Wie lebten die alten Römer? Was geschah tagtäglich in den Straßen Roms? Wir alle haben uns schon Ähnliches gefragt. Diese Neugier ist es, die Sie dazu bewogen hat, dieses Buch aufzuschlagen.
Tatsächlich übt Rom eine unbeschreibliche Faszination aus. Sie ist jedes Mal spürbar, wenn man eine Ausgrabungsstätte aus römischer Zeit besichtigt. Leider jedoch geben die Beschilderungen und Reiseführer meist nur allgemeine Hinweise zum täglichen Leben in der Gegend, die Sie gerade erkunden, und konzentrieren sich auf architektonische und historische Daten.
Es gibt aber einen "Trick", um sich das Alltagsleben an diesen Stätten wirklich vorstellen zu können. Er besteht darin, sein Augenmerk vor allem auf die Details zu richten: die Abnutzung der Treppenstufen, die Inschriften im Mauerputz (in Pompeji gibt es unzählige davon), die Furchen, die die Wagen in den Straßen hinterlassen haben, oder die von der ständigen Benutzung einer (mittlerweile verschwundenen) Tür hervorgerufenen Kratzer im Marmorboden einer Wohnstätte.
Wenn Sie sich in diese Einzelheiten vertiefen, erwacht jede Ruine schlagartig zu neuem Leben, und Sie "sehen" die Menschen von damals vor sich. Genau das ist der Ansatz dieses Buches: die große Geschichte anhand von vielen kleinen zu erzählen.
Während der vielen Jahre meiner Fernseharbeit bin ich auf außergewöhnlich viele Geschichten und Details aus dem Leben der Menschen zur Zeit der römischen Kaiser gestoßen, die jahrhundertelang vergessen waren und erst von den Archäologen wiederentdeckt wurden. Es sind Anekdoten, Dokumente, Kuriositäten das tägliche Leben oder die gesellschaftlichen Regeln betreffend wieder aufgetaucht, die einer verschwundenen Welt angehören. Als ich mit Archäologen über ihre Ausgrabungen sprach, ihre Publikationen las oder ihre Schriften konsultierte, passierte dasselbe.
Mir wurde bewusst, dass diese wertvollen Informationen über die Welt der alten Römer so gut wie nie bei den Menschen draußen ankommen und häufig in Fachpublikationen oder an Ausgrabungsstätten ein verstecktes Dasein fristen. Also habe ich versucht, sie zu erzählen.
Dieses Buch hat zum Ziel, das Alte Rom anhand von Schilderungen über das Alltagsleben wiederauferstehen zu lassen, indem es sehr einfachen Fragen nachgeht: Wie war es, durch die Straßen zu gehen? Wie sahen die Gesichter der Menschen aus, die man dort traf? Was konnte man von den Balkonen aus sehen? Wie schmeckte das Essen? Welche Art Latein wurde auf den Straßen gesprochen? Wie sahen die Tempel auf dem Kapitolshügel aus, wenn die ersten Sonnenstrahlen sie trafen?
In gewisser Weise wollte ich die Orte wie mit einer Fernsehkamera erkunden, so wie sie vor 2000 Jahren gewesen sein mussten, und dem Leser damit ein Gefühl vermitteln, als befände er sich in den Straßen des Alten Roms, als atmete er seine Gerüche und Düfte, träfe die Blicke der Menschen, träte in die Geschäfte ein, in die Häuser oder ins Kolosseum. Nur so kann man wirklich verstehen, wie es sich angefühlt hat, in der Hauptstadt des Römischen Reichs zu leben.
Da ich selbst in Rom wohne, war es ein Leichtes für mich, zu beschreiben, wie das Sonnenlicht im Laufe eines Tages Straßen und Monumente erhellt, oder mich an Ort und Stelle zu begeben und von den vielen kleinen Details Notiz zu nehmen, die im Buch beschrieben werden - zusätzlich zu denen, die ich in Jahren der Fernseharbeit und Ortsbesichtigungen sowieso schon gesammelt habe.
Natürlich sind die Szenen, die sich während unseres Besuchs im Alten Rom vor Ihren Augen abspielen werden, nicht einfach erfunden, sondern Forschungsergebnissen, archäologischen Entdeckungen, historischen Quellentexten und Laboranalysen von Fundstücken oder Skeletten entnommen.
Die beste Methode, diese Fülle an Informationen zu ordnen, schien mir darin zu bestehen, einem normalen Tagesablauf zu folgen. Jeder Stunde des Tages korrespondieren ein Ort und ein Gesicht der Ewigen Stadt mit ihren jeweiligen Aktivitäten. Und so entfaltet sich Augenblick für Augenblick das tägliche Leben im Alten Rom.
Es bleibt noch eine letzte Frage: Warum überhaupt ein Buch über das antike Rom? Weil unsere heutige Welt sich aus der altrömischen herleitet. Wir wären nicht dieselben, hätte es das Römische Reich nicht gegeben. Bedenken Sie: Üblicherweise definiert man die römische Zivilisation über ihre Herrscher, ihre marschierenden Legionen und die hohen Säulengänge ihrer Tempel. Aber ihre wahre Kraft lag in etwas anderem. In etwas, das es ihr erlaubte, eine unvorstellbar lange Zeit zu überleben: das Weströmische Reich über tausend Jahre und das Oströmische, das seine eigene Fortentwicklung von Konstantinopel bis Byzanz durchmachte, sogar noch länger, über 2000 Jahre, fast bis zur Renaissance. Keine Legion, kein politisches oder ideologisches System könnte je eine solche Langlebigkeit garantieren. Das Geheimnis Roms war sein täglicher Modus Vivendi: seine Art, Häuser zu bauen, sich zu kleiden, zu essen, mit den anderen umzugehen, innerhalb und außerhalb der Familie, und das Ganze in einem festen Rahmen von Gesetzen und sozialen Regeln. Dieser Modus Vivendi ist im Wesentlichen über Jahrhunderte unverändert geblieben, hat sich höchstens graduell weiterentwickelt und es der römischen Zivilisation erlaubt, so lange zu überleben.
Können wir demnach überhaupt sicher sein, dass jene Epoche wirklich erloschen ist? Das Römische Reich hat uns nämlich nicht nur Statuen und außerordentliche Bauwerke hinterlassen. Es hat uns auch eine Software hinterlassen, die unser ganzes tägliches Leben bestimmt. Das Alphabet, das wir benutzen, auch im Internet, ist das römische. Die italienische Sprache entspringt dem Lateinischen, ebenso wie weite Teile des Spanischen, Portugiesischen, Französischen und Rumänischen (und sogar unzählige Wörter im Englischen, Deutschen usw.). Ganz zu schweigen von unserem Justizsystem, unseren Hauptverkehrsadern, der Architektur, der Malerei, der Bildhauerei, die ohne die Römer ganz anders aussähen.
Wenn man es genau betrachtet, ist ein Gutteil unserer westlichen Lebensart im Grunde nichts anderes als die moderne Weiterentwicklung der römischen. Also genau dessen, was sich tagtäglich auf den Straßen und in den Häusern des Alten Roms abspielte.
Ich habe versucht, das Buch zu schreiben, das ich in den Buchhandlungen immer vergeblich gesucht habe, um damit meine Neugierde auf das antike Rom zu befriedigen. Ich hoffe, auch die Ihrige befriedigen zu können.
Alles beginnt in einer Gasse im Rom des Jahres 115 n. Chr., während der Herrschaft Kaiser Trajans, zu einem Zeitpunkt, in dem Rom meines Erachtens den Höhepunkt seiner Macht und vielleicht auch seiner Schönheit erlebte. Es ist ein Tag wie jeder andere. Kurz vor Sonnenaufgang ...
Alberto Angela