Wer sind wir?
Das Menschenbild
Wer sind wir? Welches Bild liegt uns zugrunde? Welche Substanz, welche Essenz und welches Wesen schlummert
in unserem Inneren? Aus welchem elementaren Stoff sind wir gemacht? Haben wir je innegehalten und wirklich über diese Fragen nachgedacht? Die Kabbalah definiert uns über ein einfaches Wort: den Wunsch!
Der Wunsch als Beweger
Wenn die Kabbalah das Wort »Wunsch« zur Definition des Menschen benutzt, handelt es sich dabei nicht um eine Metapher. Der Wunsch ist in der Tat unsere wesentliche Eigenschaft. Er ist der Stoff, aus dem wir gemacht sind. Er ist unsere Essenz. Der Wunsch ist es, der uns antreibt. Er hält uns in Schwung. Wir sind die wandelnde Verkörperung unserer Wünsche und streben nach nichts anderem als nach Erfüllung unserer Sehnsüchte. Nur weil da ein Wunsch ist, der gestillt werden will, schlägt unser Herz, pulsiert das Blut durch unsere Adern und bewegt sich unser Körper. Der Kabbalist Rav Ashlag schrieb einmal, dass der Mensch nicht einen Finger krümmen würde, wenn nicht ein innerer Wunsch ihn triebe.
Der Wunsch in vielfältigem Gewand
Unsere individuellen menschlichen Wünsche sind es, die uns tief in unserem Herzen eine eigene Identität verleihen.
Manche Menschen wünschen sich sexuelle, andere intellektuelle und wieder andere religiöse Erfüllung. Einige streben nach Ruhm, materiellem Glück oder Erleuchtung, andere sehnen sich nach Reisen und Abenteuern, und wieder andere suchen die Einsamkeit.
Nach der Kabbalah spielen sich die Wünsche des Menschen auf drei Ebenen ab:
- Ebene 1: Wünsche der Ebene 1 haben ihren Ursprung in der animalischen Lust. Bedürfnisse, Begierden und erlernte Verhaltensweisen existieren nur, um diesen primären Trieb zu befriedigen. Idealtypische Vertreter der Ebene 1 können zwar wie alle anderen Menschen auch ihre Ratio einsetzen, doch tun sie es ausschließlich, um ihre animalischen Wünsche zu bedienen. »Der Knecht ist niemals besser als sein Herr«, konstatiert der Kabbalist Rav Ashlag.
- Ebene 2: Wünsche dieser Ebene gehen eher in Richtung von Begehrlichkeiten, wie sie im Tierreich nicht vorkommen, so zum Beispiel Ehre, Macht, Prestige und Herrschaft über andere. Sie bestmöglich erfüllt zu bekommen, steht hinter den Bedürfnissen und mithin Gedanken, Alternativen, Entscheidungen oder Handlungen dieser Menschen.
- Ebene 3: Wünsche der Ebene 3 zielen hauptsächlich auf rationale Dinge ab. Hier geht es um die maximale Befriedigung intellektuell motivierten Verlangens.
»Diese drei Wunschebenen oder -arten«, führt Rav Ashlag aus, »lassen sich bei jedem von uns nachweisen, nur sind sie jeweils in verschiedenen Anteilen in uns angelegt, und genau das macht den Unterschied zwischen zwei Menschen aus.«
Ein Gefäß
In der Sprache der Kabbalah wird der Wunsch als Gefäß bezeichnet - ein leerer Becher, der gefüllt werden will. Doch anders als ein physischer Becher ist das Gefäß unserer Wünsche nicht auf etwas Materiellem begründet. Stellen wir uns beispielsweise einmal vor, wir hätten gerade ein frisch gegrilltes Steak gegessen und seien nun so satt, dass die Hemdknöpfe über unserem Bauch spannten. Wir können keinen einzigen Bissen mehr hinunterbekommen. Doch dann rollt auf einmal der Dessertwagen an unserem Tisch vorbei, und wir starren wie gebannt auf die dargebotene Auswahl verlockender Süßigkeiten. Obwohl unser Bedarf an Essen eigentlich absolut gedeckt ist, schafft der neu erwachte Wunsch in uns sofort ein klein wenig »Platz«.
Und ehe wir uns versehen, steht ein Teller mit einem Stück Schwarzwälder Kirschtorte vor uns, die wir genüsslich verzehren. Unserem Hungergefühl mögen Grenzen gesetzt sein, unsere Wünsche aber sind grenzenlos.
Alle Aktivitäten auf dieser Welt beruhen auf irgendeinem mal kleineren, mal größeren inneren Verlangen, das nach Erfüllung schreit. Es ist so, als hätten wir in der jeweiligen Situation keinen freien Willen, als sei unser Leben »auf Autopilot« gestellt, sodass wir von dem ständigen Bedürfnis getrieben werden, all die Sehnsüchte, die wir im Herzen tragen, erfüllt zu bekommen.
Das Ziel unserer Wünsche
Oberstes Ziel unserer Wünsche ist die immer währende Glückseligkeit, Streben nach unablässigem Glück das große einende Band der Menschheit. Ob Krimineller oder Rechtsanwalt, Bauarbeiter oder Generaldirektor, böser oder guter Mensch, Atheist oder Gläubiger, Großmogul oder Bettler - niemand muss erst dazu überredet werden, glücklich sein zu wollen. Es ist unsere ureigene Natur, mag sich auch jeder Einzelne etwas anderes unter Glück vorstellen.
Beim Wissenschaftler stehen im Idealfall Wahrheit und Erkenntnis ganz oben auf der Wunschliste, aber auch die Anerkennung durch seine Kollegenschaft. Politiker suchen Einfluss und Ansehen in der Öffentlichkeit. Kinder wollen in der Regel vor allem spielen und Spaß haben. Ein Clown sehnt sich nach Lachen, Liebe und Akzeptanz. Die Wunschvorstellungen eines Vorstandsvorsitzenden kreisen gewöhnlich um die Steigerung der Unternehmensgewinne und um Macht. Weniger Begüterte sind zufrieden, wenn von ihrem Gehalt genug für einen schönen Urlaub oder ein neues Auto übrig bleibt. All die Objekte unserer Begierde unterscheiden sich allerdings nur durch eine andere Verpackung. Gemeinsam ist ihnen, dass sie das sind, was uns antreibt und unser Leben gestaltet. Die Kabbalah fasst diese unterschiedlichen »Erfüllungspakete« in einem Wort zusammen:
LICHT!
Der Begriff »LICHT« ist bloß ein von den frühen Kabbalisten eingeführtes Schlüsselwort, eine Metapher, um das breite Spektrum an Wünschen, das sich die Menschheit zu erfüllen sucht, sprachlich zu transportieren.
Haben Sie schon einmal an einem heißen Sommertag bei einem kühlen Regenguss Sonnenstrahlen betrachtet? Wenn sie mit ihrer gebündelten Kraft auf einen Wassertropfen in der Luft treffen, bricht das Licht in die sieben Farben des Regenbogens auf. So wie ein Sonnenstrahl alle Farben des Spektrums enthält, deutet das Wort »LICHT« auf alle »Farben« der Freude, die wir Menschen in unserem Leben suchen.
Doch LICHT wird nicht nur als Momente des Glücks und der Freude definiert. Kabbalistisch gesehen, bedeutet LICHT nimmer endende Glückseligkeit, immer währende Freude. Es ist wie beim Unterschied zwischen Vergnügen und Erfüllung: Das momentane Hoch ist nicht das, was wir eigentlich suchen. Unsere tiefsten Wünsche beschränken sich nicht auf 15 Minuten Ruhm, eine vorübergehende Euphorie nach Abschluss eines guten Geschäfts, ein kurzfristiges High durch Drogen oder die momentane Schmerzstillung durch die Einnahme von Tabletten. Wir wollen nicht nur eine bestimmte Zeit lang von den uns Nahestehenden geliebt werden und auch nicht lediglich die Hälfte unseres Lebens ganz gesund sein. Eine leidenschaftliche sexuelle Beziehung mit unserem Partner möchten wir auch nicht nur in den ersten beiden Monaten nach dem Kennenlernen haben. Vielmehr wollen wir unsere Wünsche immerzu gestillt wissen. Diese fortwährende Erfüllung wird als LICHT definiert.
Dem ist auch jene Kraft zu Eigen, die wir »Intuition« nennen; das Band, das eine Beziehung zusammenhält und stark macht; der Zauber, der die richtigen Menschen und die passenden Gelegenheiten in unserem Leben anzieht; die Energie, die eine Schnittwunde am Arm heilen lässt; die Kraft, die unser Immunsystem aktiviert; der Geist in unserem Inneren, der die Hoffnung in uns erweckt; der Treibstoff für unsere Selbstmotivation; das anhaltende Glück und der beständige Begeisterungsfluss für alles Lebendige. All das und noch viel, viel mehr ist es, was die kabbalistische Definition von LICHT ausmacht.
Die Wurzel des Unglücks
Die Tatsache, dass unsere Wünsche nicht ständig den Zustrom von LICHT erfahren, ist die Wurzel allen Unglücks und unserer Angst. Wenn in einem Bereich unseres Lebens über fünf Jahre hinweg eitel Freude herrschte, bedeutet das nichts anderes, als dass genug LICHT im »Tank« war, um über diesen Zeitraum hinweg die Versorgung zu gewährleisten. Weil uns dann aber das LICHT ausgegangen ist - oder, anders formuliert, weil wir uns vom LICHT getrennt haben -, sind wir unglücklich geworden. Je mehr LICHT wir in unserem Leben haben, desto länger bleiben unsere Wünsche erfüllt, und desto glücklicher sind wir.
Tief in unserem Inneren sitzt zudem die Angst, dass unser Glück einmal enden könnte. In den seltenen Momenten der Zufriedenheit und Gelassenheit beschleicht uns gleich das ungute Gefühl, dass dies wahrscheinlich allzu gut ist, um wahr zu sein. Mit Sorge schauen wir auf den morgigen Tag. Und sobald solche Gedanken in uns erwachen, in dem Augenblick also, wo wir uns fragen, wie lange der Zustand wohl anhalten möge, beginnt unser LICHT schon knapp zu werden. Die Verbindung ist gekappt. Deshalb wird LICHT auch als das angenehme, sichere, wohltuende Gefühl definiert, welches wir aus der Gewissheit und Zuversicht beziehen, dass das Glück uns auch morgen noch hold sein wird. Solange wir mit dem LICHT verbunden sind, gibt es weder Furcht oder Beängstigung noch Ungewissheit über die Zukunft.
Der ultimative Wunsch
Im Lichte des Vorangegangenen (das Wortspiel hier ist durchaus mit Bedacht gewählt!) lehren uns die Kabbalisten, dass der ultimative Wunsch eines Menschen der Wunsch nach LICHT sei. Ferner sagen sie uns, dass es dieses LICHT überall auf der Welt gibt. Es ist das größte Allgemeingut in unserem Universum. Es erfüllt den Kosmos und durchdringt unsere Welt. Es ist unermesslich, grenzenlos und immerzu bereit, mehr Fülle zu schenken, als wir uns vorstellen können. Das führt uns zwangsläufig zu der Frage:
Wenn der Mensch die Essenz des
Wunsches verkörpert und das Universum
mit LICHT durchflutet ist,
was steht dann unserer immer währenden
Glückseligkeit im Wege?