Die Vergangenheit
1
»Könnten Sie das ein wenig konkretisieren, wenn Sie von sonderbarem VerhaltenDer Anwalt ließ ein Lächeln wohlgeübter Geduld sehen, und seine Stimme war voller Verständnis, als er fortfuhr:
»Ja. Könnten Sie uns vielleicht Beispiele nennen für das, was Sie uns beschrieben haben als sonderbares Verhalten Ihrer Frau im Laufe der letzten Jahre?«
»Oh, ja. Gewiß.« Der Mann nickte.
Wie erstarrt saß Donna Cressy auf ihrem Stuhl, und voll Anspannung beobachtete sie den Mann im Zeugenstand - ihn, der sechs Jahre lang ihr Ehemann gewesen war: Victor Cressy, achtunddreißig, fünf Jahre älter als sie. Unbeirrt fuhr er fort, ihr Selbstbewußtsein zu zerstören, Stück für Stück, Atom für Atom (wie Aschenstäubchen aus dem Ofen eines Krematoriums). Alles wurde seziert: jedes Wort, das sie in ihrer Ehe jemals geäußert hatte, selbst der Tonfall, die kleinste Nuance. Es schien nichts zu geben als eine Interpretation oder, anders ausgedrückt, den Blick durch seine Brille. Sie fühlte sich versucht zu lächeln. Warum auch hätte es bei der Scheidung anders sein sollen als während ihrer Ehe.
Sie betrachtete sein Gesicht und wünschte, sie könnte so sein wie eine der Frauen, von denen sie so oft gelesen hatte: die beim Blick auf den einstigen Ehemann oder Geliebten nicht mehr verstehen konnten, was sie in dem denn je gesehen haben mochten. Was sie selbst betraf, so sah sie noch immer alles genau wie damals - das attraktive, freundlich wirkende Gesicht mit den nachdenklichen blauen Augen, dem fast schwarzen Haar, dem vollen Mund. Bei aller Sensibilität besaß es auch etwas Herrisches, und die Stimme war die Stimme eines Mannes, der sich Respekt zu verschaffen verstand, aber auch Respekt zollte.
»Sie hörte auf, Auto zu fahren«, sagte Victor wie verwundert. Offenbar war dies etwas, das über sein Begriffsvermögen ging. »Hörte auf - ja, wieso denn?« hakte der Anwalt nach. »Hatte sie einen Unfall gehabt?«
Er war wirklich ein ausgezeichneter Anwalt, mußte Donna zugeben. Hatte Victor nicht sogar gesagt, er sei der beste in ganz Florida? Verwundern konnte das kaum. Für Victor war das Beste immer gerade gut genug. Anfangs hatte sie das an ihm bewundert, später mehr und mehr verabscheut. Schien es nicht unfaßbar, daß man das, was man einmal geliebt, am Ende verachten konnte?
Komisch eigentlich. Komisch, daß der routinierte Anwalt und sein Mandant die einstudierte Szene so »brachten«, daß alles ganz spontan wirkte. Von ihrem eigenen Anwalt wußte sie: Ein guter »Mann vom Fach« stellt niemals eine Frage, deren Beantwortung er nicht im voraus kennt. Auch ihr Anwalt genoß einen ausgezeichneten Ruf als Jurist - konnte jedoch mit Victors Anwalt nicht ganz mithalten.
»Nein. In all den Jahren, die ich sie kannte, hatte sie niemals einen Unfall«, erwiderte Victor. »Mit sechzehn lernte sie fahren, und soweit ich weiß, geht nicht einmal eine Delle im Kotflügel auf ihr Konto.«
»Wie war das nach der Heirat? Ist sie damals viel gefahren?«
»Aber ja, dauernd. Zu unserem zweiten Hochzeitstag kaufte ich ihr ein Auto, einen kleinen Toyota. Sie war überglücklich.«
»Und eines Tages hörte sie plötzlich mit dem Fahren auf?«
»Ganz recht. Urplötzlich weigerte sie sich. Wollte sich nicht mehr ans Lenkrad setzen.«
»Gab sie irgendeine Erklärung dafür?«
»Sie sagte, sie wolle nicht mehr fahren.«
Ed Gerber, Victors Anwalt, hob die Augenbrauen, runzelte die Stirn und spitzte die Lippen. Ein Meister der Mimik, dachte Donna. »Wann genau war das?«
»Vor ungefähr zwei Jahren. Nein. Ist vielleicht schon ein wenig länger her. Muß so um die Zeit gewesen sein, als sie mit Sharon schwanger war. Sharon ist jetzt sechzehn Monate alt. Ja, doch, vor ungefähr zwei Jahren.« Seine Stimme klang tief und nachdenklich.
»Hat sie seither wieder ein Auto gefahren?«
»Nicht daß ich wüßte.«
»Und eine mögliche Ursache für dieses Verhalten ist Ihnen nicht bekannt?«
»Ganz recht. Allerdings...«, er hielt inne, schien nicht recht zu wissen, ob er fortfahren sollte, »einmal habe ich beobachtet, wie sie sich ans Lenkrad setzte. Das war etwa vor einem Jahr, und sie dachte, ich schliefe noch...«
»...schliefen noch? Welche Uhrzeit war es denn?«
»Kurz nach drei Uhr morgens.«
»Was suchte sie dort draußen, um drei Uhr morgens?«
»Einspruch.« Er kam von ihrem Anwalt. Mr. Stamler. Mr. Stamler und Mr. Gerber glichen einander fast wie ein Ei dem anderen. Gleiche Größe, gleicher Körperbau, etwa das gleiche Alter. Ja, sie schienen austauschbar. Allerdings: Victor hatte ihr gesagt, sein Mr. Gerber sei der bessere.
»Ich ziehe die Frage zurück. Wie war Ihre Frau zu diesem Zeitpunkt gekleidet?«
»Sie trug ein Nachthemd.«
»Und wo befanden sich die Kinder?«
»Im Haus. Sie schliefen.«
»Würden Sie bitte genau schildern, was Sie an jenem Morgen beobachteten?«
Victor schien perplex. Und Donna sah deutlich, daß seine Verwirrung nicht gespielt war. Vergib ihnen, Vater, dachte sie unwillkürlich, denn sie wissen nicht, was sie tun. Victor hatte geschworen, die Wahrheit zu sagen. Und er sagte sie - so wie er sie sah. So wie er sie wußte. Seine Wahrheit, nicht ihre. Ihre Chance würde später kommen. Ihre letzte Chance.
»Ich hörte die Haustür zuklappen und blickte durch das Fenster zum Parkplatz. Donna schloß das Auto auf und stieg ein. Ich war überrascht. Offenbar wollte sie nun doch wieder selbst fahren - und dazu noch um drei Uhr nachts. Wo mochte sie um diese Zeit nur hinwollen? Das war lange, ehe ich das mit Dr. Segal erfuhr, natürlich.«
»Einspruch. Nichts weist darauf hin, daß Mrs. Cressy an diesem Morgen die Absicht hatte, sich mit Dr. Segal zu treffen.«
»Stattgegeben.« Der Richter. Gleiche Größe und so ziemlich gleicher Körperbau wie Mr. Stamler und Mr. Gerber. Ungefähr zwanzig Jahre älter.
»Ist Mrs. Cressy überhaupt irgendwohin gefahren?«
»Nein. Sie steckte den Schlüssel ins Zündschloß, und dann saß sie dort, als könne sie sich nicht bewegen. Plötzlich begann sie zu zittern. Am ganzen Körper. Sie saß dort und zitterte. Schließlich stellte sie den Motor ab und kehrte ins Haus zurück. Ich ging ins Wohnzimmer, um nach ihr zu sehen. Sie hatte ganz offensichtlich geweint. Ich fragte sie, was denn los sei.«
»Und welche Antwort gab sie Ihnen?«
»Ich solle wieder ins Bett gehen. Und dann ging sie in ihr eigenes Zimmer zurück.«
»Ihr eigenes Zimmer? Sie hatten getrennte Schlafzimmer?« »Ja.«
Das Eingeständnis schien Victor überaus peinlich zu sein.
»Wie kam es dazu?«
»Es war Donnas Wunsch.«
»Von Anfang an?«
»Nein. Oh, nein.« Er lächelte. »Wir haben zwei Kinder, vergessen Sie das nicht.« Auch Mr. Gerber lächelte. Und wenn nicht alles täuschte, lächelte sogar der Richter. Nur Donna blieb ungerührt. »Nein, sie, äh, sagte mir, sie würde nicht mehr mit mir schlafen - und das war an dem Tag, wo sie entdeckte, daß sie mit unserem zweiten Kind schwanger war.«
»Fanden Sie diese Erklärung nicht - sonderbar?«
»Nicht allzu sehr. In dieser Hinsicht war sie schon seit längerer Zeit mehr als zurückhaltend. Von wenigen Ausnahmen abgesehen.« Sein Lächeln war das eines traurigen Welpen. Donna hätte ihm ins Gesicht schlagen können.
»Ihre Frau verweigerte Ihnen also den Geschlechtsverkehr?«
»Ja, Sir.« Fast unhörbar.
»Hat Sie Ihnen einen Grund dafür genannt?« Weshalb fragt der dauernd nach Ursachen, nach Gründen, dachte Donna.
»Anfangs sagte sie, sie sei einfach zu müde, wo sie sich doch unentwegt um Adam kümmern müsse - er ist inzwischen vier.«
Ungläubig starrte Donna Victor an. Hatte er ihr nicht einmal gesagt, er besitze das Talent, den Eskimos einen Kühlschrank zu verkaufen oder den Arabern Sand? In der Tat war er ja seit fünf Jahren bei Prudential der Top-Versicherungsagent. Was sie im Augenblick erlebte, kam schon einem kleinen schauspielerischen Wunder gleich: Da verwandelte sich ein Yankee aus Connecticut in einen Ureinheimischen des Südens, Palm Beach, Florida. Selbst in seiner Sprechweise klang der behäbigere Dialekt durch. Nun ja, praktisch hatte sie ihm das seit acht Jahren abgekauft.
Seine Stimme klang in ihr nach, »...wo sie sich doch unentwegt um Adam kümmern müsse.« Normalerweise hätte sich ein Victor Cressy nie so ausgedrückt. »...weil sie sich« oder »da sie sich« - das hätte seiner üblichen Ausdrucksweise entsprochen. Und dann noch der kurze, gefühlvolle Nachsatz: »...er ist inzwischen vier.« Das war genau die richtige Dosis Schmalz; Land-Schmalz, wenn man so wollte. Aber war sie nicht mit Pauken und Trompeten darauf reingefallen? Genauso wie jetzt, augenscheinlich, der Richter.
Für einen Augenblick stieg Panik in ihr auf. Rasch wandte sie sich um, blickte zu Mel. Ja, dort war er, und er lächelte. Dennoch wirkte er verwirrt. Genauso verwirrt, wie sie sich selbst fühlte. Sie drehte den Kopf zurück, starrte wieder zum Zeugenstand. Und zum erstenmal ließ sie in sich einen Gedanken aufsteigen, der von ihr konsequent unterdrückt worden war, seit sie Victor verlassen hatte - daß am Ende er Sieger bleiben könne. Weniger was die Scheidungsklage als solche betraf; es war ihr ziemlich gleichgültig, wer hierbei als schuldiger Teil gelten würde (schließlich war es ja eine Tatsache, daß sie Ehebruch begangen hatte). Doch während der behäbige und weiche südliche Dialekt aus Victors Mund an ihr Ohr drang, schien urplötzlich dies eine mögliche Realität zu werden: daß sie ihre Kinder verlieren könne - das einzige, was sie in den letzten sorgenvollen Jahren sozusagen über Wasser gehalten hatte, und gewissermaßen auch bei Verstand.
Bei Verstand?
Victor schien da anderer Meinung. »Und dann war sie natürlich so oft krank.« »Krank?«
»Nun ja - sie schien eine Erkältung nach der anderen zu haben, und wenn es keine Erkältung war, dann war es die Grippe. Tagelang lag sie im Bett.«
»Und wer kümmerte sich um die Kinder?«
»Mrs. Adilman von nebenan. Sie ist Witwe, und sie schaute bei uns herein.«
»Hat Mrs. Cressy einen Arzt aufgesucht?«
Victors Lächeln war eine säuberliche Mischung aus Ironie und Bedauern. »Anfangs konsultierte sie unseren alten Hausarzt, Dr. Mitchelson. Als der sich dann ins Privatleben zurückzog, konsultierte sie fortan nur noch ihren Gynäkologen, Dr.
Harris. Bis sie dann Dr. Segal traf. Plötzlich wurde er der Hausarzt.«
»Dr. Melvin Segal?«
»Er behandelte Ihre Frau?«
»Und meine Kinder.«
»Sie hatten keinen Spezialisten - keinen Kinderarzt?«
Zum erstenmal an diesem Vormittag klang aus Victors Stimme so etwas wie Zorn. Es war überaus wirksam. »An sich hatten wir einen ausgezeichneten Kinderarzt. Den besten. Dr. Wellington, Paul Wellington. Aber Donna bestand darauf - und sie war in diesem Punkt absolut unnachgiebig -, daß Sharon und Adam von Dr. Segal untersucht wurden.«
»Gab sie dafür irgendeine Erklärung?« Wieder die Ursachen, die Gründe.
»Nun, jedenfalls keine befriedigende.«
Der Rechtsanwalt legte eine Pause ein. Er glich einem Wanderer, der eine Weggabelung erreicht hatte und sich nunmehr entscheiden mußte. Sollte er jenen Pfad wählen, bei dem er sich auf Donnas eheliche Untreue kaprizierte? Oder war es ratsamer, sich auf Donnas absonderliches Verhalten zu stützen? Augenscheinlich entschied er sich für das letztere - und war offenbar der Meinung, gegebenenfalls später auf den anderen Pfad ausweichen zu können.
»Etwas später würde ich gern wieder auf Dr. Segal zurückkommen«, fuhr Mr. Gerber fort, während er seine Stirn glättete und seine Lippen zu absonderlichen Formen stülpte. »Doch jetzt möchte ich, daß Sie sich auf jene Handlungen Ihrer Frau konzentrieren, die Ihnen merkwürdig vorkamen. Können Sie uns einige weitere Beispiele nennen?«
Victor blickte zu Donna, senkte sodann den Kopf. »Nun«, begann er zögernd, »unmittelbar nach Sharons Geburt gab es eine Zeit, wo sie ihr eigenes Aussehen haßte und sich entschloß, ihr Haar umzufärben.«
»Nach allem, was ich über Frauen weiß, ist das nicht gerade ungewöhnlich«, sagte Mr. Gerber und ließ ein leises, herablassendes Kichern hören. Victor war klug genug, nicht miteinzustimmen. Er ließ die präzise berechnete Unterbrechung seines Anwalts über sich ergehen und fuhr dann in seinem Bericht fort, wobei er zum Ende hin das Tempo immer mehr beschleunigte. »In der Tat«, stimmte er zunächst einmal zu, »wäre es im Grunde keineswegs ungewöhnlich gewesen, und anfangs dachte ich mir auch gar nichts dabei — außer daß mir ihr Haar immer lang und natürlich am besten gefallen hatte, und das wußte sie auch.« Pause. Wirken lassen. Absichtlich hatte sie etwas geändert, obschon sie wußte, daß der ursprüngliche Zustand bevorzugt wurde. »Zuerst färbte sie nur ein paar Strähnen, so daß es noch immer braun war, mit - wie soll ich sagen - ein paar blonden Glanzlichtern darin. Das sah gar nicht übel aus, aber nach ungefähr einer Woche entschloß sie sich zu einer weiteren Änderung. Plötzlich war sie fast völlig blond, mit wenigen braunen Strähnen. Als nächstes entschied sie, daß langes Haar ganz blond vielleicht wirkungsvoller wäre; also färbte sie es fast weißblond. Aber dann beklagte sie sich darüber, daß es von der Sonne eine gelbliche Farbe bekomme. Also war die nächste Phase Rotblond, bis sie sich absolut für Rot entschied.« Er hielt inne, um Atem zu holen. Donna erinnerte sich. Erinnerte sich an das Rot. Sie hatte gehofft, wie ein Star auszusehen. Statt dessen sah sie dann aus wie ein armes Waisenkind. »Das Rot dauerte auch nicht länger als die anderen Varianten, und bald war sie bei Kastanienbraun und schließlich sogar Schwarz angelangt. Unter diesem fortwährenden Umfärben hatte ihr Haar so sehr gelitten, daß sie es kürzer tragen mußte, etwa bis zum Kinn. Es bekam wieder seine natürliche Farbe, die gleiche wie jetzt, und es stand ihr großartig. Das sagte ich ihr auch; als sie aber am nächsten Morgen ins Frühstückszimmer kam, erkannte ich sie zunächst gar nicht. Sie sah aus wie die Insassin eines Konzentrationslagers, derart kurz hatte sie ihr Haar geschoren, und sie war so dünn.« Wie ratlos schüttelte er den Kopf.
»Was meinten ihre Freundinnen zu diesen dauernden Veränderungen?« fragte Mr. Gerber.
Sofort beugte sich Donnas Anwalt ein winziges Stück vor. Gar kein Zweifel: Bei der leisesten Andeutung, daß irgendeine Aussage bloß auf »Hörensagen« beruhte, würde er sofort Einspruch erheben.
»Nun«, erwiderte Victor vorsichtig, »zu dieser Zeit hatte sie nicht viele Freundschaften. Zumindest kam niemand ins Haus.« Wirkungsvolle Pause. Kurzer Blick auf Mel. »Allerdings - einmal hat Mrs. Adilman mich gefragt, ob mit Donna alles in Ordnung sei.«
»Einspruch. Hörensagen.«
»Stattgegeben.«
Victor wartete darauf, daß ihm sein Anwalt weitere Stichworte zuspielte. Was dieser auch tat, geschickt, behutsam.
»Was dachten Sie denn über all diese Veränderungen, Mr. Cressy?«
»Ich hoffte ganz einfach, daß es sich bloß um eine Phase handelte, die sie nach der Entbindung durchmachte. Ich hatte gehört, daß Frauen mitunter ein wenig unzurechnungsfähig werden nach...«
»Einspruch, Euer Ehren. Also wirklich...«
»Stattgegeben. Sie bewegen sich da auf gefährlichem Terrain, Mr. Gerber.«
Mr. Gerber demonstrierte leise Zerknirschung. Er senkte den Kopf, und in dieser Haltung stellte er die nächste Frage. »Mit der Zeit wurde es wieder besser?« »Nein, es wurde schlimmer.«
Donna spürte, wie ihr Fuß einzuschlafen begann. Unmittelbar vor Sonnenaufgang ist es immer am dunkelsten, hatte ihre Mutter einmal gesagt. Aus irgendeinem Grund fiel ihr diese Bemerkung jetzt ein. Sie fühlte das Kribbeln, bewegte die Zehen. Unwillkürlich mußte sie lächeln. Immerhin bewies das Kribbeln, daß dort Nerven waren - daß sie also noch lebte.
Deutlich bemerkte sie, wie sich Victors Augen verengten; er hatte ihr Lächeln gesehen, und sein Blick drückte gleichzeitig Frage und Mißbilligung aus. Du Dreckskerl, dachte sie, und am liebsten hätte sie es laut geschrien. Aber das war natürlich unmöglich. Schließlich ging es darum, den Herren hier zu beweisen, daß sie eine richtige Mutter war: ein Wesen, das Kinder nicht nur in die Welt setzen, sondern auch großziehen konnte. Victors Stimme klang wie ein Surren, das unentwegt fortdauerte. Er sprach von Mißhelligkeiten, von Demütigungen, von irgendwelchen Dingen, die sie ihm angeblich angetan. Sie wollte keine Gäste bei sich haben, nicht einmal Geschäftspartner oder potentielle Kunden. Hatten sie ihrerseits Partys besucht (wogegen sie nichts einzuwenden hatte), so sei sie sarkastisch und taktlos gewesen und habe an ihm kein gutes Haar gelassen. Oder aber: Sie verfiel ins andere Extrem und sprach den ganzen Abend praktisch kein Wort. Ein wahrer Alptraum sei es gewesen. Nie habe er gewußt, wie sie reagieren würde. Niemand wußte es.
Und dann diese andere Sache: das mit dem Hausputz.
Victor verstand es, die Geschichte so zu erzählen, als höre er sie selbst zum erstenmal. »Das fing nach Sharons Geburt an. Sie mußte mitten in der Nacht aufstehen, um das Kind zu stillen. Das war regelmäßig so gegen zwei Uhr früh. Sie steckte die Kleine dann wieder ins Bett, aber statt sich selbst wieder schlafen zu legen, begann sie aufzuräumen und sauberzumachen. Wohnzimmer, Speisezimmer, Küche. Manchmal wischte sie sogar den Küchenfußboden. Bald mußte Sharon nachts nicht mehr gestillt werden. Trotzdem stand Donna weiterhin in aller Frühe auf, gegen zwei oder drei Uhr, und beschäftigte sich wenigstens eine Stunde lang mit Hausputz. Als ich einmal in die Küche kam, spülte sie das Geschirr.« Er hielt einen Augenblick inne, fuhr dann wie bedrückt fort: »Dabei haben wir eine Geschirrspülmaschine.«
Wer war diese absonderliche Dame, von der da gesprochen wurde? dachte Donna. Eine Mrs. Victor Cressy? Nun, die war wohl in der Tat unzurechnungsfähig gewesen.
Ihre Gedanken gingen zurück in jene Zeit, als das Wort Hölle für sie mehr geworden war als ein abstrakter Begriff. Etwa sechsundzwanzig mochte sie damals gewesen sein, alleinstehend, ihre Freiheit und Selbständigkeit genießend. Sie hatte viele Verabredungen, mal mit diesem, mal mit jenem. Eine Gruppe von Kollegen bei der McFaddon-Werbeagentur beschloß, am 4. Juli, dem Unabhängigkeitstag, zu einem gemeinsamen Wochenende in ein Haus in Meeresnähe zu fahren. Es gehörte den Eltern eines Angestellten, die den Sommer weiter nördlich verbrachten; sie war mit von der Partie und genoß die Sache sehr - bis sie dann zum Küchendienst abbeordert wurde. Von Mitternacht bis zwei Uhr früh war sie mit Geschirrspülen beschäftigt - die Geschirrspülmaschine hatte beschlossen, übers Wochenende gleichfalls zu »feiern«.