Bastion Club Montrose Place, London 15. März 1816
»Es ist noch ein ganzer Monat, bis die Saison offiziell beginnt, aber die Hyänen haben sich schon wieder zur Jagd zusammengerottet.« Charles St. Austell ließ sich in einen der hochlehnigen Stühle um den Mahagonitisch im Versammlungsraum des Bastion Clubs sinken.
»Wie wir es vorhergesagt haben.« Anthony Blake, der sechste Viscount Torrington, nahm ihm gegenüber Platz.
»Der ganze Trubel auf dem Heiratsmarkt grenzt schon fast an Hysterie.«
»Hast du davon schon etwas zu spüren bekommen?« Deverell setzte sich neben Charles.
»Ich muss zugeben, ich warte noch den rechten Moment ab und halte mich so lange bedeckt, bis die Saison richtig losgeht.«
Tony verzog das Gesicht zu einer Grimasse.
»Meine Mutter mag zwar vielleicht in Devon leben, aber sie hat einen würdigen Statthalter in meiner Patentante Lady Amery. Wenn ich mich auf ihren Gesellschaften nicht wenigstens kurz blicken lasse, kann ich mich darauf verlassen, am nächsten Morgen eine scharf formulierte Nachfrage zu erhalten, weshalb ich ferngeblieben sei.«
Die anderen lachten - schicksalsergeben, zynisch oder mitfühlend -, während sie Platz nahmen. Christian Allardyce, Gervase Tregarth und Jack Warnefleet setzten sich ebenfalls an den Tisch, dann richteten sich aller Augen gleichzeitig auf den leeren Stuhl neben Charles.
»Trentham lässt sein Bedauern ausrichten.« Am Kopf des Tisches gab sich Christian nicht die Mühe, eine ernste Miene zu behalten.
»Zugegeben, er klang nicht wirklich aufrichtig. Er hat geschrieben, er habe heute eine dringendere Verabredung, wünsche uns aber Freude an und Erfolg in unserem Vorhaben. Er rechnet damit, innerhalb einer Woche wieder in der Stadt zu sein und freut sich darauf, uns sechs in der sich abzeichnenden Mühsal nach Kräften beizustehen.«
»Wie überaus freundlich von ihm«, spottete Gervase; alle grinsten.
Trentham - Tristan Wemyss - war der Erste von ihnen, dem es gelungen war, das zu erreichen, was sie alle sich vorgenommen hatten. Sie mussten alle heiraten; dieses gemeinsame Ziel war der Grund für diese Idee hier, diesem Club gewesen - die letzte Bastion gegen die ehestiftenden Horden der guten Gesellschaft.
Die sechs, die noch ledig waren, hatten sich hier versammelt, um die letzten Neuigkeiten auszutauschen. Tony war sich sicher, dass er derjenige war, der die größte Verzweiflung verspürte, allerdings konnte er sich selbst nicht erklären, weshalb er sich so rastlos, so frustriert fühlte, als wäre er auf dem Sprung, bereit zum Angriff - jedoch ohne, dass ein Feind in Sicht wäre. So unruhig war er seit Jahren nicht gewesen. Andererseits war er in den vergangenen Jahren ja auch kein Zivilist gewesen oder eben nur ein gewöhnlicher Gentleman.
»Ich schlage vor, dass wir uns alle vierzehn Tage treffen«, erklärte Jack Warnefleet.
»Wir müssen schließlich auf dem Laufenden bleiben.«
»Dem stimme ich zu.« Gervase nickte.
»Und wenn einer von uns irgendetwas Dringendes zu berichten hat, berufen wir ein Treffen außer der Reihe ein. Bedenkt man, mit welchem Tempo sich die Dinge derzeit in der Gesellschaft verändern, sind zwei Wochen die Grenze - bis dahin haben wir eine völlig neue Ausgangssituation.«
»Ich habe gehört, die Hüterinnen von Almack's spielen mit dem Gedanken, dieses Jahr die Saison vorzeitig zu eröffnen, so groß ist das Interesse.«
»Stimmt es denn, dass man immer noch Kniehosen tragen muss?«
»Sicher. Sonst muss man damit rechnen, dass einem der Einlass verwehrt wird.« Christian hob seine Brauen.
»Allerdings muss ich erst noch herausfinden, weshalb das schlimm sein sollte.«
Die anderen lachten. Sie fuhren fort, Informationen auszutauschen - über gesellschaftliche Ereignisse, die neueste Mode und die angesagten Zerstreuungen - und wandten sich dann Warnungen vor einzelnen Matronen zu, vor heiratswütigen Müttern, allgemein den Drachen des ton sowie den schlimmsten Schreckschrauben und alten Hexen, kurz all denen, die ahnungslosen Junggesellen auflauerten, um sie in die Ehefalle zu locken.
»Lady Entwhistle sollte man unbedingt aus dem Weg gehen - wenn sie einen erst einmal in den Klauen hat, ist es teuflisch schwer, sich daraus wieder zu befreien.«
So versuchten sie mit der schweren Aufgabe fertig zu werden, die vor ihnen lag.
Sie alle hatten die letzten zehn Jahre oder sogar mehr in den Diensten der Regierung Seiner Majestät verbracht - als Agenten mit inoffiziellen Aufträgen, um überall in Frankreich und den angrenzenden Staaten Informationen über feindliche Truppen, Schiffe, Vorräte und Strategien zu sammeln. Sie hatten ihre Berichte an Dalziel geschickt, einen Meisterspion, der irgendwo in den Tiefen von Whitehall hauste, wie eine Spinne in der Mitte ihres Netzes hockte; ihm unterstanden alle englischen Militärspione auf fremdem Boden.
Sie waren überragend gut in ihrer Arbeit gewesen; als Beweis dafür diente allein schon die Tatsache, dass sie alle noch am Leben waren. Jetzt jedoch war der Krieg vorüber und das Zivilistenleben hatte sie eingeholt. Jeder hatte Reichtum, Titel und Ländereien geerbt; alle stammten aus vornehmer Familie, dennoch war ihnen ihr natürliches Umfeld - der elitäre Kreis, zu dem sie von Geburt an Zutritt hatten und an dem teilzuhaben durch ihre Titel und ihren Besitz mitsamt den dazugehörigen Verpflichtungen für sie unumgänglich war - in weiten Gebieten fremd.
Um Informationen zusammenzutragen, sie zu bewerten und zu untersuchen - darin waren sie schließlich Experten - hatten sie den Bastion Club gegründet. Die Absicht war, sich gegenseitig bei ihren einzelnen Vorhaben zu unterstützen und beizustehen. Wie Charles es so dramatisch umschrieben hatte, war der Club ihr sicherer Zufluchtshafen, ihre Ausgangsbasis, von der aus ein jeder sich unter die gute Gesellschaft mischen würde, die Dame, die er heiraten wollte, finden und dann die Stellungen des Feindes im Sturm nehmen und die Auserwählte an sich binden. So lautete der Plan.
Tony nahm einen kleinen Schluck von seinem Brandy und dachte daran, dass er der Erste gewesen war, der erkannt hatte, dass sie eine sichere Zuflucht brauchten. Mit einer französischen Mutter und seiner französischen Patin, die alle, die Lust dazu verspürten, einzuladen schienen, ihm schöne Augen zu machen, war er doppelt gestraft - beide Damen waren sich im Übrigen darüber im Klaren, dass eine solche Taktik die Garantie dafür war, dass er selbst unverzüglich die Initiative ergriff, sich eine Frau zu suchen. Daher hatte er im Freundeskreis hier warnend die Stimme erhoben - die gute Gesellschaft war kein sicherer Ort für Männer wie sie.
Auch in den Herrenklubs waren sie nicht sicher. Verfolgt von
vernarrten Vätern und grimmig blickenden Matronen, begraben unter einer wahren Lawine von Einladungen, die täglich bei ihnen eintrafen, war das Leben eines unverheirateten, wohlhabenden und in jeder Hinsicht begehrenswerten Herren mit Titel voller Gefahren.
Zu viele waren auf den Schlachtfeldern auf der spanischen Halbinsel und - noch nicht so lange her - bei Waterloo gefallen.
Die Überlebenden waren angezählt.
Sie waren vielleicht zahlenmäßig unterlegen, aber sie wollten verdammt sein, wenn sie sich einfach überrennen ließen.
Sie waren schließlich Fachmänner im Kampf, in Taktik und Strategie; sie würden nicht einfach erobert werden. Wenn sie in der Sache etwas zu sagen hatten, würden sie die Eroberer sein.
Das war im Grunde genommen der Sinn und Zweck des Bastion Clubs.
»Gibt es noch etwas?« Christian blickte in die Runde.
Alle schüttelten die Köpfe; dann leerten sie ihre Gläser.
»Ich muss mich heute bei Lady Hollands Soirée blicken lassen.« Charles schnitt eine Grimasse.
»Ich nehme an, sie hat das Gefühl, Trentham zur Hand gegangen zu sein, und meint nun, sie müsse ihr Glück an mir ausprobieren.«
Gervase hob die Brauen.
»Und du willst ihr die Gelegenheit dazu bieten?«
Charles, der bereits aufgestanden war, erwiderte seinen Blick.
»Meine Mutter, meine Schwestern und meine Schwägerinnen sind in der Stadt.«
»Oje! Verstehe. Spielen sie mit dem Gedanken, einstweilen hier ihre Zelte aufzuschlagen?«
»Nein, gegenwärtig nicht, aber ich will nicht abstreiten, dass mir der Gedanke gekommen ist, sie könnten auf die Idee verfallen.«
»Ich begleite dich.« Christian ging um den Tisch herum.
»Ich möchte ohnehin mit Leigh Hunt über das Buch sprechen, das er gerade schreibt. Er ist sicherlich in Holland House anzutreffen.«
Tony erhob sich.
Christian sah ihn an.
»Genießt du noch deinen ledigen Familienstand?«
»Ja, dem Himmel sei Dank - meine Mutter ist in Devon.« Er zuckte die Achseln, damit sein Rock richtig saß.
»Meine Patin hat mich aber nach Amery House zu einer Gesellschaft bestellt. Ich werde dort kurz erscheinen müssen.« Er schaute sich um.
»Kommt jemand mit?«
Gervase, Jack und Deverell verneinten. Sie hatten beschlossen, sich in die Bibliothek des Clubs zurückzuziehen und den Rest des Abends in einvernehmlichem Schweigen zu verbringen.
Tony verabschiedete sich; grinsend wünschten sie ihm Glück. Zusammen mit Christian und Charles stieg er die Stufen hinab zur Straße. Auf dem Bürgersteig trennten sie sich. Christian und Charles begaben sich nach Kensington in Richtung Holland House, während Tony den Weg nach Mayfair einschlug.
Unlust hemmte seine Schritte, aber er beachtete das Gefühl nicht weiter. Jeder erfahrene Befehlshaber wusste, dass es Kräfte gab, auf die zu bekämpfen man besser nicht seine Energie verschwendete. So wie Patinnen beispielsweise. Und französische ganz besonders.
»Guten Abend Mrs. Carrington. Es ist mir ein Vergnügen, Sie wiederzusehen.«
Alicia Carrington lächelte ungezwungen und reichte Lord Mar- shalsea ihre Hand.
»Mylord, ich denke, Sie erinnern sich noch an meine Schwester Miss Pevensey?«
Da der Blick Seiner Lordschaft bereits auf Adriana ruhte, die wenige Schritte neben ihr stand, war diese Frage hauptsächlich rhetorisch. Seine Lordschaft hatte jedoch offensichtlich entschieden, dass Alicias Unterstützung zu erlangen entscheidend dafür war, Adrianas Hand zu gewinnen. Während er Adriana zunickte, blieb er an Alicias Seite und unterhielt sich beiläufig, ja beinahe abgelenkt mit ihr.
Das lag, entschied Alicia, eindeutig daran, dass Lord Marshal- sea so versunken in die Betrachtung ihrer Schwester war, die ihrerseits angeregt mit dem Kreis Bewunderer plauderte, der sich um sie drängte und um ihre Aufmerksamkeit wetteiferte. Adriana war eine echte englische Rose - und sie trug dementsprechend ein rosa Seidenkleid, das allerdings eine Schattierung dunkler war, als sonst bei jungen Damen üblich, damit es ihre üppigen dunklen Locken vorteilhaft betonte. Die schimmerten im Schein der Kronleuchter und bildeten den perfekten Rahmen für ihre bezaubernden Züge, ihre großen braunen Augen unter fein gezeichneten schwarzen Brauen, ihren Pfirsich-mit-Sahne-Teint und die vollen Rosenknospenlippen.
Und Adrianas Figur in dem bewusst einfach geschnittenen Kleid, das mehr andeutete, als herauszustellen, war reizend. Selbst in Sackleinen gewandet würde Alicias Schwester unweigerlich den Herren ins Auge fallen, was der Grund für ihre Anwesenheit hier in London war, mitten in der guten Gesellschaft.
In Verkleidung.
Wenigstens was Alicia anging; Adriana war, wer und was sie zu sein vorgab.
Während sie die angemessenen Antworten auf Lord Marshal- seas Bemerkungen gab, beobachtete Alicia genau, wer ihrer jüngeren Schwester den Hof machte. Alles bis zum jetzigen Augenblick war genauso gelaufen, wie sie es geplant hatten, in ihrem kleinen Haus in Little Compton im ländlichen Warwickshire, das zusammen mit den umliegenden paar Morgen alles war, was sie - Alicia, Adriana und ihre drei Brüder - besaßen. Aber selbst mit ihrer zugegebenermaßen blühenden Phantasie hätten sie es sich nicht träumen lassen, dass sich alles - die Umstände, die Leute und die sich bietenden Gelegenheiten - so günstig entwickeln würde.
Ihr Plan, der unbestritten aus der Verzweiflung geboren und daher gewagt war, könnte aufgehen. Aufgehen, indem er ihren drei Brüdern David, Harry und Matthew eine sichere Zukunft eröffnete - und Adriana. Für sich selbst hatte Alicia nicht so weit gedacht; später, nachdem sie sich um ihre Geschwister gekümmert hatte, war immer noch genug Zeit, sich um ihr eigenes Leben Gedanken zu machen.
Lord Marshalsea wurde immer nervöser, Alicia erbarmte sich schließlich seiner und ging mit ihm zu dem Kreis von Adrianas Bewunderern, führte ihn ein und zog sich dann, ganz die perfekte Anstandsdame, wieder zurück. Sie lauschte, hörte zu, wie Adriana die Herren um sich herum mit gewohnter Selbstsicherheit behandelte. Obwohl weder sie noch Adriana über irgendwelche frühere Erfahrung in Gesellschaft verfügten oder mit dem Umgang in den höchsten Kreisen, hatten sie seit ihrem Erscheinen in der Stadt und der Einführung in diese erlauchte Schicht alles ohne die kleinste Unebenheit bewältigt.
Achtzehn Monate gründlichster Recherche und ihr gesunder Menschenverstand hatten ihnen gute Dienste geleistet. Dass sie drei jüngere Brüder hatten, die sie größtenteils selbst großgezogen hatten, hatte ihnen früh jeglichen Hang zu Panik abgewöhnt. Gemeinsam und auch jede für sich waren sie beide an jeder Herausforderung gewachsen und hatten am Ende triumphiert.
Alicia war stolz auf ihre Schwester und sich - und voller Hoffnung, dass ihr Plan wunderbar aufgehen könnte.
»Mrs. Carrington, Ihr Diener.«
Die gedehnt gesprochenen Worte rissen sie aus ihren rosigen Zukunftsträumen. Sie verbarg geschickt ihre mangelnde Begeisterung und drehte sich ruhig um, verzog die Lippen und reichte dem Gentleman die Hand, der sich vor ihr verneigte.
»Mr. Ruskin. Wie schön, Sie hier zu sehen.«
»Das Vergnügen liegt ganz auf meiner Seite, meine Dame, lassen Sie sich das versichern.«
Ruskin richtete sich auf und bedachte sie bei diesen Worten mit einem beredten Blick und einem Lächeln, das ihr einen warnenden Schauer über den Rücken sandte. Er war ein großer Mann, einen halben Kopf größer als sie, und kräftig gebaut; er kleidete sich gut und hatte das Auftreten eines Gentlemans, aber er hatte etwas an sich, das sie - trotz ihrer Unerfahrenheit - als alles andere als vertrauenswürdig einstufte.
Aus irgendeinem unseligen Grund hatte Ruskin von ihrem ersten Kennenlernen an ein Auge auf sie geworfen. Wenn sie verstünde, warum, hätte sie etwas getan, das zu verhindern; ihre immer rege Phantasie malte ihn als Schlange und sie als hypnotisiertes Opfertier. Sie gab vor, den Ton seiner Aufmerksamkeiten nicht zu verstehen, hatte versucht, ihn zu entmutigen. Als er sie schockiert hatte, indem er ihr ganz unverhohlen eine Carte Blanche anbot, hatte sie so getan, als begriffe sie nicht, was er meinte. Als er später eine Ehe angedeutet hatte, hatte sie sich taub gestellt und von etwas anderem zu sprechen begonnen. Aber alles vergebens: Er suchte dennoch weiter ihre Nähe, wurde immer eindeutiger in seinen Avancen.
Bislang war es ihr gelungen, einen Antrag zu vermeiden - und ihn ablehnen zu müssen. Unter Rücksicht auf ihre Maskerade wollte sie keinen Korb geben, keinerlei Aufmerksamkeit auf sich ziehen; sie wagte es nur, kühl zu bleiben.
Ruskins Blick war über ihr Gesicht geglitten; dann sah er ihr in die Augen.
»Wenn Sie mir die Gunst erwiesen, ein paar Minuten ungestört mit Ihnen sprechen zu können, meine Liebe, wäre ich Ihnen überaus dankbar.«
Er hielt immer noch ihre Finger in seiner Hand. Mit unverbindlicher Miene entzog sie sie ihm und deutete zu Adriana.
»Ich fürchte, mein Herr, dass ich, da meine Schwester unter meiner Obhut ist, mich unmöglich
»Ah!« Ruskin schaute zu Adriana, betrachtete die hingerissenen jungen Adligen und vornehmen Jünglinge um sie und Miss Tiver- ton herum, die Adriana unter ihre Fittiche genommen hatte, was ihr die unsterbliche Dankbarkeit Lady Herfords eingebracht hatte.
»Was ich zu sagen habe, wird, schätze ich, auch für Ihre Schwester wichtig sein.«
Ruskin schaute zu Alicia zurück, fing ihren Blick auf. Sein Lächeln blieb ungezwungen - ein Gentleman, der sich seiner Sache sicher war.
»Allerdings ist Ihre ^ Sorge verständlich.«
Sein Blick löste sich von ihr, er schaute sich im Saal um, in dem sich die modische Welt versammelt hatte. Lady Amerys Soirée hatte die Crème de la Crème der guten Gesellschaft angelockt; sie waren zahlreich vertreten, unterhielten sich, tauschten die neusten Gerüchte aus, ergötzten sich an den jüngsten Skandalen.
»Vielleicht könnten wir uns an den Rand des Saales zurückziehen?« Ruskin sah ihr wieder ins Gesicht.
»Bei diesem Lärm wird uns niemand hören; wir werden miteinander reden können, und Sie werden Ihre so bezaubernde wie liebreizende junge Schwester _ nicht aus den Augen lassen müssen.«
Seine Worte hatten einen unnachgiebigen Unterton; Alicia ließ jeden Gedanken daran, abzulehnen, fahren und neigte zustimmend den Kopf und täuschte Gleichgültigkeit vor; so legte sie ihm die Hand auf den angebotenen Arm und gestattete ihm, sie durch die Menge zu führen.
Welche unwillkommene Herausforderung würde sich ihr nun bieten?
Hinter ihrem ruhigen Äußeren schlug ihr Herz schneller; ihre Lungen fühlten sich eingezwängt an. Hatte sie sich die Drohung in seiner Stimme nur eingebildet?
Ein Alkoven hinter einem Sofa, auf dem mehrere Witwen saßen, bot eine gewisse Ungestörtheit. Wie Ruskin gesagt hatte, konnte sie Adriana und ihre Bewunderer immer noch sehen. Wenn sie mit gesenkter Stimme redeten, würden noch nicht einmal die Witwen, die sich eifrig Klatschgeschichten erzählten, etwas verstehen können.
Ruskin stellte sich neben sie, schaute über die Menge.
»Ich würde vorschlagen, meine Liebe, dass Sie mich in Ruhe aussprechen lassen - sich alles anhören, was ich zu sagen habe - ehe Sie eine Antwort geben.«
Sie schaute ihn flüchtig an, dann nickte sie steif, nahm ihre Finger von seinem Ärmel und fasste ihren Fächer.
»Ich denke Ruskin machte eine Pause, dann fuhr er fort, »ich sollte erwähnen, dass mein Landsitz nicht weit von Bleding- ton liegt - ah, ja, ich sehe, Sie verstehen.«
Alicia bemühte sich, ihr Erschrecken zu verbergen. Bledington lag südwestlich von dem Marktstädtchen Chipping Norton; Little Compton, ihr Heimatdorf, befand sich nordwestlich davon - es konnten nicht mehr als acht Meilen Luftlinie zwischen Little Compton und Bledington sein.
Aber Ruskin und sie waren sich nie auf dem Land begegnet; ihre Familie führte ein bescheidenes, ruhiges Leben, und sie waren bis vor Kurzem nie weiter als Chipping Norton gekommen. Als sie nach London zu ihrer Maskerade aufgebrochen waren, war sie davon überzeugt gewesen, dass niemand in London sie kennen würde.
Ruskin erriet ihre Gedanken.
»Wir sind uns nie begegnet, aber ich habe Sie und Ihre Schwester gesehen, als ich letztes Jahr Weihnachten zu Hause war. Sie beide schlenderten über den Marktplatz.«
Sie schaute hoch.
Er erwiderte ihren Blick und lächelte raubtierhaft.
»Da habe ich beschlossen, Sie zu bekommen.«
Unwillkürlich weiteten sich ihre Augen.
Sein Lächeln wurde leicht verächtlich.
»Wirklich - unglaublich romantisch.« Er schaute zurück zur Menge.
»Ich habe mich erkundigt, worauf mir Ihr Name genannt wurde - Miss Alicia Pevensey.«
Er machte eine Pause, dann zuckte er die Achseln.
»Wenn Sie nicht nach London gekommen wären, wäre gewiss nichts daraus geworden. Aber Sie sind nun einmal hier, nur wenige Monate später - als Witwe, angeblich seit mehr als einem Jahr. Ich habe mich keinen Moment täuschen lassen. Ich verstehe Ihre Beweggründe für das Täuschungsmanöver, ja, ich bewundere sogar Ihren Mut, die Sache durchzuziehen. Es war ein gewagter Zug, aber einer mit Chancen auf Erfolg. Ich habe keinen Grund gesehen, etwas anderes zu tun, als Ihnen Glück zu wünschen bei Ihrem Unterfangen. Während meine Bewunderung für Ihre Klugheit wuchs, nahm auch mein Interesse an Ihnen auf einer persönlicheren Ebene zu.«
»Allerdings« - seine Stimme wurde härter - »haben Sie, als ich Ihnen meinen Schutz anbot, abgelehnt. Nach kurzer Besinnung beschloss ich, das Ehrenhafte zu tun - und habe um Ihre Hand angehalten. Wieder jedoch wiesen Sie mich ab - weshalb, kann ich nicht ahnen. Sie scheinen keine Neigung zu verspüren, einen Ehemann zu finden, sondern damit zufrieden zu sein, zuzusehen, wie ihre Schwester ihre Wahl trifft. Es ist anzunehmen, dass Sie - da Sie augenscheinlich nicht in Finanznöten stecken - sich mit Ihrer eigenen Entscheidung Zeit lassen wollen.«
Sein Blick kehrte zu ihrem Gesicht zurück.
»Ich würde sagen, meine liebe Mrs. Carrington, dass Ihre Zeit abgelaufen ist.«
Alicia kämpfte die Schwäche nieder, den Schwindel, der drohte; der Raum schien sich zu drehen. Sie holte tief Luft, dann fragte sie mit bewundernswert ruhiger Stimme:
»Was, genau, meinen Sie?«
Seine Miene blieb eindringlich.
»Ich meine, dass Ihre Vorstellung als feine Witwe, die hochnäsig meinen Antrag ablehnt, so überzeugend war, dass ich meine Informationen noch einmal überprüft habe. Heute habe ich einen Brief von dem alten Dr. Lange erhalten, in dem er mir versichert, die Pevensey-Schwestern - beide Schwestern - seien noch unverheiratet.«
Der Raum schwankte, der Boden hob sich, kam dann mit einem Ruck zum Stillstand.
Die Katastrophe starrte ihr ins Gesicht.
»Genau.«
Ruskins Raubtierlächeln drängte sich wieder in den Vordergrund, aber seine Verachtung blieb sichtbar.
»Aber keine Sorge - nachdem ich zu dem Schluss gekommen bin, dass es eine ausgezeichnete Idee wäre, Sie zu heiraten, hat nichts von dem, was ich erfahren habe, mich zum Umdenken bewogen.«
Sein Blick wurde schärfer.
»Lassen Sie uns klare Worte finden. Meine liebe Mrs. Carrington kann nicht weiter in der guten Gesellschaft verkehren, aber wenn Sie einwilligen, Mrs. William Ruskin zu werden, sehe ich keinen Grund, weshalb je jemand erfahren sollte, dass es Mr. Car- rington nie gegeben hat. Ich wiederhole meinen Heiratsantrag. Wenn Sie annehmen, gibt es keinen Anlass zur Sorge, dass Ihr Plan, die reizende Adriana möglichst vorteilhaft unter die Haube zu bringen, auch nur ins Stocken gerät.« Sein Lächeln verblasste; er erwiderte immer noch ihren Blick.
»Darf ich davon ausgehen, dass ich mich klar und deutlich ausgedrückt habe?«
Ihr Triumphgefühl von vorhin war zu Asche verbrannt; ihr Mund war trocken. Sie befeuchtete die Lippen und bemühte sich um einen gleichmäßigen Tonfall.
»Ich glaube, ich verstehe Sie bestens, mein Herr. Dennoch _ Ich fürchte, ich muss mir ein wenig Bedenkzeit ausbedingen.«
Seine Brauen hoben sich; sein wenig vertrauenswürdiges Lächeln kehrte zurück.
»Natürlich. Sie haben vierundzwanzig Stunden Zeit - es gibt schließlich nicht allzu viel zu bedenken.«
Sie atmete scharf ein, versuchte sich verzweifelt zu sammeln, um ihm zu widersprechen.
Aber sein Blick hielt ihren gefangen.
»Morgen Abend können Sie meinen Antrag offiziell annehmen - und morgen Nacht erwarte ich, das Bett mit Ihnen zu teilen.«
Schreck lähmte sie, ließ sie erstarren. Sie schaute ihm forschend in die blassen Augen, fand aber keinen Hinweis auf irgendein Gefühl, an das es sich zu appellieren lohnte.
Als sie keine Antwort gab, verneigte er sich geziert. »Ich werde morgen Abend um neun bei Ihnen vorstellig werden.«
Damit drehte er sich um und ging, verschmolz mit der Menge.
Alicia stand wie erstarrt, ihre Gedanken ein wildes Durcheinander. Ihre Haut fühlte sich eiskalt an, ihr Magen seltsam hohl.
Lautes Gelächter war aus den Reihen der Witwen zu hören; ohne Erfolg versuchten sie, es zu dämpfen. Es holte Alicia in die Wirklichkeit zurück. Sie schaute durch den Raum zu Adriana. Ihre Schwester behauptete sich mühelos, hatte aber ihre Abwesenheit bemerkt. Ihre Blicke trafen sich, doch als Adriana fragend eine Braue hob, schüttelte Alicia nur kaum merklich den Kopf.
Sie musste sich fassen, den verlorenen Boden zurückgewinnen - ihren Plan, ihr Leben wieder unter Kontrolle bringen. Ruskin heiraten oder _ Sie konnte es kaum denken.
Schwäche hielt sie weiter gefangen, in der einen Minute war ihr heiß, in der nächsten kalt. Sie sah einen Lakaien vorbeikommen und erbat ein Glas Wasser. Er brachte es ihr sofort, betrachtete sie aber argwöhnisch, als fürchtete er, sie könne ohnmächtig werden. Sie rang sich ein müdes Lächeln ab und bedankte sich bei ihm.
Ein Stuhl stand zwei Meter entfernt an der Wand, sie ging hin und setzte sich, trank von ihrem Wasser. Nach wenigen Minuten öffnete sie ihren Fächer und wedelte sich kühle Luft zu.
Sie musste überlegen. Adriana war für den Augenblick sicher _
Sie schob alle Gedanken an Ruskins Drohung beiseite und konzentrierte sich auf ihn, auf das, was er gesagt hatte - was sie wusste und was nicht. Warum er so handelte, wie er es tat, welche Einsichten ihr das vermittelte, wie sie ihn am besten dazu bringen konnte, seine Meinung zu ändern.
Sie - Adriana, die drei Jungs und sie selbst - waren verzweifelt darauf angewiesen, dass Adriana eine gute Partie machte. Nicht nur mit irgendeinem Herrn, sondern einem von Rang und Vermögen - und mit einem gütigen Wesen, gütig genug, ihnen nicht nur die Täuschung zu verzeihen, sondern auch den Jungs eine Schulausbildung zu ermöglichen.
Sie waren praktisch so mittellos, dass sie nur eine Haaresbreite von echter Armut trennte. Sie waren von guter Herkunft, hatten aber keine familiären Verbindungen oder Beziehungen; es gab nur sie fünf - oder genauer Alicia und Adriana, um sich um sie zu kümmern. David war erst zwölf Jahre alt, Harry zehn und Matthew acht. Ohne Schulbesuch hatten sie keine Zukunft.
Adriana musste die Chance erhalten, so vorteilhaft zu heiraten, wie sie es ihr alle zutrauten. Sie war atemberaubend schön; die gute Gesellschaft hatte ihr bereits inoffiziell den Titel »Diamant reinsten Wassers« verliehen. Sie würde ein Erfolg sein, der ihre kühnsten Träume überstieg; sobald die Saison an Schwung gewonnen hatte, konnte sie ihre Wahl unter den reichen Herren treffen, und sie war trotz ihres jungen Alters klug genug, mit Alicias Hilfe die richtige Entscheidung zu fällen.
Ein Gentleman würde der Richtige für sie sein, für sie alle, und dann wäre die Familie - Adriana und die drei Jungen - in Sicherheit.
Alicia hatte kein anderes Ziel; das hatte sie seit achtzehn Monaten nicht, seit ihre Mutter gestorben war. Ihr Vater war schon Jahre davor einem Leiden erlegen, hatte die Familie mit spärlichen finanziellen Mitteln und nur wenig Landbesitz zurückgelassen.
Sie hatten alles zusammengekratzt, geknausert und gespart, und dann alles auf diese eine Karte gesetzt, die das Schicksal ihnen in die Hände gespielt hatte, indem es Adriana unvergleichliche Schönheit verliehen hatte. Um das zu erreichen, hatte Alicia etwas getan, was sie sonst nie getan hätte - und bislang gewonnen.
Sie war Mrs. Carrington geworden, eine wohlhabende modische Witwe, die perfekte Anstandsdame, um Adriana in die gute Gesellschaft einzuführen. Eine echte Anstandsdame einzustellen, hatte außer Frage gestanden - sie hatte nicht nur das Geld nicht, es waren auch völlig andere Voraussetzungen, wenn eine reiche Witwe ihre jüngere Schwester begleitete, als wenn zwei Jungfern vom Lande unter der Obhut einer bezahlten Anstandsdame auftraten, deren Status nur auf sie zurückgefallen wäre.
Mit ihrer Maskerade hatten sie bislang jede Hürde mühelos genommen und hatten erfolgreich ihren Platz in den Reihen der vornehmen Welt gefunden. Erfolg blinkte lockend am Horizont, alles ging so gut ^
Es musste einen Weg geben, Ruskin und seine Drohung zu umgehen.
Sie konnte ihn heiraten, aber der Ekel, der sie bei dem Gedanken erfasste, ließ sie das nur als allerletzte Möglichkeit in Erwägung ziehen; sie würde daran erst denken, wenn es wirklich keinen anderen Weg mehr gab.
Eine Sache, die Ruskin gesagt hatte, fiel ihr wieder ein. Er dachte, sie hätte Geld. Er hatte herausgefunden, dass sie nie verheiratet gewesen war, aber er hatte nicht erfahren, dass sie praktisch bettelarm war.
Was, wenn sie es ihm sagte?
Würde das einen Unterschied für ihn machen? Ihn dazu bewegen, seinen Plan zu ändern, oder ihm schlicht nur eine neue Waffe in die Hände spielen? Wenn er erführe, dass sie nichts besaß und nur Kosten und Verpflichtungen in die Ehe mitbrachte, würde er da nicht einfach beschließen, sie nicht zu heiraten und nur zu seiner Mätresse zu machen?
Bei der Vorstellung wurde ihr übel. Sie trank den Rest ihres Wassers, dann stand sie auf und stellte das Glas auf ein nahes Sideboard. Dadurch drehte sie sich genau in dem Augenblick zum Raum hin um, in dem Ruskin durch die Glastür nach draußen trat.
Sie bewegte sich durch die Menge und schaute genauer hin. Die Tür blieb einen Spalt breit offen stehen, sie führte auf einen Balkon oder eine Terrasse.
Die Tatsache, dass sie ihn an einen Ort hatte gehen sehen, der ihnen größere Ungestörtheit bieten würde, bekräftigte sie in ihrem Entschluss; sie würde ihm nachgehen und mit ihm sprechen. Trotz seines unseligen Wunsches, sie »zu bekommen«, konnte es vielleicht doch noch etwas anderes geben, was er im Gegenzug für sein Schweigen akzeptieren würde.
Es war auf jeden Fall einen Versuch wert. Sie hatte Bekannte mit Geld, die sie - wenigstens glaubte sie das - um Hilfe bitten konnte. Und auf jeden Fall würde sie versuchen, sich wenigstens mehr Zeit auszubedingen.
Sie bahnte sich einen Weg durch die Menge und stellte sich neben Adriana.
Mit einem Lächeln zu den Herren drehte die sich zu ihr um.
»Was ist los?«
Alicia wunderte sich einmal mehr über die Fähigkeit ihrer Schwester, sie zu durchschauen.
»Nichts, womit ich nicht fertig werden könnte. Ich erzähle es dir später. Ich werde auf die Terrasse gehen, um mit Mr. Ruskin zu reden, und bin gleich wieder zurück.«