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Meeresrand. btb, Band 73229

Roman

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Artikeldetails zu Meeresrand. btb, Band 73229

AutorVeronique Olmi

Untertitel Roman

Abbildungsvermerk 19 cm

  • ISBN-103-442-73229-8
  • ISBN-139783442732296
  • Verlag Btb Taschenbuch
  • Reihebtb
  • ÜbersetzerRenate Nentwig
  • EinbandartTaschenbuch
  • Seiten125
  • Veröffentlicht01.08.2004
  • GenreRoman
  • Gewicht158g
  • SpracheDeutsch
  • OriginaltitelBord de mer.

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Leseprobe aus Meeresrand. btb, Band 73229

Wir fuhren mit dem Bus, dem letzten Bus am Abend, damit uns niemand sah. Bevor wir aufbrachen, hatten die Kinder noch etwas gegessen, ich bemerkte, dass sie einen Rest Marmelade im Glas liessen, und ich dachte, diese Marmelade bleibt umsonst stehen, schade drum, aber ich hatte sie gelehrt, nichts zu verschwenden und auch an morgen zu denken.
Auf die Busfahrt freuten sie sich, glaube ich, ein bisschen waren sie auch beunruhigt, weil ich ihnen überhaupt keine Erklärung gegeben hatte. Ich hatte die Regenjacken herausgelegt, weil es am Meer ja oft regnet -so viel zumindest hatte ich verraten: sie würden das Meer sehen.
Begeisterter war Kevin, der Kleine. Neugieriger jedenfalls. Stan warf mir besorgte Blicke zu, wie er es tut, wenn ich in der Küche sitze und er mich verstohlen beobachtet und glaubt, ich sehe nicht, wie er dasteht, barfuss, im Pyjama, ich hab nicht mal die Kraft, ihm zu sagen, Steh doch nicht barfuss rum, Stan, ja, manchmal sitze ich stundenlang so da in der Küche und schere mich um nichts.
Allzulang mussten wir zum Glück nicht auf den Bus warten, und niemand hat gesehen, dass wir wegfuhren. Ein komisches Gefühl war das, die Stadt zu verlassen, abzureisen an einen unbekannten Ort, besonders, weil ja keine Ferien waren, und diese Sache, die ging den Kindern nicht aus dem Schädel, das ist mir schon klar. Wir hatten noch nie Ferien gemacht, waren noch nie über unser Viertel hinausgekommen, und nun war das Leben auf einmal ganz neu, mein Magen krampfte sich zusammen, ich hatte ständig Durst, alles ging mir auf die Nerven, aber ich hab mein Bestes, ja, wirklich mein Bestes getan, damit die Knirpse nichts merkten. Ich wollte, dass wir auf Reisen gehen, ich wollte, dass wir es auch glauben.
Als der Bus kam, waren wir richtig ergriffen alle drei, fast schüchtern. Scheuer hätten wir nicht sein können, wenn wir an Bord eines Luxusdampfers gegangen wären, erster Klasse. Dabei war es nur eine alte Klapperkiste, laut und ungeheizt. O ja, kalt war's da drin. Man stieg ein und hatte das Gefühl, in einen Luftzug zu geraten.
Ich bezahlte die Karten mit meinem letzten Hunderter, und wir setzten uns ganz nach hinten, die Kinder und ich, mit unseren Sporttaschen, die wir neben uns auf den Boden stellten, ich hatte sie vollgestopft mit warmen Kleidern für die Knirpse, ich weiss, es waren viel zuviele, aber irgendwie war ich in Panik gewesen beim Packen, ich kann das nicht erklären. Ich wollte alles dabei haben, ich wusste, es war unsinnig, aber ich wollte, dass alles uns begleitet, unser Zeug von zu Hause, das uns vertraut war, in dem wir uns auf Anhieb erkennen konnten. Kevin wollte, dass ich auch seine Spielsachen mitnehme, aber das hab ich nicht getan. Ich wusste ja: spielen würden wir nicht.
Es waren viele Leute im Bus, man kann sich gar nicht vorstellen, wieviele Menschen unterwegs sind, und so spät noch, woher kamen die, fuhren sie alle an denselben Ort wie wir, es war ihnen nichts anzusehen, sie wirkten ruhig und versunken in ganz stille Gedanken, während meine Knirpse überquollen vor Fragen, Wie lang fahren wir denn? Wenn wir ankommen, ist es dann schon Tag? - solche Dinge, ich wusste nicht recht, was ich ihnen antworten sollte, mir war schlecht, und ich hatte keine grosse Lust zu reden, vor allem hatte ich keine Lust, dass die anderen mithören konnten.
Man sitzt hoch in diesen Bussen, die Autos, die sonst etwas so Erschreckendes haben, waren zu lächerlichen Spielzeugautos geschrumpft, man sah die Beine der Fahrer, ihre Hände, die Sachen, die sie auf den Nebensitz gelegt hatten, man konnte sie fast wie in ihren eigenen vier Wänden beobachten, sie wirkten viel ungefährlicher, ja, irgendwie fühlte man sich geschützt in diesem Bus, wenn man auch vor Kälte schlotterte.
Sehr bald musste Kevin aufs Klo. Das bildest du dir ein, hab ich zu ihm gesagt, aber er wurde unruhig, er hatte Angst, in die Hose zu machen, dieses Kind wird so leicht unruhig. Und ich, die nicht auffallen wollte, musste mich vor allen Leuten durch den ganzen Gang kämpfen, den Fahrer bitten, anzuhalten, und mit meinem Sprössling aussteigen, damit er hinter den Bus pinkeln konnte, im Dunkeln, am Strassenrand, die Autos fuhren haarscharf an uns vorbei mit ihren brutal grellen Scheinwerfern. Stan ist da ganz anders. Der stört nie. Muss nie aufs Klo. Will nie was essen, was trinken. Er verlangt nie etwas, manchmal belastet mich das schon, es wäre mir lieber, er würde weniger schauen und mehr schimpfen. Heute ist das aber nicht mehr wichtig.
Stan war schon der ältere, noch bevor Kevin auf die Welt kam. Man hätte meinen können, er wartete nur darauf, dass der Kleine endlich geboren wurde, damit er seine Stelle als grosser Bruder einnehmen konnte. Diese Rolle passt zu ihm. Ich schaffe es morgens nicht, aufzustehen und zur Schule zu gehen, Stan ist derjenige, der Kevin hinbringt, und dem Kleinen gefällt das, glaube ich, ganz gut, Mit Stan komme ich nie zu spät, hat er mir einmal gesagt. Die Schulen fangen einfach zu früh an.
Zehn wäre eine gute Zeit. Vor zehn bringe ich zum Beispiel gar nichts zustande. Ich schlafe nachts nicht gut. Ich habe Angst. Nicht, dass ich wüsste, wovor. Etwas legt sich mir auf die Brust, als würde sich jemand draufsetzen, ja, genau. Ich bin für niemanden vorhanden. Auf mir kann man sich niederlassen wie auf einer Bank. Ich möchte aufstehen, mich erheben, schlagen, schreien. Es geht nicht. Dieser Jemand bleibt auf mir hocken. Wer kann das verstehen? Nachts nimmt etwas mir die Luft zum Atmen. Deshalb muss ich mich oft tagsüber hinlegen. Ein bisschen schlafen. Am Tag schlafe ich ohne Angst. Nicht immer, aber es kommt vor, ein durchsichtiger Schlaf, eine Rast, die keine Erinnerung zurücklässt und auch keinen Schmerz. Das Aufwachen ist dann schlimm - ich weiss nicht mehr, wo ich bin. Wie spät es ist. Was ich zu tun habe. Oft übersehe ich die Zeit, wenn die Schule aus ist. Ich schäme mich. Ich hetze los. Kevin wartet weinend am Schultor. Ständig hat er Angst. Nicht seinetwegen. Meinetwegen. So zerbrechlich bin ich nicht. Aber ich schäme mich.
Die Fahrt dauerte lang, zu lang, es war Nacht, und man konnte nicht in die Landschaft schauen, wir wussten also weder, wo wir waren, noch, wohin es ging. Wir befanden uns einfach nur in der Nacht, im Lärm, wir fuhren durch Lichter, überholten Lastwagen - wir überholten sie, aber mit welchem Ziel eigentlich?
Die Scheiben waren beschlagen, und Kevin zeichnete mit dem Finger kleine, schiefe Häuser darauf, Männchen ohne Arme - die Männchen, die Kevin zeichnet, haben nie Arme, Sie haben die Hände auf den Rücken gelegt, erklärt er, wenn man ihn fragt, wo denn die Männchen ihre Arme hätten.
Sehr bald war kein Platz mehr auf der Scheibe, und Kevin begann sich zu langweilen, er verlangte nach seinem Lulli, er wollte schlafen, den Lulli hatte ich komplett vergessen. Stan warf mir einen bitterbösen Blick zu, Er kann ja Daumen lutschen, sagte ich, früher gab's auch keine Lullis, da haben die Kinder eben an ihrem Daumen gelutscht, das war sowieso viel praktischer. Ich hab das so gesagt, aber ich weiss ganz genau, dass Kevin ohne sein grosses gelbes Taschentuch nicht einschlafen kann. Sein Mund fing an zu zittern. Nicht weinen, Kevin! sagte Stan, der weiss, wie sich ein Tränenausbruch ankündigt. Meinen Lulli! raunzte der Kleine. Nimm deinen Daumen, sagte ich. Er verteilte Fusstritte an den Vordersitz, die Person, die dort sass, drehte sich um, es war ein dicker Herr mit Schnurrbart, Kevin erschrak sehr, als er ihm sagte, Hör sofort auf damit, und er hörte sofort auf, er verlangte nicht mehr nach seinem Lulli, ich glaube, er weinte, jedenfalls schniefte er unentwegt, es war nervtötend.
In diesem Bus waren die Leute wirklich bequem untergebracht, und sie wünschten nicht gestört zu werden, das lag auf der Hand. Sie achteten nicht auf die Strecke, sie unterhielten sich ein bisschen, aber ganz leise, die einzigen, die sich benahmen wie Zappelphilipps, laut redeten, aufs Klo mussten oder heulten, waren meine Kinder. Die anderen wirkten alle ganz entspannt, wirklich, als würden sie diese Busfahrt jeden Abend machen, ich wurde immer unsicherer, wo wir uns befanden, wie lange wir schon unterwegs waren, und sie wurden immer gelassener, manche schliefen sogar, mit offenem Mund, die Hände auf den Bauch gelegt, sie kannten diese Strecke besser als irgend jemand sonst, ich fürchtete so sehr, die Station zu verpassen, dass ich noch einmal aufstand und den Fahrer fragen ging.
Ich wäre fast hingefallen im Gang, weil der Bus zu scharf in eine Kurve fuhr, ich stiess eine alte Dame am Kopf, und sie schrie auf, empört, als hätte ich sie schon die ganze Zeit genervt, aber sie sah mich nicht mal an dabei, vielleicht grauste sie sich vor mir. Trotzdem war es gut, dass ich fragen gegangen war, wir hatten nur noch knapp zehn Minuten, der Fahrer sagte, er würde die Station ausrufen, ich glaube, er hat mir angesehen, dass ich auf Nadeln sass. Ich bedankte mich vielmals, ich war so erleichtert! Dann ging ich vorsichtig auf meinen Platz zurück, hielt mich von Reihe zu Reihe an der Rückenlehne der Sitze fest, die alte Dame würdigte mich keines Blicks, sie redete mit ihrem Nachbarn, vielleicht über mich.
Wir sind bald da, sagte ich zu meinen Jungs, und obwohl er weinte, lächelte mir Kevin zu, mit seinem löchrigen Lächeln, wie ich immer sage, weil ihm drei Zähne fehlen - eigentlich sind wir beide uns ganz ähnlich, mit unseren Lücken im Zahnfleisch, ich traue mich oft nicht zu lächeln oder zu lachen, ohne mir die Hand vor den Mund zu halten, ich weiss nicht, ob Stan und Kevin es bemerkt haben. Später hätten sie sich sicherlich geschämt. Jetzt, wo wir keine Angst mehr haben mussten, konnten wir uns ganz locker geben, als spürten wir die Gefahr nicht, so wenig wie die anderen Fahrgäste. Auf diese Weise verging die Zeit viel schneller, und wir waren richtig überrascht, als der Fahrer den Namen der Stadt ausrief, wir standen schnell auf, es waren viele Leute im Gang.
Gut, dass ich an die Regenjacken gedacht hatte! Es goss nämlich wie mit Eimern, als wir ausstiegen. Es regnet von den Lichtern, sagte Kevin, Stan lachte ihn aus, aber ich fand das süss, Stimmt, Kevin, sagte ich, es regnet von den Strassenlaternen, hoffentlich kommt bald der Tag! Ich war total verloren, irgendwo abgeladen in einer fremden Stadt, aber ich spielte die Ortskundige und folgte den Leuten, die mit uns ausgestiegen waren, es sah so aus, als steuerten sie alle forsch auf dasselbe
Ziel zu. Die Jungs hatten sich an mich gehängt, jeder mit einer Hand, mit der anderen schleppten sie die Sporttaschen, sie waren viel zu schwer für sie, aber seit ich mir das Schlüsselbein gebrochen habe, kann ich fast nichts mehr tragen.
Es hatte wohl schon seit einiger Zeit geregnet in dieser Stadt, man kam sich vor, als stapfte man auf einer Baustelle herum statt auf einem Gehsteig, aber vielleicht gab es auch keine Gehsteige in dieser Stadt. Ich fragte mich, ob sie uns überhaupt reinlassen würden im Hotel mit unseren matschigen Schuhen, und wie bloss die Leute das machten, die hier wohnten, ihre Häuser mussten ja voll Wasser und voll Schlamm sein, ganz zu schweigen vom Meeressand. Mensch, das Meer! Es war natürlich nicht zu sehen, klar, aber man hörte es auch nicht, und ich bekam heftige Kopfschmerzen bei der Vorstellung, ich könnte mich geirrt haben, und der Frage, wie ich es anstellen würde in dieser Stadt voll Wasser und voll Schlamm, wenn es hier kein Meer gab, denn ich hatte mir geschworen, die Kinder sollten das Meer sehen. So war es. So musste es sein.
Wir kamen auf einen Platz, und die Leute verstreuten sich nach und nach in alle möglichen Richtungen, sicher waren wir im Zentrum der Stadt, war es riesig?, war es winzig?, ich konnte es einfach nicht erkennen, die Nacht war so schwarz und der Regen so eisig, man kam sich wie im Niemandsland vor, ich stand fast allein mit meinen Kindern da, und die Stadt wurde zu einem Geheimnis. Ich wusste nicht, in welche Strasse ich gehen, wo ich überqueren sollte, was führte uns weg, was brachte uns näher, alles war vollkommen reglos, und je stiller es war, um so fremder waren wir.
Ich musste jemanden ansprechen. Ich frage nicht gern jemanden, aber ich spürte, bald wäre es tiefe Nacht, und dann wären wir wirklich verloren alle drei. An einer Strassenecke sah ich einen kleinen Herrn, eingemummt in einen Anorak, der einen so winzigen mageren Hund spazierenführte, dass es aussah, als hätte er ihn aus Streichhölzern gebastelt, den habe ich gefragt, wo das Hotel war. Meine Stimme zitterte und blieb mir fast im Hals stecken, Jetzt habe ich wieder diese Beklemmung, dachte ich, und das machte mir Angst. Der kleine Herr tat den Mund nicht auf, zeigte nur mit dem Finger: das Hotel war direkt hinter uns, ich hatte es glatt übersehen, direkt hinter uns, aber das Schild war nicht beleuchtet, nicht mal der Eingang war beleuchtet; ich dankte mit einem leichten Kopfnicken, ich fürchtete mich davor, meine Stimme zu hören, und schliesslich brachte er ja auch keinen Laut über die Lippen. Als wir weitergingen und unsere Taschen durch den Schlamm schleiften, fing der kleine Zündholzhund zu bellen an, und es klang wie ein Lachen, ein fieses Lachen, es lief mir kalt über den
Rücken, dabei fürchte ich mich sonst nicht vor Hunden, und den da hätte ich mit der flachen Hand zerdrücken können. Vielleicht lag es am Regen, dachte ich plötzlich, meine zitternde Stimme, der lachende Hund, vielleicht waren alle Leute heiser in dieser Stadt, und da wurde mir unheimlich zumute, ich wünschte, es wäre bald morgen, damit ich das alles bei Tageslicht besehen könnte und feststellen, wie weit der Horizont uns führte.
Ist das unser Hotel, Mama? fragte Kevin, und auch seine Stimme versagte, aber bei ihm war es die Müdigkeit, ich kannte diese Stimme gut, sie beruhigte mich fast. Geh rein, antwortete ich, und wir mussten uns loslassen, wir drei, weil wir als Menschenkette nicht durch die Tür kamen, ganz zu schweigen von den Sporttaschen. Fast wären wir nicht losgekommen voneinander, wir waren ganz klamm und ganz verfitzt; Kevin blieb mit den Füssen in den Trägern seiner Tasche hängen und stiess mit dem Kopf hart gegen die Tür, und da sah ich, wie nass seine Haare waren, ich erinnere mich... es ist blöd ... ich erinnere mich ... es war eine Art Reflex, eine alte Angst, die Angst, er könnte sich erkälten. Fieber kriegen. Wer weiss? Vielleicht ist das in jeder Mutter drin, dass sie ihre Kleinen vor dem Fieber schützen will, ein tierischer Instinkt, stärker als wir.
Stan nahm beide Taschen und sagte, Bitte, Mama, nach dir, Stan liebt solche Höflichkeitsfloskeln, ich bin das nicht gewohnt, manchmal frage ich mich schon, wie es möglich ist, dass dieser Bengel so gute Manieren hat, wo lernt er das denn, zu Hause sicher nicht, in der Schule erst recht nicht, die Schule ist eine so herzlose Welt. Ja, er ist ein höflicher Junge, aber er ist auch stark. Das ist das Schöne. Dass er beides hat. Wie oft wollten sie in der Schule etwas aus ihm rauspressen, aber er hat immer dichtgehalten, er hat sich nie kleinkriegen lassen, auch wenn er dafür nachsitzen musste oder eine Strafe aufgebrummt bekam, immer hat er sich gewehrt mit einer Wut, von der ich nicht weiss, woher er sie hat. Ja, mir gegenüber benimmt sich Stan wie ein Gentleman, das einzige männliche Wesen, das mich so gut behandelt, manchmal muss ich freilich lachen, Ach, spiel dich nicht auf, Stan, sage ich zu ihm, aber ich liebe es, und ich glaube, er weiss das.
Durchgefroren und pitschnass, wie wir waren, schafften wir es endlich, in dieses verdammte Hotel hineinzukommen. Es war sehr dunkel, nur ein funzeliges Nachtlicht brannte am Empfang, und alles war in Braun gehalten: die Wände, das Linoleum, die Türen, in einem alten Braun, wahrscheinlich war hier seit ein paar hundert Jahren nicht frisch gestrichen worden, es sah so aus, als wäre all der Dreck an den Wänden und auf dem Boden mit der Zeit eingetrocknet, man kam sich wie in einer Schachtel vor, wie in einem Schuhkarton.
Mir war schon klar, dass die Jungs enttäuscht waren, im Fernsehen sind die Hotels ja wirklich ganz anders, es gibt überall Lichter, Blumen, grosse Spiegel, rote Teppiche, und die Leute sind angezogen wie für eine Hochzeit. Am Empfang sass so ein Junger und starrte in einen winzigen Schwarzweissfernseher, der wie ein Überwachungsmonitor aussah, aber der Mann verfolgte ein Fussballspiel, er blickte kaum auf, als ich meinen Namen sagte, er streckte den Arm nach hinten, angelte einen grossen Schlüssel von einem Haken, legte ihn auf die Theke und murmelte, Sechster Stock dritte Tür links. Ich war ganz froh, dass er uns nicht sonderlich beachtete, wir hatten eine Schlammspur hinterlassen, die sogar auf dem braunen Linoleum zu sehen war, lauter kleine Batzen, wie verstreute Kacke. Ich griff nach dem Schlüssel und blickte mich um, der Kerl kannte das wohl schon, denn er sagte, Die Treppe ist hinter Ihnen, mir fehlte eindeutig die Orientierung in dieser Stadt, alles war immer hinter mir, und ich merkte es nicht, alles war da, und ich rannte herum und ging im Kreis, dabei war alles da und wartete auf mich.
Nicht die Treppe hatte ich gesucht, sondern den Lift, aber gut, wir waren fast am Ziel, das war die Hauptsache, Los, Kinder, sagte ich, ein kleines Stück noch, Stan nahm Kevins Tasche, der Kleine nahm meine Hand und fragte noch einmal, Ist das unser Hotel? Du wirst in einem schönen Bett schlafen und ganz neue Bettwäsche haben, sagte ich, aber das schien ihm nicht zu gefallen, Mein Lulli ist nicht da, du hast meinen Lulli vergessen! Seine Stimme war voll Auflehnung, sicher hatte er sich unseren kleinen Ausflug etwas anders vorgestellt. Aber morgen, wenn er erst das Meer sieht, dachte ich, weil das Meer, das konnte keine Enttäuschung sein, das gab's einfach nicht, das Meer ist überall für alle gleich, und ich war sehr wohl in der Lage, mit meinen Knirpsen hierher zu fahren, ich war sehr wohl in der Lage, eine Reise zu unternehmen, sogar nachts, es stimmt nicht, dass ich vor lauter Angst nichts zusammenbringe, wie die auf dem Sozialamt immer behaupten.
Das alles sagte ich mir vor, während ich die Stufen hinaufstieg, aber ich glaubte es nicht wirklich, ich wollte mir nur Mut machen. Tief innerlich hätte ich es gern so schnell wie möglich zu Ende gebracht. Aber die Kinder mussten einfach das Meer sehen, das war mir auch klar, und bei dem Gedanken an all die Zeit, die wir für uns hatten, wurde mir schwindlig, ich klammerte mich ans Geländer, mir war, als würde es an mir ziehen, an meinem Arm reissen. Stan hatte Mühe mit den beiden Taschen, er wollte im vierten Stock stehenbleiben, Aber wirklich nicht! sagte ich, wenn wir jetzt stehenbleiben, kommen wir nie rauf. Ich liess Kevins Hand los und half Stan, eine der Taschen zu tragen, schwer zu sagen, wer hier wem half, wer sich woran festhielt, klar war nur: wir waren ganz schön mutlos, weil wir so viele Stockwerke hinauflaufen mussten, die Stiege war steil und unbeleuchtet, vielleicht, wenn es hell gewesen wäre, hätten wir mehr Kraft gehabt. Ohne Licht war es, als müssten wir durch einen Tunnel oder eine unterirdische Passage, wir konnten uns nicht vorstellen, wie das Zimmer aussehen würde, alles war zu braun, zu dunkel, zu unübersichtlich.
Kevin war eifersüchtig, weil er nachtrottete, eifersüchtig, weil ich seinem Bruder half, da bin ich sicher, und er fing an zu weinen, er sagte, er wäre müde, er sagte sogar, er wollte wieder nach Hause! Also, da blieb mir die Spucke weg. Was? hab ich zu ihm gesagt, die Mama macht mit dir eine Reise ans Meer, und du willst wieder nach Hause? Morgen ist Kindergarten, was sollen wir denn Marie-Helene sagen? Marie-Helene, antwortete ich, bringen wir eine Muschel mit, und ich dachte, das wäre vielleicht das richtige, eine schöne Muschel zu suchen und sie der Lehrerin zu geben, der ersten Liebe meines Sohnes, ja, sie müsste seine erste Muschel bekommen. Dieser Einfall brachte Kevin zum Lächeln, ich war stolz auf mich, Ich kann gut mit meinen Kindern umgehen, dachte ich, wenn man mich nur machen lässt, wäre vielleicht eine dieser Sozialarbeiterinnen auf so etwas gekommen? Dass man einen Fünfjährigen dazu bringen kann, in den sechsten Stock zu gehen, indem man ihm von Muscheln erzählt? Nicht eine wäre draufgekommen, solche Dinge standen ja nicht mal in ihren Fragebögen. »Sprechen Sie mit Ihren Kindern über Muscheln? - täglich; einmal im Jahr; nie.« Also, ich bin sicher, ganz viele würden »Nie« ankreuzen, und gerade die sollen gute Mütter sein? Nur weil sie nicht irgendwann gegen achtzehn Uhr in der Schule eintrudeln, sondern Punkt sechzehn Uhr fünfundzwanzig mit einem Schokocroissant am Tor stehen, ihren Knirps schnappen und sich aufregen, Du kommst natürlich wieder mal als letzter raus. Pff! Was war denn eigentlich wichtiger? Natürlich die Muscheln! Und ich war fest entschlossen, eine ganz grosse zu finden, eine von denen, die rauschen, wenn man sie ans Ohr hält, und die man zur Zierde auf die Anrichte legt.
Der Plan verfehlte seine Wirkung nicht, mit der Aussicht auf die Muschel kamen wir wie durch ein Wunder in den sechsten Stock, ich und die Kinder und die Taschen. Wir hatten keinen Schlamm mehr an den Schuhen, waren schweissgebadet, erschöpft und völlig erhitzt, wir wollten nur noch schlafen gehen, und mich durchströmte ein Glücksgefühl. Ich konnte es kaum erwarten, dass die Knirpse ins Bett kamen und wir ohne weiteres den nächsten Morgen erreichten, wie alle anderen Leute, die abends ins Bett gehen, weil sie müde sind, weil sie jede Stunde ihres Tages auszufüllen wissen, und morgens aufstehen, weil es sich so gehört, man muss aufstehen, also tun sie es - im Unterschied zu mir, ich bringe Tag und Nacht durcheinander, bin wach, wenn alle anderen pennen, und schlafe ein, wenn sie sich abhetzen, übrigens frage ich mich jedesmal, wenn ich unterwegs bin, wohin die Leute alle gehen, sie laufen nach rechts, nach links, klappern die Strassen ab, manche telefonieren sogar im Gehen, wie kann man nur soviel zu tun haben?
Ich steckte den grossen Schlüssel in das Schloss der dritten Tür links, das hat er doch gesagt, der Nachtportier, ich habe es schon richtig verstanden, dritte links, und die Tür ging auf - das heisst, nicht ganz, weil sie gegen das Bett stiess, das sehr breit war; wir zwängten uns durch und setzten uns hin, etwas anderes konnten wir nicht tun, es gab keinen Tisch, keinen Stuhl, keinen Schrank, nur dieses Bett, und viel grösser als das Bett war das ganze Zimmer nicht.
Ich fürchtete, Kevin würde gleich wieder fragen, Ist das unser Hotel? Deshalb sagte ich rasch im Kommandoton, Los, Kevin, Pipi und ab ins Bett! Wo denn? gab er zur Antwort. Wo denn was? Wo soll ich Pipi machen? Ich streckte die Hand aus, öffnete die Tür, zwängte mich wieder durch und trat auf den Flur, Kevin folgte mir mit misstrauischem Blick.




















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Rezensionen der Redaktion zu Meeresrand. btb, Band 73229

"Der erste Roman von Véronique Olmi ist ganz einfach umwerfend ... Unmöglich, die zerstörerische Schönheit ihrer Sprache zu beschreiben, die intensiven Gefühle, die er beim Lesen hervorruft." (L'Express)

"Ein unvergessliches Buch!" (Stern)

"Beklemmend und virtuos erzählt." (Literaturen)

Kurzbeschreibung zu Meeresrand. btb, Band 73229

Eine Mutter bricht mit ihren beiden Söhnen zu einer Reise auf. Sie freuen sich, aber es ist ihnen auch unheimlich. Sie waren noch nie weg, und Ferien sind auch nicht. Aber die Mutter ist fest entschlossen: Ihre Kinder sollen das Meer sehen, wenigstens einmal. Da spielt es keine Rolle, wie verlassen und trostlos der kleine Küstenort ist und dass sie von ihrem Hotelzimmer auf eine Betonwand schauen, nicht auf den Strand. Diese Reise hat sie geplant, auch wenn sie sonst nie planen kann. Sie werden ans Meer gehen und abends auf die Kirmes. Die Kinder sollen es gut haben. Bis sie kein Geld mehr hat und auch der Mut sie verlässt. Denn es ist eine Reise ohne Wiederkehr, eine Reise in das Herz der Verzweiflung.

Autorenportrait zu Meeresrand. btb, Band 73229

Véronique Olmi wurde 1962 in Nizza geboren und lebt heute mit ihren zwei Töchtern in Arles. Sie zählt in Frankreich zu den bekanntesten jungen Theaterautorinnen. Ihre Stücke werden auch in Deutschland und in der Schweiz gespielt. Ihr erster Roman „Meeresr

Autorenportrait

Véronique Olmi wurde 1962 in Nizza geboren und lebt heute mit ihren zwei Töchtern in Arles. Sie zählt in Frankreich zu den bekanntesten jungen Theaterautorinnen. Ihre Stücke werden auch in Deutschland und in der Schweiz gespielt. Ihr erster Roman „Meeresr

Autorenportrait

Véronique Olmi wurde 1962 in Nizza geboren und lebt heute mit ihren zwei Töchtern in Arles. Sie zählt in Frankreich zu den bekanntesten jungen Theaterautorinnen. Ihre Stücke werden auch in Deutschland und in der Schweiz gespielt. Ihr erster Roman „Meeresr

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40

17.08.2010

„Vom Nebel verschlungen”

von einer Kundin oder einem Kunden
Der Leser erfährt das Gefühl im luftleerem Raum zu schweben. Die Handlung entwickelt sich bedächtig und sehr unterschwellig.
Olmi erzeugt mit Hilfe des Wetters, der Atmosphäre am Küstenort und der sich steigernden Dichte ihrer Sätze eine tiefschwarze Szenerie. Diese wird durch die physische Störung der Hauptfigur ins Groteske gesteigert.
Ein Buch das innerlich aufwühlt.

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40

18.03.2010

„Mutterherz”

von einer Kundin oder einem Kunden
Es gibt Bücher, die uns körperlichen Schmerz erfahren lassen. Man will aus seiner Haut fahren, sie weg legen und kann es nicht. Natürlich ahnt man, was passiert und schlittert mit der jungen Mutter auf das Ende zu. Durch Olmis Sprache ist man ihr und den Kindern so nah wie möglich. Das Buch hinterlässt die Frage nach den "realen" Müttern und ihren Kindern "an der See".

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