1. Die Familie Sevilla Mendoza
In Wirklichkeit sind wir gar nicht die Familie Sevilla Mendoza. Wir sind Sarden seit der Jungsteinzeit, da bin ich sicher.
Mein Vater nennt uns so, weil das dort drüben in Lateinamerika die beiden gebräuchlichsten Nachnamen sind. Er ist weit herumgekommen, und Amerika ist sein Traum, aber nicht der reiche, begünstigte Norden, sondern das arme, unglückliche Südamerika. Als junger Mann hat er gesagt, er würde wieder dorthin fahren, entweder allein oder mit seiner Ehefrau, die dann seine Ideale teilen und mit ihm das Abenteuer wagen könnte, die Welt zu retten.
Mama hat er nie gebeten, ihn zu begleiten. Er ist schon überall gewesen, wo Hilfe gebraucht wurde. Aber nie mit ihr, sie hat zu viel Angst vor Gefahren und fühlt sich immer schwach.
Bei uns zu Hause sucht jeder etwas: Mama die Schönheit, Papa Südamerika, mein Bruder die Perfektion und die Tante einen Verlobten. Ich schreibe Geschichten. Wenn die Welt hier mir nicht gefällt, versetze ich mich in meine eigene, und es geht mir prächtig.
In der Welt hier gibt es viele Dinge, die mir nicht gefallen. Ja, ich würde sogar sagen, ich finde sie häßlich, und meine ist mir entschieden lieber.
In meiner Welt hier gibt es auch einen Mann, der schon eine Ehefrau hat.
uf keinen Fall darf ich vergessen, was er gesagt hat. "Schwöre, daß du keine Liebesbeziehung zu mir willst."Und ich:"Ich schwöre.""Unsere Beziehung wird fleischlich sein, nicht pflanzlich.""Eine fleischliche Beziehung.""Wie zwei Hunde, die mit dem Schwanz wedeln, wenn sie sich begegnen und sich gegenseitig das Hinterteil beschnüffeln.""Findest du mich schön?"frage ich. "Die Schönste hier.""Aber hier bin doch nur ich.""Na und?""Bitte sag mir, ob du mich schön findest.""Du hast den tollsten Arschder Welt."Aber meine Vorstellung von der Liebe kann nicht nur aus dem Arsch bestehen. "Mein Gesicht, gefällt dir mein Gesicht?""Was kümmert mich das Gesicht bei so einem Arsch. Im übrigen: wenn es etwas gibt, was mir auf den Sack geht, dann ist das, Komplimente auf Bestellung zu machen."Also höre ich auf, denn ich will es nicht so machen wie Mama.
Großmutter erzählt, daß Mama schon immer ein bißchen nervtötend war. Als kleines Mädchen verabschiedete sie sich vor dem Zubettgehen mit einem Kuß und einem Gutenachtgruß von den Eltern. Die waren manchmal müde und antworteten zerstreut: Gute Nacht.""Ich will einen schönen Gutenachtgruß!"flehte das Mädchen. "Gute Nacht", wiederholten sie leicht verärgert. "So nicht, so nicht! Das ist noch schlimmer als vorher!"Sie jammerte und weinte, bis die erschöpften Großeltern ihr ordentlich eins hinter die Ohren gaben. Erst dann, erst wenn es keinen Ausweg mehr gab, schlief sie ein.
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