Die Deutschen sind, was ihr Geld und ihre Finanzen angeht, in der Mehrzahl leichtgläubig, eine Spur verantwortungslos und leider auch gelangweilt. In weiten Bevölkerungskreisen ist es völlig normal, keine Ahnung von Wirtschaft, Finanzfragen und Gelddingen zu haben. Dies gilt in allen Gesellschaftsschichten, selbst in Kreisen, in denen eine solide, umfangreiche Ausbildung die Norm ist.
In den Monaten, in denen dieses Buch entstand, tobte an den Finanzmärkten die größte Krise seit Anfang der 1930er Jahre. Die Wirtschaftsleistung praktisch aller Länder auf Erden sank oder wurde zumindest erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Begonnen hatte alles - das ist zumindest in der Öffentlichkeit angekommen - mit einer mysteriösen "Subprime-Krise" in den USA, die im Zweifel irgendwelche verantwortungslosen Banker verzapft hatten: "Finanzhaie", "Heuschrecken" und andere mutmaßliche Verbrecher. Die meisten Börsenindizes brachen im Laufe des Jahres 2008 um 40 bis 80 Prozent ein - und damit sank auch das Anlagevermögen vieler Aktionäre und Fondsbesitzer in ähnlichem Umfang. Die Arbeitslosigkeit stieg weltweit rasant, auch bei uns. Viele Unternehmen, die noch vor achtzehn Monaten zu den größten und am meisten bewunderten der Welt gehörten, gingen pleite oder mussten von Regierungen gerettet werden.
Bestenfalls einer von hundert Deutschen kann die Hintergründe dieser dramatischen Wirtschaftskrise, deren Ursachen sich über viele Jahre hinweg aufgebaut hatten, halbwegs plausibel erklären. Viele kennen nicht einmal den Unterschied zwischen einer Aktie und einer Anleihe, die etwa so viel miteinander gemeinsam haben wie Apfel und Aalsuppe.
Das Unwissen der Verbraucher in Finanzdingen ist frappierend. Das klingt, ich weiß, fast fies; es ist indes nicht so gemeint. Ich gebe mich lediglich - nach nunmehr 15 Jahren als Wirtschaftsjournalist und mehr als 20 Jahren an der Börse - keinen Illusionen mehr hin: Die Deutschen haben ein echtes Problem in Sachen Geld und Geldanlage. Sie haben in der Mehrzahl tatsächlich nicht den Hauch einer Ahnung. Das ändert nichts daran, dass sie sich bei diesem Thema generell für schlau und gut informiert halten.
Missverstehen Sie mich nicht: Unwissen in komplizierten Finanzdingen - oder auf anderen Gebieten - ist überhaupt keine Schande. Die Liste der Gebiete, auf denen ich persönlich mich nur sehr eingeschränkt oder gar nicht auskenne, ist furchtbar lang. Probleme beginnen nicht damit, dass man nichts weiß; sie beginnen damit, dass man keine Fragen mehr stellt, wenn man etwas nicht weiß. Wenn man es sich in der Ahnungslosigkeit bequem macht und trotz begrenzter Kenntnisse folgenreiche Finanzentscheidungen trifft. Denn mangelndes Wissen hält die Bundesbürger keineswegs davon ab, Geldanlagen aller Art zu nutzen und einen Vorsorge- oder Versicherungsvertrag nach dem anderen zu unterzeichnen. Die wichtigsten - in Deutschland gehören Kapital-Lebensversicherungen, Riester-Renten und Bausparverträge zu den Spitzenprodukten - sind in ihrer Machart so komplex, dass sie selbst für viele Experten nicht in allen Details durchschaubar sind, insbesondere im Hinblick auf die Kosten (also die Gebühren), die mit einem Abschluss verbunden sind.
Erschreckend viele Verbraucher tun dennoch das, was ihr Bankberater ihnen empfiehlt. Oft fallen dann Sätze wie: "Den kenne ich schon so lange" oder: "Die ist immer total nett". Dass es an dieser Stelle keineswegs nach Nettigkeit gehen sollte, kommt ihnen nicht in den Sinn. Ein ideales Umfeld, um sehenden Auges ins Unglück zu laufen.
Ein Beispiel, das ich so oder ähnlich viele Male erlebt habe: Bei einem Abendessen in größerer Runde kommt das Gespräch auf Wirtschaft, Börse, Geldanlage. (Selbst mir fallen Themen ein, die interessanter wären, doch mitunter unterhalten sich Menschen tatsächlich freiwillig darüber.) Mit einem gewissen Stolz in der Stimme berichten dann stets einige, dass sie sich darüber keine Gedanken machten - sie hätten schließlich "Fonds". Manchmal nicken andere, die sich möglicherweise noch nie mit der eigenen Altersvorsorge beschäftigt haben, an dieser Stelle respektvoll. "Fonds. Wie beeindruckend."
"Fonds" sind ein schöner Ausgangspunkt, sicher. Doch hakt man vorsichtig nach, um was für Fonds es sich dabei handelt, erntet man leere Mienen. Ob es dabei um Aktienfonds, Rentenfonds, Mischfonds, Dachfonds, offene oder geschlossene Immobilienfonds - oder womöglich Hedgefonds - geht, können schockierend viele Privatanleger nicht beantworten. Sie wissen einfach nicht, wie ihr eigenes Geld investiert wird. Genauso wenig haben sie eine Vorstellung davon, wie das Chance-Risiko-Profil ihrer Fonds aussieht und wie sie sich im Auf und Ab des Börsengeschehens schlagen könnten.
Warum auch, möchten an dieser Stelle vielleicht einige einwenden. Um es mit einem Vergleich zu sagen: Es ist ein wenig so, als ob man nach einer Mahlzeit aus einem Restaurant kommt und erklärt: "Herrlich, ja, wir haben gegessen." Allerdings wissen die Herrschaften nicht, was auf dem Teller war. Fisch, Fleisch oder vegetarisch? - keine Ahnung. Waren die Zutaten frisch, die Temperaturen der Speisen richtig? Achselzucken. Ist auch egal, denn ob es geschmeckt hat, wissen die Gäste schließlich auch nicht. Nur die Rechnung war verdächtig hoch. Was ist von so einem Restaurantbesucher zu halten?
Ähnlich gehen viele Bundesbürger mit ihren Fonds - und ihrer Altersvorsorge im Allgemeinen - um. Dies gilt keineswegs nur für diejenigen mit relativ einfachem Ausbildungsniveau. Vielmehr fällt mir bei meiner Arbeit immer wieder auf, wie viele Menschen, die intelligent, beruflich erfolgreich und unabhängige Denker sind, bereitwillig ihren gesunden Menschenverstand abgeben, sobald sie durch die Eingangstür einer Bank, Sparkasse oder Versicherungsfiliale treten. Aus meinem persönlichen Umfeld kommen mir spontan ein Arzt, ein selbstständiger Unternehmer, ein Opernregisseur, ein leitender Journalist und ein Filmschaffender in den Sinn. Die Liste ließe sich fast beliebig fortsetzen. Mir fällt keine Berufsgruppe ein, die an dieser Stelle systematisch glänzen würde. (Bis zum Beweis des Gegenteils gehe ich fest davon aus, dass beispielsweise Finanzjournalisten und Bankmitarbeiter im Jahr 2008 ähnlich hohe Anlageverluste erlitten haben wie alle anderen - obwohl sie es als vermeintliche Experten eigentlich hätten besser wissen müssen.) Die Folgen sind drastisch. Es ist stets eine teure Angelegenheit, den gesunden Menschenverstand beim Betreten der Bankfiliale auszuschalten.
Diese Situation kann man nicht anders als tragisch nennen. Die meisten von uns verbringen in ihrem Leben viel Zeit damit, Geld zu verdienen, sich selbst und die Familie zu ernähren, finanzielle Ziele zu erreichen. Der eine oder andere träumt vielleicht sogar davon, eines Tages reich und finanziell unabhängig zu sein und verfolgt dieses Fernziel konsequent.