Liebe Nike,
in der Entwicklung der Kinder gibt es eine Phase, also ein bestimmtes Alter, da stellen sie die berühmten und auch berüchtigten Warum-Fragen: "Warum scheint die Sonne?" "Warum ist die Blume rot, warum das Gras grün?" "Warum heißt der Tisch ´Tisch´?" "Warum müssen die Menschen sterben?" Mit solchen Fragen bringen die Kinder ihre Eltern oft zur Verzweiflung, denn die Eltern können die meisten Fragen nicht beantworten. Offensichtlich laufen die Eltern durch die Welt, ohne alles zu wissen. Aber ihr Nichtwissen stört sie nicht, sie finden sich auch zurecht, ohne über alles Bescheid zu wissen:
"Warum ist das Gras grün?" - Antwort: "Weil es grün ist." Oder: "Weil der Himmel blau ist."
Diese Antworten sind nur der äußeren Form nach Antworten, denn sie beginnen mit "weil", aber in Wirklichkeit drücken sie etwas anderes aus: "Laß mich in Ruhe!" Oder: "Ich weiß es nicht." Oder: "Die Welt ist, wie sie ist. Wir wissen nicht, warum sie so ist."
Oft allerdings bemühen sich die Eltern ernsthaft um eine Antwort. Dann versuchen sie vielleicht, ihrem dreijährigen Kind das Sonnensystem zu erklären oder die Funktionsweise des Benzinmotors und so weiter. Das ist gar nicht so leicht, denn häufig können die Kinder schon Fragen stellen, deren Antworten sie noch gar nicht verstehen, weil sie im Denken noch nicht so geübt sind wie die Erwachsenen.
Aber wenn ich mir in Erinnerung rufe, welche Warum-Fragen du mir gestellt hast, als du noch ein kleines Kind warst, so fällt mir folgendes auf:
Du hast selten oder nie Warum-Fragen gestellt, du hast mich aber häufig nach der Bedeutung einzelner Wörter gefragt.
Du hast mich einmal gefragt, was "Bürgersteig" bedeutet, und ich habe dir geantwortet: "Bürgersteig bedeutet ´Trottoir´." Mit dieser Antwort warst du damals zufrieden, weil du damit wußtest, was ein Bürgersteig ist. Und auch heute kommt dir diese Begebenheit keineswegs seltsam vor. Aber diese kleine Anekdote eignet sich hervorragend für den Einstieg in die philosophische Frage, die ich an den Anfang unserer kleinen Anleitung zum Philosophieren stellen will.
I Woher stammen die Wörter?
Wenn wir das Beispiel untersuchen, dem zufolge das unbekannte Wort "Bürgersteig" - immerhin ein Wort der deutschen Sprache - erklärt wird durch das Wort "Trottoir", das aus dem Französischen stammt, dann müssen wir als erstes folgendes festhalten: Im Normalfall hätte ein Kind deutscher Eltern umgekehrt gefragt, es hätte nach der Bedeutung von "Trottoir" gefragt und hätte die Erklärung von den Eltern erhalten: "Trottoir bedeutet ´Bürgersteig´." Vielleicht wäre auch das Wort "Gehweg" verwandt worden. Vielleicht hätten aber auch die Eltern das Wort "Trottoir" gar nicht erklären können, weil sie es selbst nicht kannten, sie hätten in einem Fremdwörterbuch nachschauen müssen.
Welche Wörter stehen in einem Fremdwörterbuch? Wie das Wort ausdrückt, alle fremden Wörter. Das sind die Wörter, die ursprünglich nicht zu unserer Sprache gehören, aber von uns mittlerweile benutzt werden.
Woher stammen die Wörter, das ist unsere Frage. Im Hinblick auf die Fremdwörter können wir schon eine Antwort geben: Sie stammen aus fremden Sprachen. Und woher stammen die Wörter unserer eigenen Sprache? Was ist denn unsere eigene Sprache?
© 2005 Philipp Reclam jun. Verlag Gmbh & Co., Stuttgart