wer bist du?« antworten, beschreiben Sie einfach das, was innerhalb dieser Grenzlinie liegt. Die so genannte Identitätskrise tritt ein, wenn Sie nicht entscheiden können, wie oder wo die Linie zu ziehen ist. Kurzum, »Wer bist du?« bedeutet »Wo ziehst du die Grenze?«
Alle Antworten auf die Frage »Wer bin ich?« leiten sich genau von diesem Grundvorgang her, dass man zwischen »Selbst« und »Nicht-Selbst« eine Grenze zieht. Wenn erst einmal die allgemeinen Grenzlinien festgelegt sind, können die Antworten auf jene Frage sehr komplex werden — wissenschaftlich, theologisch, ökonomisch —, oder sie können auch höchst einfach und ungegliedert sein. Aber jede mögliche Antwort hängt davon ab, dass man zunächst die Grenze zieht.
Das Interessanteste an dieser Grenzlinie ist, dass sie sich verschieben kann und dies auch häufig tut. Man kann sie neu ziehen. Der Mensch kann gewissermaßen seine Seele neu erforschen und Gebiete in ihr finden, die er niemals für möglich, erreichbar oder sogar wünschenswert gehalten hätte. Wie wir gesehen haben, geschieht die radikalste Neu-Erforschung oder Verschiebung der Grenzen beim Erleben der höchsten Identität, denn hier erweitert der Mensch die Grenzen der Identität seines Selbst so, dass sie das ganze Universum umfassen. Wir könnten sogar sagen, er verliert die Grenzlinie ganz und gar, denn wenn er mit dem »harmonischen Ganzen« identifiziert ist, gibt es kein Außen oder Innen mehr, also auch keinen Ort, wo man eine Grenze ziehen könnte. In diesem Buch werden wir immer wieder auf das Bewusstsein ohne Grenzen, das als höchste Identität bekannt ist, zurückkommen und es untersuchen. Aber hier scheint es mir der Mühe wert, einige der anderen, vertrauteren Methoden zu untersuchen, wie man die Grenzen der Seele definieren kann. Es gibt so viele Arten von Grenzen wie Individuen, die sie ziehen, aber sie alle lassen sich in eine Handvoll leicht erkennbarer Klassen einordnen.
Die am weitesten verbreitete Grenzlinie, die Menschen ziehen oder als gültig anerkennen, ist die Grenze der Haut, die den gesamten Organismus umhüllt. Dies scheint eine allgemein anerkannte Grenzlinie zwischen Selbst und Nicht-Selbst zu sein. Alles innerhalb dieser Hautgrenze ist in gewisser Hinsicht »ich«, während alles außerhalb dieser Grenze »nicht ich« ist. Etwas außerhalb der Hautgrenze mag »mein« sein, aber es ist nicht »ich«. Zum Beispiel erkenne ich »mein« Auto, »meine« Arbeit, »mein« Haus, »meine« Familie, aber sie sind eindeutig nicht unmittelbar »ich« — auf dieselbe Weise, wie alles, was in meiner Haut steckt, »ich« bin. Die Hautgrenze ist also eine der am grundsätzlichsten anerkannten Grenzen zwischen Selbst und Nicht-Selbst.
Wir könnten denken, diese Hautgrenze sei so offensichtlich, so real und so allgemein verbreitet, dass es in Wirklichkeit für einen Menschen gar keine anderen möglichen Grenzen geben könnte, ausgenommen vielleicht das seltene Auftreten des Bewusstseins der All-Einheit einerseits oder das Bewusstsein des hoffnungslosen Psychotikers andererseits. Aber es gibt tatsächlich einen weiteren, äußerst verbreiteten, nachweisbaren Typus der Grenzlinie, die sehr viele Menschen ziehen. Die meisten Menschen erkennen und akzeptieren zwar die Haut als Grenze zwischen Selbst und Nicht-Selbst als selbstverständlich, aber sie ziehen noch eine weitere Grenze, die für sie auch noch bedeutsamer ist, innerhalb des Gesamtorganismus.
Wenn Ihnen eine Grenzlinie innerhalb des Organismus seltsam vorkommt, dann lassen Sie mich fragen: »Haben Sie das Gefühl, ein Körper zu sein, oder haben Sie das Gefühl, einen Körper zu haben?« Die meisten Menschen glauben, sie hätten einen Körper, als ob sie ihn besäßen oder sein Eigentümer wären, ganz ähnlich wie bei einem Auto, einem Haus oder irgendeinem anderen Gegenstand. Unter diesen Umständen scheint der Körper mehr »mein« als »ich« zu sein, und was »mein« ist, liegt der Definition gemäß außerhalb der Grenze zwischen Selbst und Nicht-Selbst. Der Mensch identifiziert sich tiefer und enger mit nur einer Facette seines Gesamtorganismus, und diese Facette, die er als sein wahres Selbst empfindet, wird unterschiedlich als das Geistig-Seelische, die Psyche, das Ich oder die Persönlichkeit bezeichnet.
Biologisch gibt es nicht die geringste Grundlage für diese Trennung oder radikale Spaltung zwischen Seele und Leib, Psyche und Soma, Ich und Fleisch, aber psychologisch ist sie verbreitet wie eine Seuche. Tatsächlich ist die Leib-Seele-Spaltung und der mit ihr einhergehende Dualismus ein grundlegendes Merkmal der westlichen Kultur. Beachten Sie bitte, dass ich selbst hier das Wort »Psychologie« für die Untersuchung des Gesamtverhaltens des Menschen benützen muss. Das Wort selbst spiegelt das Vorurteil wider, der Mensch sei im Grunde eine Geistseele und nicht ein Leib. Sogar der heilige Franziskus nannte seinen Körper den »armen Bruder Esel«, und die meisten Menschen meinen wirklich, dass wir nur gewissermaßen auf unserem Körper herumreiten wie auf einem Esel.
Diese Grenzlinie zwischen Leib und Seele ist gewiss seltsam, und sie ist keineswegs von Geburt an vorhanden. Aber wenn der Mensch an Jahren zunimmt und beginnt, seine Grenze zwischen Selbst und Nicht-Selbst zu ziehen und auszubauen, blickt er mit gemischten Gefühlen auf den Körper.

Kurzbeschreibung zu Wege zum Selbst. Goldmanns Taschenbücher,...

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Autorenportrait zu Wege zum Selbst. Goldmanns Taschenbücher,...

Ken Wilber, geb. 1949, amerikanischer Philosoph, gilt als Hauptvertreter der Transpersonalen Psychologie und als einer der genialen, interdisziplinären Denker unserer Zeit. In über 20 Büchern gibt er durch seine beeindruckenden Konzepte, Forschungen und M

Portrait

Ken Wilber:
Ken Wilber, geb. 1949, kehrte einer akademischen Laufbahn den Rücken, um im intensiven Privatstudium Philosophie, Psychologie, die östlichen und westlichen Weisheitslehren sowie andere Disziplinen der Wissenschaften des Geistes zu erforschen, und widmete sich der Praxis von Zen und tibetischem Buddhismus. Er gilt heute als der wichtigste Vertreter der Transpersonalen Psychologie und gehört zu den bedeutendsten Theoretikern eines integralen Weltbildes.

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