On ouaira quosse que d'main nous ameneras...
Babys sterben. Menschen verschwinden. Menschen sterben. Babys verschwinden.
Diese Erkenntnisse prasselten schon sehr früh auf mich ein. Natürlich hatte ich ein kindliches Verständnis dafür, dass alles sterbliche Leben endet. In der Schule redeten die Nonnen von Himmel, Fegefeuer, Vorhölle und Hölle. Ich wusste, dass die älteren Leute irgendwann »dahinscheiden«. Mit diesem Begriff umschrieb meine Familie das Thema. Die Leute schieden dahin. Gingen, um bei Gott zu sein. Ruhten in Frieden. So akzeptierte ich auf etwas verquere Art, dass das irdische Leben nur ein vorübergehendes ist. Dennoch trafen mich der Tod meines Vaters und der meines kleinen Bruders hart.
Und für Evangeline Landrys Verschwinden gab es einfach keine Erklärung.
Aber ich greife vor.
So ist es passiert.
Als kleines Mädchen lebte ich an der Südseite von Chicago, in dem weniger vornehmen Ausläufer eines Viertels mit dem Namen Beverly. Ursprünglich erbaut als ländliches Rückzugsgebiet für die Elite der Stadt nach dem Großen Feuer von 1871, präsentiert sich das Viertel heute mit weiten Rasenflächen und großen Ulmen und irisch-katholischen Clans mit Stammbäumen, die verzweigter sind als die Ulmen. War Beverly damals schon ein bisschen heruntergekommen, wurde es später wieder aufgemotzt von Boomgewinnlern, die im Grünen und doch zentrumsnah wohnen wollten.
Unser Haus, ursprünglich ein Farmhaus, war älter als alle seine Nachbarn. Es war ein weiß gestrichenes Holzhaus mit grünen Fensterläden, hatte eine umlaufende Veranda und im Hinterhof eine Wasserpumpe sowie eine Garage, die einmal Pferde und Kühe beherbergt hatte.
Ich habe glückliche Erinnerungen an diese Zeit und diesen Ort. Wenn es kalt war, liefen die Nachbarschaftskinder Schlittschuh auf einer Eisfläche, die man mithilfe von Wasserschläuchen auf einer unbebauten Fläche geschaffen hatte. Daddy stützte mich dann immer auf meinen Doppelkufen und wischte mir Matsch von meinem Schneeanzug, wenn ich einmal hinfiel. Im Sommer spielten wir auf der Straße Fußball, Fangen oder Himmel und Hölle. Meine Schwester Harry und ich fingen Glühwürmchen in Gläsern mit durchlöcherten Schraubverschlüssen.
In den endlosen Wintern des Mittleren Westens versammelten sich zahllose Brennan-Tanten und -Onkel zum Kartenspielen in unserem ausgesucht schäbigen Wohnzimmer. Der Ablauf war immer derselbe. Nach dem Abendessen holte Mama Tischchen aus einem Schrank in der Diele, wischte die Platten ab und klappte die Beine aus. Harry breitete ein weißes Leinentuch darüber, und ich postierte Spielkarten, Servietten und Schüsselchen mit Erdnüssen in der Mitte.
Wenn der Frühling kam, ersetzten die Schaukelstühle auf der Veranda die Kartentische, und statt Canasta und Bridge gab es lange Gespräche. Ich verstand nicht viel davon. Die Warren-Kommission. Der Golf von Tonkin. Chruschtschow. Kossygin. Es machte mir nichts aus. Das Zusammenkommen der Leute, die meine eigene Doppelhelix trugen, bestätigte mir, dass es mir gut ging, wie das Klappern der Münzen in der Beverly-Hillbillies-Spardose auf meinem Nachtkästchen. Die Welt war berechenbar, bevölkert mit Verwandten, Lehrern und Kindern wie ich aus Haushalten wie dem meinen. Das Leben bestand aus der St.-Margaret's-Schule, den Pfadfinder-Wölflingen, der Messe am Sonntag und den Tagescamps im Sommer.
Dann starb Kevin, und mein sechs Jahre altes Universum zerbrach in Splitter des Zweifels und der Ungewissheit. Nach meinem Verständnis der Weltordnung holte der Tod die alten Großtanten mit mäandernden blauen Äderchen und durchscheinender Haut. Keine kleinen Jungs mit dicken, roten Wangen.
An Kevins Krankheit erinnere ich mich kaum noch. An sein Begräbnis noch weniger. Dass Harry neben mir in der Kirchenbank zappelte. Ein Fleck auf meinen schwarzen Lacklederschuhen. Woher? Das schien mir damals sehr wichtig zu sein. Ich starrte den kleinen, grauen Tropfen an. Starrte weg von der Wirklichkeit, die sich um mich herum offenbarte.
Natürlich kam die ganze Familie zusammen, die Stimmen gedämpft, die Gesichter versteinert. Mamas Zweig kam aus North Carolina. Nachbarn. Gemeindemitglieder. Männer aus Daddys Anwaltskanzlei. Fremde. Sie strichen mir über den Kopf. Murmelten irgendwas vom Himmel und den Engeln.
Das Haus quoll über vor Kasserollen und Kuchen und Gebäck in Plastik- und Alufolie. Normalerweise liebte ich Sandwiches mit abgeschnittener Rinde. Nicht wegen des Thunfisch- oder Eiersalats zwischen den Scheiben. Sondern wegen der reinen Dekadenz dieser leichtfertigen Verschwendung. An diesem Tag nicht. Und seitdem nie mehr. Schon merkwürdig, wie gewisse Dinge einen beeinflussen.
Kevins Tod veränderte bei mir mehr als nur meine Meinung zu Sandwiches. Er änderte das ganze Fundament, auf dem sich bisher mein Leben abgespielt hatte. Die Augen meiner Mutter, die immer freundlich und oft fröhlich geblickt hatten, sahen nie mehr so aus, wie sie sollten. Mit dunklen Ringen und tief in den Höhlen. Mein kindliches Gehirn konnte ihren Ausdruck nicht interpretieren, ich spürte nur Traurigkeit. Jahre später sah ich das Foto einer Frau aus dem Kosovo, wie sie zwischen zwei schnell zusammengezimmerten Särgen mit ihrem Ehemann und ihrem Sohn stand. Irgendetwas kam mir daran vertraut vor. Konnte ich sie kennen? Unmöglich. Dann die Erkenntnis. Ich sah dasselbe Zerstörtsein und dieselbe Hoffnungslosigkeit, die ich in Mamas Blick gesehen hatte.
Aber nicht nur Mamas Aussehen veränderte sich. Sie und Daddy genehmigten sich nun keinen Cocktail vor dem Abendessen mehr, und sie blieben auch nicht beim Kaffee am Tisch sitzen und redeten. Sie schauten auch nicht mehr gemeinsam fern, wenn das Geschirr abgeräumt war und Harry und ich in unseren Pyjamas steckten. Sie hatten die Comedyshows immer sehr genossen, hatten einander angesehen, wenn Lucy oder Gomer etwas Albernes taten. Daddy hatte dann immer Mamas Hand genommen, und sie hatten beide gelacht.
Alles Lachen floh, als die Leukämie Kevin besiegte.
Auch mein Vater suchte sein Heil in der Flucht. In stillem Selbstmitleid wie Mama letztendlich auch. Michael Terrence Brennan, Anwalt, Connaisseur und unbezähmbarer Bonvivant, zog sich auf direktem Weg zurück in eine Flasche guten, irischen Whiskeys. In viele Flaschen, um genau zu sein.
Anfangs fiel mir die häufige Abwesenheit meines Vaters gar nicht auf. Wie ein Schmerz, der sich so allmählich aufbaut, dass sein Ursprung nicht bestimmbar ist, fiel mir eines Tages auf, dass Daddy nicht mehr so oft bei uns war. Immer öfter gab es Abendessen ohne ihn. Er kam abends immer später nach Hause, bis er in meinem Leben nicht viel mehr war als ein Phantom. In einigen Nächten hörte ich schwankende Schritte auf der Treppe, eine Tür, die fest gegen eine Wand geschlagen wurde. Die Toilettenspülung. Dann Stille. Oder gedämpfte Stimmen aus dem Schlafzimmer meiner Eltern, deren Tonfall mir Vorwürfe und Groll vermittelte.
Bis heute jagt mir ein Telefon, das nach Mitternacht klingelt, einen Schauer über den Rücken.