Wolfgang Bergmann zählt zu den bekanntesten Pädagogen des deutschprachigen Raumes.
Er sieht sich selbst als einen, der gegen den Strom schwimmt, als Anti-Mainstreamer, der die derzeitige populäre Meinung, Kinder seien Tyrannen und bräuchten vor allem Disziplin und Autorität, entschieden ablehnt.
Kinder brauchen Liebe, Liebe, Liebe, genauso wie Sicherheit, Geborgenheit und Vertrauen, so Bergmann.
Unsere heutige Leistungsgesellschaft fordert von uns allen: möglichst viel messbare Leistung in möglichst kurzer Zeit, schnellste Anpassung an immer neue Situationen, wir werden zu Rivalität in allen Bereichen ermuntert. Versagensängste sind da vorprogrammiert, Eltern fühlen sich ihrer Aufgabe, die Kinder auf das Leben vorzubereiten, nicht gewachsen.
Wenn man der einhelligen Meinungen der Medien glauben mag, ist die moderne Kindheit in den allermeisten Fällen schlichtweg ein Desaster:
bei geringsten Erziehungsfehlern mutieren die Kinder zu Schlägern und Tyrannen, entwickeln Störungen wie ADHS oder Lese- und Rechenschwäche.
Aus lauter Angst der Eltern, etwas falsch zu machen, werden die meisten Kinder zwar zum Glück nicht vernachlässigt, dafür aber in Überfürsorglichkeit gleichsam erstickt und von früh bis spät von wohlmeinenden Erwachsenen kontrolliert
(interessanterweise zeigen die überbeschützten Kinder die gleichen Verhaltensauffälligkeiten wie vernachlässigte Kinder).
Der Kindheit von heute fehlen die Geheimnisse jede Minute ist mit sinnvollen Tätigkeiten durchgeplant, die Eltern wissen stets über alles Bescheid, zweckfreies Spielen, das nicht ganz offensichtlich in irgendeiner Form die Fähigkeiten des Kindes fördert, ist suspekt geworden. So kommt es dazu, dass Zweijährige im Französisch- oder Chinesischunterricht sitzen.
Dieses typische Lernen in Fördereinrichtungen nützt den meisten Kindern allerdings nichts, einigen schadet es sogar. Wolfgang Bergmann spricht ganz klar aus: Wir haben die falschen Erziehungskonzepte!
Er beruft sich auf die Gehirnforschung und die Entwicklungspsychologie, auf die Verhaltens- und Bindungsforschung und auf die großen Philosophen.
Laut Bergmann ist das Wissen, wie Kinder lernen und wie wir sie dabei unterstützen können, im Prinzip vorhanden nur wird dieses Wissen in der Frühförderung ignoriert.
Ohne sich ein Blatt vor den Mund zu nehmen, geizt Bergmann nicht mit pointierter Kritik an anderen Pädagogen, seien es Wissenschaftler, Kindergärtner oder Lehrer.
Bergmann formuliert in einem heiteren und philosophisch-poetischen Stil, der sich angenehm von der Sprache herkömmlicher Ratgeber abhebt, er zitiert Rilke und arbeitet die Bedeutung von Kant für unsere heutige Pädagogik heraus.
Ein kluges Buch für mutige Eltern und alle anderen, die mit Kindern zu tun haben.