"Die Belagerung
Schon am nächsten Tag erschien das türkische Heer vor Wien. Nun erst zog sich Karl von Lothringen mit seinem Reiterheer und der Feldartillerie, die bis zum Entscheidungstag aufgespart werden mußte, auf das andere Ufer zurück, die Schiffsbrücke wurde von der Nachhut unter Schultz , der die andrängenden Verfolger in dreistündigem Gefecht zurückschlug, abgebrochen - hinter ihnen gingen die Leopoldstadt und das Schloß Favorite im Augarten in Flammen auf. Ein Kavalleriedetachement schwamm über den südlichen Donauarm und verbrannte die Fischerboote vor dem türkischen Lager. Am 15. Juli eröffneten die Geschütze des französischen Renegaten Ahmed Bey , eines ehemaligen Kapuziners , die Kanonade. Er selbst hatte mit einer Gesandtschaft Tökölys zuvor in Wien die Festungswerke besichtigt. Am gleichen Tag überbrachte ein reitender Sipahi , der muslimischen Tradition entsprechend, die Aufforderung, den Islam anzunehmen und sich auf Tribut zu ergeben. Am 16. sah sich die Stadt vollständig umschlossen.
Zugleich war das offene Land dem Einbruch tatarischer Reiterscharen fast wehrlos preisgegeben. Schon in den ersten Julitagen, als die Tataren bei Raab die Donau überschritten hatten, waren sie dem Heer Kara Mustafas weit vorausgeeilt und hatten das Land bis Bruck an der Leitha und um den Neusiedler See überrannt. Seit dem 5. Juli erschienen Flüchtlingskolonnen in allen festen Plätzen um Wien und im hinteren Niederösterreich. Kurz vor der Einschließung Wiens erreichte die türkische Vorhut unter Kara Mehmed Pascha von Diyarbakir und Murad Giray, dem Khan der Krim, Wiener Neustadt und forderte es mit dem gleichen Sendschreiben zur Übergabe auf, das man vorher Ödenburg und nachher Wien überbrachte. Wiener Neustadt, dessen tatkräftiger Bischof Graf Kollonitsch zur Verteidigung in die Hauptstadt geeilt war, wurde von Graf Castelli und seinen Dragonern sowie von der Bürgerwehr mehr als zwei Monate lang erfolgreich gehalten.
Aber offene Dörfer und Flecken, Klöster und Märkte fielen den schnellen Tatarenschwärmen und ihrer Brandfackel zum Opfer. Oft waren die Spitzen der Krimtataren den behördlichen Warnungen und den Flüchtlingshaufen voraus, so daß sie auf ganz unvorbereitete Ortschaften stießen. Überall wurde bewaffneter Widerstand niedergemacht, Männer, Frauen und Kinder an den Händen zusammengebunden, manchen die Füße in Ketten gelegt, wurden davongetrieben , um im Heerlager verkauft zu werden. Alte und Kranke und zu kleine Kinder wurden niedergehauen oder ertränkt. An der Donau entlang stießen die Reiterhorden über das Tullner Feld bis nach Oberösterreich vor, weiter südlich überrannten sie die Hänge und Täler des Wienerwaldes, wo Orte und Klöster in Flammen aufgingen: so Hainfeld und Perchtoldsdorf, Altmarkt und Heiligkreuz, Rainfeld und St. Veit. In St. Pölten setzten sich 2000 Tataren fest und plünderten die Umgebung.
Auf dem offenen Land und in den stillen Tälern des Wienerwalds, wo dieser apokalyptische Sturm die obrigkeitliche Schutz- und Zwangsordnung weggefegt hatte, zeigten sich jetzt in den Prachtfassaden der barocken Gesellschaft die Risse. Waffen und Wehrverhaue, mit denen bäuerliche Selbsthilfe sich gegen die Eindringlinge zu schützen suchte, richteten sich plötzlich auch gegen die Herren und Plagegeister von gestern. Besonderer Haß trat dabei gegen die Ordensgeistlichen zutage, während man die"Leutpriester"eher un geschoren ließ. Man erinnerte sich, mit wieviel Schweiß und Entbehrung fronende Bauern an den Wunderwerken des österreichischen Klosterbarock gearbeitet hatten ..."