Sie stand mitten auf dem Hofplatz, als er angefahren kam. Mit hängenden Armen stand sie dort und sah, wie er an der üblichen Stelle hielt, zwischen Scheune und Holzschuppen. Schon während er ausstieg, rief er: "Sorry, hab mich ein bisschen verspätet. Gestern Abend war wirklich nett!"
Sie lauschte seinen Worten, sah die Umrisse seines Körpers, seine Bewegungen in dem schmutzig grauen Morgenlicht. Aber vor allem sah sie, dass er auf sie zukam, und das war gut so, denn sie fiel, es ging um Sekunden. "Kai ..."
"Bin unterwegs!", rief er. "Kai Roger."
Plötzlich hatte er in ihrer Stimme etwas gehört, vielleicht ein Schluchzen, die Art, wie sie atmete, er wusste es nicht, aber er erstarrte für einen kurzen Moment, dann war er bei ihr, mit einem Sprung.
"Was ist los?"
"Mein Vater. Er .... "ich habe ihn in den Mittelgang gezogen und in einen Koben geschlossen, weg von Siri." "Aber was hat ..."
"Er hat es selbst getan. Seine Tabletten lagen da. Die Tabletten, die er für sein Bein bekommen hatte. Und einige Bierflaschen, glaube ich. Ich konnte nicht richtig ... Er ist jedenfalls tot. Und Siri hat .... "Ich weiß nicht .... "Seine Nase und einige Finger ..."
Er nahm sie in den Arm. "Ach herrje!, Torunn."
Sie spürte das Gewicht seiner Arme, schloss die Augen und dachte daran, wie schwer die Knöchel ihres Vaters in ihren Händen gewesen waren, wie der eine Stiefel auf den Boden geglitten war, als sie ihn an den Füßen gezogen hatte - und Siris erregter Blick, das um ihre Schnauze erstarrte Blut, das Geschrei der übrigen Schweine.
"Es ist meine Schuld", sagte sie.
"Torunn!"
"Er hat sich selbst aufgegeben. Und das ist meine Schuld."
Kai Roger löste seine Umarmung, festigte aber gleichzeitig seinen Griff um ihre Schultern und schob sie von sich fort. "Sieh mich an." "Nein."
"Dann hör mir wenigstens zu. Ich gehe jetzt in den Stall und bringe ihn in die Waschküche."
Weinte sie? Torunn wusste es selbst nicht. Sie stand da und versuchte festzustellen, ob sie ihre eigenen Tränen spürte, aber sie spürte nichts. Eigene Tränen haben einen ganz besonderen Geruch. Doch sie konnte nur Bilder wahrnehmen - dunkles Blut vor baumelnden Riesenohren, der verschlissene Kragen seines Flanellhemdes, aus dem kleine zottige Fäden heraushingen, seine graue, von einer Wollsocke bedeckte Ferse, die auf uringetränktes Stroh fiel, als der Stiefel von seinem Fuß glitt, an dem sie gezogen hatte, seine blutunterlaufenen Augenhöhlen, sein Nasenrücken ... und dort das Loch.
"Lauf in die Küche und ruf Margido an, ich kümmere mich um den Stall."
"Das kann ich nicht."
"Du musst. Du rufst Margido an, und ich übernehme den Stall."
"Du übernimmst den Stall?", fragte sie. Den Stall übernehmen. Das klang seltsam.
"Ja, jemand muss den Stall übernehmen. Egal wie. Die Schweine müssen gefüttert werden, die kapieren doch nichts. Sie müssen auf jeden Fall versorgt werden."
"Ich kann das nicht", flüsterte sie.
Wieder legte er seine Arme um sie, zog sie bestimmt zu sich heran und hauchte in ihre Haare.
"Ich kann das nicht."
"Doch", sagte er. "Und ich helfe dir dabei. Ich helfe dir, Torunn."
Über seine Schulter hinweg sah sie zum Küchenfenster hinüber, dem Küchenfenster auf Neshov. Hier stand sie nun, und er war tot.
"Geh jetzt ins Haus. Ruf an. Und koch Kaffee. Den werde ich danach brauchen, wir werden beide danach einen brauchen."
"Siri muss geschlachtet werden. Noch heute", sagte sie.
"Es ist nicht die Schuld der Sau. Schweine, die ."
"Sie wird geschlachtet. UND ES IST MEINE SCHULD!"
Kai Roger schob sie mit ausgestreckten Armen von sich weg und packte sie abermals kräftig an den Schultern.
"So darfst du nicht denken."
"ABER ES IST SO!"
Torunn fühlte, wie einfach alles in ihr zusammenbrach, sie verspürte ein so gewaltiges Weinen, dass sie glaubte, sich übergeben zu müssen, ein Weinen, das zu einem unendlich langen Atemholen und danach zu einem dünnen Heulen wurde. Sie legte den Kopf in den Nacken, seine Hände hielten sie, aber nur für einige Sekunden, dann sank sie zu Boden, und neben ihr ging Kai Roger in die Hocke. Sie konnte nicht mit Heulen aufhören, sie hörte, dass sie wie ein kleines
Tier klang, sie horchte auf sich selbst und auf Kai Rogers
Stimme, die von weit her kam, aber sie hörte nicht, was er sagte, erst, als er ihr Gesicht packte und brüllte: "SIEH MICH AN, TORUNN!"
Sie hielt inne und nahm den Geruch ihrer Tränen wahr.
"Sieh mich an, meine liebe Torunn."
"Nein."
"Es war nicht deine Schuld."
"Doch. Ich will, dass sie geschlachtet wird."
"Na gut. Steh jetzt auf. Geh ins Haus und setz Kaffee auf. Ich beeile mich und kümmere mich um den Rest. Dann komme ich zu dir."
Sie blieb lange mit der Türklinke in der Hand stehen, ehe sie sie herunterdrückte. Die Klinke war kalt. Es gab sie schon immer hier, so kam es ihr vor. Jedenfalls schon lange Zeit vor ihr. Die Hand des Vaters hatte jeden Tag auf dieser Klinke gelegen, jeden Tag. Sie selbst war doch eigentlich nur zu Besuch hier.
Erster Teil
Sie fand einen freien Parkplatz am oberen Ende der Sondregate, bog ein, drehte den Motor ab, blieb sitzen und starrte vor sich hin. Ein alter Mann betrat ihr Blickfeld. Er trug seinen Mantel offen und schob seinen Gehwagen beschwerlich und ruckartig über den Bürgersteig. Er bewegte sich an der Fensterfront einer Bank vorbei, in der ein riesiges Reklameplakat hing. Es zeigte einen Mann und eine Frau vor einem uralten Wohnwagen hinter einem winzigen, verrosteten Auto. Der Mann und die Frau starrten verzweifelt und hilflos in die Kamera. Und unter dem Bild stand: "Warum auf die Lottomillionen warten? Wir geben Ihnen den Kickstart!"
Der Mann hinter seinem Gehwagen atmete angestrengt und hektisch durch den Mund, er warf nicht einmal einen Blick auf die Werbung im Fenster. Er hatte genug mit jedem neuen Schritt zu tun, während seine Schuhe, die wie Pantoffeln aussahen, über den verstaubten Bürgersteig schlurften.
Sie legte die Unterarme auf das Lenkrad, schmiegte ihre Stirn darauf und schloss die Augen. Bestimmt roch sie nach Schweinedreck, sie hatte während der gesamten vergangenen Woche die Felder gedüngt. Obwohl sie frisch geduscht war, würde ihre Mutter bestimmt dazu einen Kommentar abgeben. Der Stallgeruch überdeckte einfach alle anderen Gerüche. Sie setzte sich wieder aufrecht hin, streckte die Hände aus und musterte ihre Fingernägel, die abgenutzt und an den Rändern um die Nagelhaut leicht grau waren. Sie rieb ihre Handflächen gegeneinander, betrachtete die Lebenslinien, Schicksalslinien und Herzlinien oder wie sie nun alle hießen - diese Linien, von denen manche glaubten, dass sie etwas über Persönlichkeit und Zukunft verrieten. Ihre Linien waren ein wenig braun, sicher würde das in spirituellen Kreisen als schlechtes Zeichen gedeutet werden. Inzwischen brachte sie es kaum mehr über sich, Arbeitshandschuhe zu tragen, außer sie lagen genau vor ihrer Nase, wenn sie sie brauchte.