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12.10.2008
„Jedermann und die Vergänglichkeit”
von R. Funk
Jedermann, ein Durchschnittsbürger der gehobenen Mittelschicht, wird nach drei gescheiterten Ehen, einer längeren Krankheitsgeschichte mit implantierten Bypässen und Stents und einsamen Jahren in einem Rentnerghetto mit Anfang siebzig beerdigt.
Sein Name bleibt dem Leser unbekannt. Die Rückblende auf sein Leben beginnt mit seiner Kindheit, in der er als Neunjähriger erstmals mit dem Tod konfrontiert wird: im Krankenhaus, in dem sein Bettnachbar, ebenfalls ein Junge, nach einer Magenoperation stirbt. Aus dem zuverlässigen Knaben, der für seinen Vater, der einen Juwelierladen besitzt, Diamanten im Umschag per Bus zum Goldschmied bringt, wird ein erfolgreicher Art Director in einer New Yorker Werbeagentur, zu dessen Welt Shootings, Reisen, Models und Sex gehören.
Als Jedermann kurz vor dem Ende seines Lebens steht, muss er sich eingestehen, dass er seine Familien zerstört, drei Kinder einer intakten Kindheit beraubt und sich schließlich von seinem älteren, immer hilfsbereiten Bruder entfremdet hat, auf den er neidisch wurde. Neidisch auf dessen Erfolge als Investmentbanker, dessen intakte, langjährige Ehe, die vier prächtige Söhne hervorbrachte, dessen Sportlichkeit und unverwüstliche Gesundheit. Nur zu Nancy, seiner geschiedenen Tochter aus zweiter Ehe, hat er eine starke Bindung. Seine gerade gereiften Pläne, mit ihr und ihren Kindern zusammenzuziehen, zerschlagen sich, da ihre Mutter einen Schlaganfall erlitten hat und nun ihrerseits mit Nancy zusammen wohnen soll.
Kurz vor seinem letzten OP-Termin, den er nicht überleben sollte, begibt er sich zum Friedhof, auf dem seine Eltern begraben liegen, in der Vorahnung, dass er selbst bald hier beerdigt wird. Roth schildert meisterhaft die Begegnung mit dem Totengräber, der Jedermann genau sein makaberes Handwerk erklärt. Die 100 Dollar Trinkgeld sind zwar für den letzten Dienst dieses Mannes an seinen Eltern, aber wohl auch im Hinblick auf die bevorstehende eigene Beerdigung gedacht.
Der Roman erzählt von Scheitern und Reue, vom Altwerden, vom Verlust der Gesundheit und vom Nicht-akzeptieren-Wollen des eigenen Todes. Das erstaunliche ist, dass es der Autor geschafft hat, ein solches Jedermann-Leben auf nur 170 Buchseiten umfassend zu beschreiben.
Philip Roth ist einer der ganz Großen der Weltliteratur. Dass der vielfach ausgezeichnete Autor den Literaturnobelpreis nicht bekommen hat, ehrt ihn, wenn man sich so manchen bizarren Missgriff des Nobelpreiskomitees in den letzten Jahren vor Augen führt. Ein solch bedeutender Schriftsteller soll sich nicht in eine Reihe mit Jelinek, Pinter oder LeClezio stellen dürfen.
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