Dies ist ein Philosophiebuch der etwas anderen Art. Hier geht es nicht um trockene Theorie, sondern um die Kunst, philosophisch zu leben. Philosophisch leben heißt: Selber-Denken und -Handeln kultivieren. Neugierig sein. Auf Un-Sinn verzichten. Unangemessene Ansprüche, Schwarz-Weiß-Denken, Konkurrenzdenken, Vorurteile, Selbstverliebtheit, Gleichgültigkeit, Unzufriedenheit, Neid, Ängste, die ständige Jagd nach »Höhepunkten« - all das ist Un-Sinn.
In diesem Buch finden Sie philosophische Rezepte für ein erfülltes, vom Un-Sinn befreites Leben. Das Wort »Rezept« geht auf lateinisch recipere = »(auf-)nehmen« zurück. Einst leiteten Ärzte ihre schriftlichen Anweisungen zu Medikamenten, die sie den Apothekern übergaben, mit »recipe!« (»nimm!«) ein. Heute steht »Rezept« nicht mehr nur für Arzneiverordnungen, sondern für Mittel aller Art, die helfen sollen, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Ein Erfolgsrezept soll zum Erfolg führen, ein Kochrezept zu einem Gaumenschmaus. Und ein philosophisches Rezept?
Als Heilmittel gegen Sorgen, Ängste und »schädliche« Leidenschaften wurde die Philosophie schon in der griechischen Antike eingesetzt. Erneuerer dieser Tradition sind heute Philosophen wie Wilhelm Schmid oder Gerd B. Achenbach. Mit der Institutionalisierung der ersten, inzwischen weltweit etablierten Philosophischen Praxis im Jahr 1981 bestimmte Achenbach den Wert der Philosophie neu. Die Philosophische Praxis (Philosophische Beratung) holt die Philosophie aus dem Elfenbeinturm der akademischen Wissenschaft. Sie macht die Philosophie für eine Gesellschaft, in der alle Lebensbereiche strengen Kriterien der Marktfähigkeit, Performance, Effizienz, Effektivität und Optimierbarkeit zu unterstehen scheinen, lebbar. Hierzu enthält dieses Buch zahlreiche Fallbeispiele.
Die Philosophische Beratung ist keine Psychotherapie - sie ist eine ressourcenorientierte, kreative Form des zwischenmenschlichen Austausches und der Selbstreflexion. Anders als ein Arzt oder Psychotherapeut - Spezialisten auf ihrem Gebiet - versteht sich der Philosophische Berater als »Generaldilettant« (Achenbach). Er will dem Ratsuchenden nicht mit feststehenden Theorien, sondern mit größtmöglicher Unvoreingenommenheit begegnen. Er betrachtet Probleme und Beschwerden nicht nur als etwas Negatives, das schnellstmöglich eliminiert werden muss. Die speziellen Probleme, die ein Mensch mit sich herumschleppt, helfen ihm immer auch, die Einmaligkeit und Einzigartigkeit dieses Menschen zu erkunden. Der Philosophische Berater kennt weder »Kranke« noch »Gesunde« - er sträubt sich gegen hierarchische Unterscheidungen wie gesund/krank, normal/unnormal, heilsam/heillos. In der Philosophischen Beratung gibt es keine Kranken oder Hilfsbedürftigen, nur Ratsuchende. Deshalb kann es hier auch keine »Indikationen« im medizinischen Sinn geben, allenfalls typische Themen: Sinnfragen, Identitätskrisen, Dauerstress, Alltagsfrustrationen, Kommunikationsprobleme, Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit, Umgang mit Veränderlichem und Unabänderlichem, chronische Unzufriedenheit, chronische Langeweile, Orientierungslosigkeit ... Die Philosophische Beratung kann und will keine Patentlösungen anbieten. Ihr Wert liegt vielmehr in inhaltlichen Anregungen. Sie will zum Weiterdenken einladen, zu neuen, bisher undenkbaren Einstellungen und Handlungsmöglichkeiten inspirieren, zu Mut und Engagement.
Wer diese Beratung in Anspruch nimmt, braucht keine philosophischen Vorkenntnisse. Voraussetzung ist vielmehr der Wunsch, die eigene Situation aus neuen, umfassenderen Sichtweisen als der üblichen begreifen zu wollen. Nicht
mehr wird vom Leser dieses Buches verlangt. Die Rezepte in diesem Buch sollen Ihnen Mittel zum Perspektivenwechsel, zum Umdenken und Um-die-Ecke-Denken sein. Alles Weitere liegt in Ihren Händen. Ein Patentrezept für ein erfülltes Leben gibt es nicht.
Dieses Buch empfiehlt Ihnen eine Sinn-Diät. Unter »Diät« oder »Diätetik« versteht Hippokrates, der berühmteste Arzt der Antike, eine maßvolle Lebensgestaltung, die weit über den Bereich gesunder Ernährung hinausgeht. Diäten brauchen wir, um möglichst lange möglichst schön und jung zu bleiben - aber wozu brauchen wir eine Sinn-Diät ? In seinen Bemerkungen »Zur Diätetik der Sinnerwartung« schreibt der Philosoph Odo Marquard: »... wenn irgendwo Erwartung und Erfüllung divergieren, sodass Enttäuschungen, Erfüllungsdefiziterlebnisse, Mangelerfahrungen entstehen, dann gibt es niemals nur eine, sondern dann gibt es stets zwei Möglichkeiten der Erklärung: entweder nämlich ist da zu wenig Erfüllung oder es ist da zu viel Erwartung; entweder das Angebot ist zu klein oder die Nachfrage ist zu groß.«
Was jetzt also!? Fangen Sie an zu lesen - und finden Sie es selbst heraus. Wenn Sie sich vom Leben benachteiligt fühlen, an Unzufriedenheit leiden oder nicht genau wissen, wer Sie sind und wohin Sie wollen, ist dies das richtige Buch für Sie. Es erwarten Sie eine Vielzahl spannender Erkenntnisse und wertvolle Orientierungshilfen für Ihren Alltag. Die Sinn-Diät gibt Ihnen Anregungen zu einer sinnvollen Lebensgestaltung - dazu, endlich die richtige Balance zwischen Ihren Ansprüchen ans Leben und dem Leben selbst zu finden.
Was Sie noch wissen sollten: Bei den Fallbeispielen in diesem Buch handelt es sich nicht um vollständige Philosophische Beratungen, sondern um Gesprächsausschnitte. Die Identität der jeweiligen Ratsuchenden (Klienten) wurde aus Gründen der Diskretion anonymisiert.
Ich kann immer wählen, aber ich muss mir bewusst sein, dass ich, wenn ich nicht wähle, trotzdem wähle.
Jean-Paul Sartre
Perfektionismus bei der Generation Option
»Werde, der du bist!«, fordert Friedrich Nietzsche. Sollten wir uns angesprochen fühlen? Wir, die wir uns mit tausend Dingen gleichzeitig beschäftigen müssen? Wir sind ja schon, was wir sind. Ziemlich perfekt. Fast ganz perfekt. »Werde noch perfekter, als du bist!« Ist es das, was Nietzsche meint?
Wir sind im besten Alter, weder zu jung noch zu alt. Wir stehen mitten im Leben. Wir wissen, welche Tasten wir drücken müssen, um gleichzeitig telefonieren, Musik hören und eine Grafik erstellen zu können. Wir klicken, tippen und scrollen, bis alles perfekt ist. Perfektion ist für uns kein Ideal - es ist ein Kampf. Wir sagen: »Ich muss nicht alles haben.« Schließlich gehören wir zu den Privilegierten - zur Generation Option: In unserer Position, mit unserem Status und unserem Einkommen können wir wählen, was wir zu wollen haben und was nicht. Denken wir. Und suchen immer nur das Optimale: den perfekten Körper, den perfekten Partner, das perfekte Frühförderungsprogramm, die perfekte Work-Life-Balance, das perfekte DSL-Paket. Perfekt heißt für uns keineswegs: absolut vollkommen. Wir sind schließlich realistisch (nur Idealisten streben nach absoluter Vollkommenheit). Unter perfekt verstehen wir: effizient, effektiv, produktiv, schnell zu kriegen, teuer anzusehen, günstig zu haben - und mit größtmöglichem Lustgewinn ausgestattet.