Liebe Leserinnen und Leser,
ein Kursbuch gibt Auskunft, zeigt Verbindungen auf und gibt die gewünschte Richtung an. Es enthält Startpunkt und Reiseziel. Es benennt Orte, die vielleicht Neugierde wecken. Es zeigt sinnvolle Wege auf, um von einem Ort zu einem anderen Ort zu gelangen. Es kennt günstige Zeiten für die Verbindungen. Es reagiert auf Veränderungen auf dem Weg, es kennt neue Anschlüsse bei Verspätungen oder anderen Problemen unterwegs. Es berücksichtigt angenehme Übergangszeiten von einem Fortbewegungsmittel zum anderen. Möglichst ohne Hetze, Stress und zu lange Wartezeiten. Und es bezieht alle Möglichkeiten der Fortbewegung ein, die sinnvoll sind.
Doch ein Kursbuch ist nicht das Fahrzeug, nicht das Reisemittel, sondern allenfalls ein Wegweiser. Genauso verhält es sich mit diesem Buch. Es soll Verbindungen aufzeigen, Wege vorschlagen, Probleme benennen, zum Innehalten einladen und Ihnen so das Beten nahebringen. Sie können das Buch an vielen Stellen beginnen. Sie können nachschlagen und nachlesen. Sie sind eingeladen zum Blättern oder zum gezielten Suchen. Beginnen Sie mal nicht nur von vorne. Aber: So wenig wie ein klassisches Kursbuch Sie schon unterwegs sein lässt, kann dieses Buch das eigene Beten ersetzen. Beten selbst lernt der Mensch durch Beten. Dabei ist das Gebet viel mehr Menschen vertraut, als wir gemeinhin annehmen. Es ist kein Gesprächsthema, obwohl Beten ein Grundimpuls des Menschseins zu sein scheint, selbst dann, wenn Gott im Leben keine Rolle spielt. So beten viele Menschen spontan in Notsituationen, sie suchen dann Orientierung und Halt auf einer Ebene, die über sie hinausgeht. Aber einfach so beten? Ja, natürlich. Wir kennen dies von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in vielfältigen Situationen. Sie beten einfach so. Sie haben das Beten vielleicht durch Vorbilder gelernt, wurden von anderen damit vertraut gemacht oder entdeckten es selbst für sich. Fragt man Menschen nach ihrer Motivation zum Beten, erhält man neben der Aussage: "Mir ist Beten eine Selbstverständlichkeit, ich bin das so gewohnt" ein weites Spektrum von Antworten. Es gibt einerseits Menschen, die intensiv beten und gleichzeitig sagen: "Ich glaube nicht mehr an den Gott meiner Kindheit oder an den Gott der Kirchen. Aber ich glaube." Andererseits gibt es Menschen, die grundsätzlich an Gott zweifeln und doch beten, nicht nur aus Verlegenheit, sondern aus ihrer Erfahrung heraus. Wahrscheinlich werden sie ein Leben lang in der Spannung zwischen Zweifeln an und Erfahrungen mit der göttlichen Wirklichkeit leben und es entspricht ihrer Geisteshaltung, immer skeptisch zu bleiben. Erstaunlich aber bleibt die Gruppe Menschen, die hin und wieder betet und eigentlich mit Gott gar nichts zu tun haben will. Sicherlich ist dies für einige von ihnen eine Art Rückversicherung, falls es Gott doch gibt. Aber meistens geht es darüber hinaus. Es sind Menschen, die das Geheimnis hinter dem Wort "Gott" in ihrem Inneren ahnen, sich aber auf keinen Fall von einer anderen Wirklichkeit, die nicht überprüfbar ist, abhängig machen wollen.
So scheint das Verhältnis zum Beten oft paradox zu sein. Auf der einen Seite suchen Menschen Kontakt zur und Berührung durch die göttliche Wirklichkeit, auf der anderen Seite sind da Misstrauen, Vorsicht, Skepsis, Zweifel und Verlegenheit.
Für uns beide war und ist Beten ein Teil unseres Lebens. Aber es ist auch etwas sehr Intimes, Persönliches. Im Gebet teilen wir ganz Privates mit der göttlichen Wirklichkeit. Es ist nicht einfach, darüber zu schreiben. Doch es ist sehr anregend. Im Gespräch über dieses Buch haben wir wieder einmal gemerkt, wie sehr das Beten, wie viele andere Lebensbereiche auch, durch die eigene Lebensgeschichte, durch das Gelungene und Misslungene geprägt ist.
Ich, Rüdiger, bin mit meiner eher frommen und doch auch religiös offenen Mutter aufgewachsen. Beten beim Essen war tägliche religiöse Praxis und Pflicht zugleich. Es gab ein paar Standardgebete. Ich hatte damit, je älter ich wurde, große Schwierigkeiten. In diesen Wiederholungen war
für mich kein Inhalt mehr und mit diesen Worten war keine Beziehung zu Gott möglich. Ganz anders erging es mir mit dem stillen Gebet, mit der inneren Zwiesprache mit Gott und besonders Jesus; dieser Faden war seit Kindertagen da und riss dankenswerterweise nie ab. Dies ist meine persönliche Beziehung, die ich pflege.
Wenn ich, Gerda, heute über Beten nachdenke, erstaunt es mich oft selbst, wie vertraut es mir in allen Zeiten geblieben ist. Und Vertrauen ist das, was sich bei mir am stärksten mit Beten verbindet. Die wenigen ärgerlichen und abschreckenden Erfahrungen (vor allem mit Menschen, die Gebete einforderten oder sie als getarnte Moralpredigt benutzten) konnten die seit Kindertagen bestehende Beziehung zwischen Gott und mir nicht zerstören. Dabei empfinde ich die vertrauten Morgen- und Abendgebete meiner frühen Kindheit als einen Schatz, mit dem sich spontan Gefühle und Stimmungen ausdrücken lassen. Sie verändern sich durchaus, finden neue Formen. So habe ich über lange Zeit ein altes Kindergebet als Gebet mit dem Sonnengruß (einer Yogaübung, siehe Seite 248) verbunden. Aus Kindergottesdienst und Konfirmandenzeit kamen Liedstrophen hinzu und später viele Liedrufe aus Taize und andere Texte. Aus diesen Worten schöpfe ich Kraft, wenn ich aus dem Schweigen der Meditation wieder ins Wort komme, wenn ich mich mitten im Alltag von der göttlichen Gegenwart berührt fühle. So bin ich diejenige, die sich neben dem individuellen und situativen Gebet stark macht für Gebete, die in ihrem gleichbleibenden Wortlaut uns über Jahre begleiten können, Gebete mit Tradition oder Gebete, die (individuelle) Tradition werden können.
Für uns beide ist das schweigende Gebet das Verbindende. Die Übung der Kontemplation/Meditation ist zwar nur eine Form des Betens, durch sie sind wir aber zu der Erkenntnis gekommen, Beten als Hinhalten unserer Person in die göttliche Wirklichkeit zu begreifen - ein Hinhalten mit Herzen, Mund und Händen. Anders ausgedrückt, wir beten mit unserem ganzen Sein, mit all unseren Sinnen, ob im Schweigen, mit Gebärden oder Worten.
Dieses Buch möchte auch Sie zum Beten einladen, nicht mehr und nicht weniger. Es wendet sich an alle Menschen, die kleinen und die großen, die jungen und die alten. Wir möchten, dass Beten in einer offenen, liebevollen Atmosphäre stattfindet, in der wirklich Raum ist für das, was den Betenden bewegt. Alles, wirklich alles kann mit der göttlichen Wirklichkeit geteilt werden.