"DIE TOTEN KOMMEN NÄHER
Daß er das Gefühl des Alterns nicht aufb ringen könne, wie Jünger einmal formulierte, beweist der Dreiundneunzigjährige durch zwei Überseereisen, die ihn 1988 zu den Seychellen und ein Jahr später nach Mauritius bringen. Dazwischen schieben sich Aufenthalte an vertrauten Orten wie Paris, München, Magadino und Überlingen am nahen Bodensee, wo Liselotte Jünger ein Haus besitzt. Den Fall der Mauer am 9. November 1989 erlebt Jünger am häuslichen Fernsehgerät ; die Enkel Irina und Martin rufen aus Berlin an und berichten, dass sie auf der Mauer tanzten - eine Nachricht, die Jünger mit Glück erfüllt. Er habe, schreibt er im Tagebuch, immer an die Wiedervereinigung geglaubt. Und mahnt in Anspielung auf Kritiker der Einheit wie Oskar Lafontaine oder Günter Grass, man dürfe, wenn ein Bruder an die Tür klopft, nicht nach den Kosten fragen.
Während sich mit der Auflösung der Sowjetunion die politische Landkarte Europas neu ordnet, schreibt Jünger an einer philosophischen Schrift mit dem Titel "Die Schere", die 1990 bei Klett-Cotta herauskommt. Die "Schere" ist ein aphoristisch verdichteter Text zu den Themen Zeit, Traum und Tod und ein eindrucksvolles Beispiel für den Weg, den Jünger von der dionysischen Bejahung des Schmerzes in seinem Frühwerk über den heroischen Versuch der Leidensakzeptanz im "Arbeiter" bis hin zu seiner platonischen Aufhebung im Alterswerk zurückgelegt hat.
Wenige Tage vor Jüngers 95. Geburtstag, am 21. März 1990, überrascht Bundeskanzler Kohl den Jubilar mit einem zweiten Besuch, zu dem er den spanischen Ministerpräsidenten Felipe Gonzáles mitbringt ; der Sozialdemokrat Gonzáles ist Jünger-Leser mit botanischen Neigungen. Von der Begegnung ist er so beeindruckt, daß er Jünger spontan zu einem Gegenbesuch nach Spanien einlädt. Se