Vorwort
von Dr. Michael von Cranach (ehemaliger Leiter des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren)
Ernst Lossa begleitet mich seit siebenundzwanzig Jahren. Ich weiß nicht, ob ich ihn als Freund bezeichnen darf, ich würde es mir sehr wünschen, kann mir aber auch vorstellen, dass er, vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen, die Freundschaft mit einem Psychiater strikt ablehnen würde. Das müsste ich akzeptieren. Die Umstände unseres "Kennenlernens" haben eine lange Vorgeschichte.
In der Nazizeit haben auf Hitlers persönlichen Erlass zwischen 1939 und 1945 Ärzte und ihre Mithelfer ungefähr 200 000 psychisch kranke Menschen getötet. Sie haben sie für "lebensunwert" erklärt, entwürdigt, gequält und ermordet. Die Täter waren nicht einige wenige, sondern die Mehrheit, die Elite der deutschen Psychiater.
Nach Ende des Krieges haben die Alliierten diese Ereignisse sehr gründlich untersucht, insbesondere die Amerikaner, die Beweismaterial für die Nürnberger Ärzteprozesse sammelten. Tatsächlich wurden dann 1947 in Nürnberg zwei der Hauptverantwortlichen dieser Euthanasieaktion zum Tode verurteilt und gehängt. Doch danach verlor sich das Interesse an weiterer Aufklärung.
Die Mehrheit der Täter und Mitläufer blieb unbehelligt, war weiterhin ärztlich tätig, es entstand keine Zäsur, kein Neuanfang, die schlimme Vergangenheit wurde verdrängt und verleugnet.
Andererseits hatte die Erfahrung des Krieges das Menschenbild unserer Gesellschaft verändert; das Wohl, die Rechte und auch die Verantwortung des Einzelnen bekamen einen hohen Stellenwert; individuelle Freiheit und Menschenrechte wurden die Grundwerte der neuen Demokratie. Diese Gedanken jedoch erreichten die abseits gelegenen, ver- und geschlossenen Großanstalten, in denen damals psychisch kranke Menschen behandelt wurden, sehr spät. Erst 1975 beschäftigte sich der Deutsche Bundestag mit den "brutalen und menschenverachtenden Realitäten" in den psychiatrischen Krankenhäusern, und man beschloss, eine Psychiatriereform in die Wege zu leiten mit dem Ziel der Abschaffung der Großkrankenhäuser und der Verlagerung der Behandlung und der Hilfen in das Lebensumfeld der Betroffenen. Dieser neue Wind hat damals viele von uns jungen Ärzten beflügelt, in die Anstalten zu gehen und die Reform in Gang zu setzen.
Als ich im Mai 1980 mit diesem inneren Auftrag die Leitung einer derartigen Klinik in Kaufbeuren übernahm, wurde mir nach wenigen Wochen bewusst, dass die Veränderung nur gelingen kann, wenn wir uns der Vergangenheit stellen, hinschauen auf alles, was geschehen ist, diesen Nebel der Verschwiegenheit und Lähmung lichten. Also sichteten wir Verwaltungsakten, Prozessakten, die noch vorhandenen Krankengeschichten der getöteten Menschen und wir sprachen mit Zeitzeugen. Dabei stießen wir immer wieder auf Ernst Lossa. Den amerikanischen Offizieren, die 1945 als Erste in der Klinik ermittelt hatten, war es offensichtlich ähnlich gegangen wie später uns. Bei ihren Verhören der Ärzte und des Klinikpersonals sahen sie sich mit so Unfassbarem konfrontiert, dass sie das Bedürfnis hatten, die Ereignisse besser verstehen zu können, und zwar in einem Einzelschicksal personifiziert. So fanden sich viele Zeugenaussagen über Ernst. Diese sind, erweitert um die Schilderungen von Ernsts Schwestern Amalie und Anna, die heute noch leben, und um die Ergebnisse von Robert Domes' umfangreichen Recherchen, die Grundlage dieses Buches.
Millionen Menschen wurden Opfer des Holocaust, Hunderttausende wurden Opfer des Kriegs gegen psychisch kranke Menschen, diese Zahlen versperren uns den Blick auf den Einzelnen. Als ich Ernsts Krankengeschichte zum ersten Mal in die Hand nahm, hat mich das dort angeheftete Foto tief bewegt und nicht mehr losgelassen. Seitdem führe ich innere Gespräche mit ihm, und oft habe ich bei schwierigen beruflichen Entscheidungen versucht, mein zu lösendes Problem aus Ernsts Perspektive zu betrachten, und dann wusste ich, wie ich zu entscheiden hatte. Auf dem Foto schaut Ernst uns an, herausfordernd und zugleich tieftraurig, Kind und Erwachsener zugleich. Allen, die dieses Bild sehen, legt es nahe, sich in seine Lage zu versetzen, sich vorzustellen, wie ein Kind das Leben unter derartig grauenvollen Umständen erlebt und bewältigt hat. Die äußeren Ereignisse haben sich so zugetragen, wie Robert Domes sie schildert. Um Ernsts Innenleben darzustellen, hat Robert Domes auf empathische Weise zu den Mitteln des Romans gegriffen. Der Leser ist aufgefordert, sich in Ernsts Lage hineinzuversetzen und seine persönliche Version von Ernsts Erleben zu entwickeln.
Wenn ich Ernst heute anschaue, mag ich am liebsten alles ungeschehen machen, doch das ist unmöglich, wie wir alle wissen. Selbst wiedergutmachen (was für ein unglückliches und schönfärberisches Wort haben wir damals im Rahmen der Entschädigung der Opfer des Holocaust gewählt!) geht nicht. Doch Bücher wie dieses geben Ernst und allen Opfern die Würde zurück, die ihnen auf so schlimme Art genommen wurde.
Eggenthal, im November 2007Michael von Cranach
Michael von Cranach, Dr. med, Jahrgang 1941, ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Nach Tätigkeiten in München und London übernahm er 1980 die Leitung des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren und war dort bis zu seiner Berentung 2006 tätig. Aus einer stark sozialpsychiatrischen Perspektive heraus engagierte er sich klinisch und in internationalen Gremien (WHO und EU) für die Aufhebung der Ausgrenzung psychisch kranker Menschen. In diesem Rahmen befasste er sich auch intensiv mit der Erforschung der Psychiatrie im Nationalsozialismus. Er betreibt heute eine psychiatrische Praxis in München und setzt seine Bemühungen um eine entstigmatisierte Psychiatrie fort.
Prolog
Die Tür zum Vorraum steht einen Spalt offen, dort brennt eine Glühbirne, doch ihr funzliges Licht schafft es kaum bis ins Krankenzimmer. Ernst lauscht auf die Atemzüge der anderen. Zwei schlafen fest. Nur Heinz1 ist wach, hält mit der rechten Hand sein Ohrläppchen fest und streicht mit der Linken unermüdlich die Bettdecke glatt, faltet sie auf, streicht sie wieder glatt. Mit Heinz ist nicht viel anzufangen. Er glotzt den ganzen Tag ins Leere, spricht mit Menschen, die keiner sieht, in einer Sprache, die keiner versteht. Die anderen beiden kennt Ernst nicht. Der eine hat sich, trotz der Hitze, fest in seine Decke gewickelt. Der andere schnarcht leise. Beim Einatmen gibt er ein Knurren von sich, beim Ausatmen blubbert er, als läge er unter Wasser.
Seine drei Zimmergenossen sind wesentlich jünger als Ernst, höchstens sechs oder sieben. In drei Monaten wird er fünfzehn und ist eigentlich schon zu alt für die Kinderkrankenstation. Er ärgert sich, dass er heute hier schlafen muss. Viel lieber wäre er drüben bei den Männern geblieben.
Meistens legen sie ihn auf die Krankenstation, wenn er etwas ausgefressen hat, weil sie ihn hier besser überwachen können.