Angesichts der Tatsache, dass sie einen Katheter inzwischen genauso präzise und sicher in ein Herz einführen konnte wie die Besten ihres Fachgebiets, war es lächerlich, dass ihre Hände jetzt zitterten, doch Dr. Elizabeth Iverson fühlte sich im Rampenlicht einfach nicht wohl.
»Ich weiß, dass viele von Ihnen eine ähnliche Geschichte haben wie ich«, sagte Elizabeth, und ihr Blick wanderte von Tisch zu Tisch, als sie die etwa siebenhundert Ehemaligen der Universität musterte, die im Grand Ballroom des Palmer House Hilton in Chicago saßen, »oder jemanden kennen, dem der Fonds zugute gekommen ist. Ich bin auf einer Farm rund siebzig Kilometer nordwestlich von hier aufgewachsen, und ich habe schon als kleines Mädchen davon geträumt, Ärztin zu werden. Meine Barbiepuppen trugen keine Kleider; sie trugen Verbände und Aderpressen, und an einigen armen, nichts ahnenden Tieren auf dem Bauernhof probierte ich beim Spielen die neuesten medizinischen Verfahren aus - was, wie Sie sich leicht vorstellen können, zu einigen interessanten Ergebnissen geführt hat.« An dieser Stelle mitten in ihrer Rede hob sie scherzhaft eine Augenbraue, was mit leisem Gelächter belohnt wurde.
»Eine Collegeausbildung schien damals jedoch aus finanziellen Gründen undenkbar. Und deswegen ist das, was wir heute Abend hier tun, so wichtig. Wir helfen jungen Menschen, ihre Träume zu verwirklichen. Für mich geht es nicht um den Glanz des Arztberufes. Als Kardiologin geht es mir darum, einer Patientin in die Augen zu schauen und einen Funken Hoffnung aufblitzen zu sehen, wenn sie gerade erfahren hat, dass sie ein neues Leben geschenkt bekommen hat. Für mich ist das mit Geld nicht aufzuwiegen.«
Sie richtete die Aufmerksamkeit auf die Gäste im hinteren Bereich des Raums. »Mit unserer stillen Auktion heute Abend helfen wir mehr Studierenden, ihre Träume zu verwirklichen. Mit dem Geld, das Sie so großzügig spenden, können wir ...«
Elizabeth brach mitten im Satz ab. Die Worte blieben ihr förmlich im Hals stecken, während ihr Herz einen doppelten Salto schlug. Sie erkannte ihn sofort. Es war unmöglich, den Mann nicht zu erkennen, der im Eingang zum Ballsaal stand, das kleine Namensschild noch in der Hand, als wäre er eben erst gekommen. Sie starrte ihn reglos an, ohne das unruhige Gemurmel zu bemerken, das sich in der Versammlung breitmachte. Hypnotisiert beobachtete sie, wie seine Lippen sich zu dem für ihn typischen Lächeln verzogen, das sie an Mona Lisa erinnerte, und er grüßend das Kinn hob. Obwohl er weit weg stand, konnte Elizabeth den leichten Spalt in seinem Kinn erkennen, die sexy, feste Linie seines Kiefers - und die tief liegenden Augen, die, wie sie wusste, von einem unglaublichen Mitternachtsblau waren.
»Dr. Iverson, geht es Ihnen gut?«, fragte der Vorsitzende des Ehemaligenvereins neben ihr.
Plötzlich drang das unbehagliche Hüsteln der Gäste, das Klirren der Gläser und das Rücken der Stühle in Elizabeths Bewusstsein. Peinlich berührt und enttäuscht über ihre heftige Reaktion brach sie den Blickkontakt ab und griff nach ihrem Wasserglas wie nach einem Rettungsring. Als sie wieder aufschaute, war er verschwunden. Sie war überrascht, wie sehr sie das enttäuschte, doch sie ließ sich nichts anmerken und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Versammlung. »Es tut mir leid, wo war ich? Ach ja, die Träume ...«
Elizabeth ging an ihren Tisch zurück. Ein Blick auf den leeren Stuhl neben ihrem sagte ihr, dass Julie Parks, ihre ehemalige Zimmergenossin vom College und beste Freundin, immer noch nicht gekommen war. Elizabeth nahm ihre Abendtasche und verließ den Raum eilig in Richtung Damentoilette.
Die Knie schlotterten ihr, als sie sich Halt suchend an den Toilettentisch lehnte. Sie drehte den Wasserhahn auf und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht, damit das Blut in ihre Wangen zurückkehrte. Warum ist er gekommen?, überlegte sie. Warum jetzt, wo für mich endlich alles glattläuft? Warum taucht Drake McGuire hier auf wie ein Geist aus der Vergangenheit?
Doch wenn er ein Geist war, dann war er der bestaussehende Geist, dem sie je begegnet war. Sie schaute in den Spiegel, aus dem ihre bernsteinfarbenen Augen ihr entgegenblickten, und erinnerte sich ... Es war mehr als sechs Jahre her, dass sie zusammen gewesen waren, und er sah natürlich älter aus und sogar noch gesetzter. Sie lächelte. Ja, er war eine imposante Erscheinung, und er sah absolut verführerisch aus in seinem eleganten Anzug - verführerisch wie das seidige Vanillemousse mit Schokoraspel, das sie zum Nachtisch gegessen hatten -, ja, eindeutig wie die Schokoraspel, die im Mund schmolzen.
Gütiger Himmel, reiß dich zusammen, schalt sie sich. Eine andere Frau betrat den Vorraum der Damentoilette. Elizabeth nahm ihre Handtasche und versuchte, nicht völlig aufgelöst auszusehen. Sie tuschte ihre Wimpern nach und trug Lippenstift auf, erneuerte ihr Make-up und betrachtete nachdenklich ihr blasses Spiegelbild. Sah sie älter aus? Natürlich. Raffinierter? Vielleicht. Doch ihre Haut war immer noch glatt - von den zynischen Falten um den Mund, die einige Ärzte in den langen Stunden der Facharztausbildung bekamen, war sie verschont geblieben. Ihr Teint war immer noch zart - wenngleich im Augenblick tatsächlich gespenstisch blass, obwohl die Farbe allmählich zurückkehrte.
Ihre kastanienbraunen Naturlocken dagegen standen auf einem anderen Blatt. Wie sehr sie auch versuchte, sie zu zähmen, sie hatten ihren eigenen Willen. Sie verzog das Gesicht und steckte eine auf Irrwege geratene Locke in den Haarknoten zurück.
Schließlich strich sie das paillettenbesetzte Kleid glatt, das sie vor kaum zwei Stunden in einem Laden in der Michigan Avenue erstanden hatte - sie hatte keine Zeit gehabt, kurz in ihre Wohnung zu fahren und das Kleid anzuziehen, das sie zu dem Bankett eigentlich hatte tragen wollen. Sie lächelte bei dem Gedanken daran, wie das schimmernde Futteralkleid sich an ihren Körper schmiegte, und war froh darüber, dass sie dieses eine Mal ihr schlechtes Gewissen beiseite geschoben und sich etwas geleistet hatte. Falls Drake McGuire immer noch irgendwo da draußen war, dann würde er etwas zu sehen bekommen, auch wenn sie ihm bestimmt nicht Guten Tag sagen würde. Dafür stand zu viel auf dem Spiel.
Sie hätte bei seinem Anblick wirklich nicht so schockiert sein sollen. Es war schließlich ein Ehemaligen-Dinner, redete sie sich vernünftig zu, trotz des nagenden Verdachts, der sich in ihr Herz schlich. Er war hier, um den Stipendienfonds zu unterstützen, sagte sie sich, obwohl eine leise Stimme in ihrem Kopf dagegenhielt, dass er ihres Wissens früher nie an den Ehemaligen-Veranstaltungen der Universität teilgenommen hatte. Sie schüttelte den Kopf, um die Zweifel aus ihrem Kopf zu vertreiben.
Julie hatte sie im Laufe des Tages nach ihm gefragt, und das hatte sie nervös gemacht.
Stirnrunzelnd holte sie ihr Handy heraus, wählte ihre eigene Telefonnummer zu Hause und wartete. Julie löste sich gerade aus einer schwierigen Beziehung - ihrer dritten Ehe in neun Jahren.