Das Vorwort eines Buches ist wie ein Fenster, durch das der Leser Einblick in das Innenleben des Autors nimmt. Es bietet die Möglichkeit, Antworten auf zwei Fragen zu geben: Warum hat der Autor ausgerechnet dieses Buch geschrieben? Und was hat der Leser davon, wenn er es liest?
Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich zeit meines Lebens auf der Suche nach dem Geheimnis eines erfüllten und sinnvollen Lebens gewesen bin. Schon als kleiner Junge interessierte ich mich dafür, was genau einen Menschen im Leben glücklich macht und ihn dann, wenn es soweit ist, zufrieden sterben lässt. Die Lieder, die mir gefielen, die Filme, dich ich mir ansah und die Bücher, die ich las, handelten immer von der Suche nach dem, worauf es wirklich ankommt. Mein innigster Wunsch war, in dieser Frage Klarheit zu finden, bevor ich einmal sterben müsste. Als ich acht Jahre alt war, starb mein Vater im Alter von nur 36 Jahren, und damit gewann meine Suche noch zusätzlich an Dringlichkeit. Das Leben kann sehr kurz sein, und wir wissen nie, wie viel Zeit uns noch bleibt, um den Geheimnissen des Glücks auf die Spur zu kommen.
Ich hatte schon in sehr jungen Jahren Gelegenheit, sterbenden Menschen zu begegnen, und ich merkte, dass es sehr unterschiedliche Weisen gibt, aus dem Leben zu scheiden. Manch einer begrüßt den Tod mit einem Gefühl tiefer Zufriedenheit und bereut so gut wie nichts. Andere sind verbittert oder schauen resigniert zurück und sind traurig, weil ihr Leben nicht ganz anders verlaufen ist. Bereits mit etwa zwanzig Jahren machte ich mich daran herauszufinden, welches die Hintergründe für diese so unterschiedlichen inneren Einstellungen sind.
Es ist jetzt schon viele Jahre her, dass mir eine Frau mittleren Alters namens Margaret sagte, sie habe ihr ganzes Leben aus der Perspektive »einer betagten Frau heraus gestaltet, die im Schaukelstuhl auf der Veranda sitzt«. Wann immer sie eine Entscheidung zu treffen hatte, so erzählte sie mir, hatte sie sich vorgestellt, wie es wäre, wenn sie dereinst in hohem Alter so dasitzen und auf ihr Leben zurückschauen würde. Diese alte Frau hatte sie in solchen Momenten um Rat gebeten und sie gefragt, welchen Weg sie denn einschlagen solle. Was für ein wunderschöner Gedanke!
In mir reifte eine Hypothese heran: Könnte es sein, dass wir gegen Ende unseres Lebens Dinge wissen, die uns sehr nützlich gewesen wären, hätten wir sie nur früher gewusst? Könnten wir wichtige Erkenntnisse im Hinblick auf ein sinnvolles, glückliches Leben gewinnen, wenn wir mit Menschen sprechen würden, die ihr Leben bereits weitgehend gelebt haben und denen es gelungen ist, Glück und Erfüllung zu finden?
Wenn ich vorhabe zu verreisen, wähle ich meine Unterkünfte mit Hilfe einer Internetseite aus. Sie erschließt mir die Erfahrungen von Hunderten anderer Reisender, die meinen Zielort kennen und schon einmal dort gewesen sind. Aus den unverblümten Kommentaren erfahre ich, wie es wirklich um ein Hotel bestellt ist. Mit dieser simplen Methode habe ich im Laufe der Jahre so manches Kleinod entdeckt und mir so manchen Reinfall erspart. Dies inspirierte mich zu der Idee, dass es doch möglich sein müsste, auf eine solche Weise auch das »Erfolgsrezept« eines guten Lebens und Sterbens zu ergründen.
Um die Geheimnisse eines guten Lebens zu ergründen, so mein Gedanke, bräuchte ich nur in Kontakt mit Menschen zu kommen, die in ihrem Dasein Erfüllung gefunden haben, und mir ihre Geschichten anzuhören. Und so bin ich im Verlauf des letzten Jahres darangegangen, mehrere hundert Personen aufzuspüren, die auf ein langes Leben zurückblicken, in dem sie Glück und Weisheit gefunden haben. Meine Absicht war dabei, in Interviews der Frage nachzugehen, was genau das Leben sie gelehrt hatte.
Ich ging davon aus, dass so gut wie jeder von uns zumindest einen Menschen kennt, der über eine gewisse Form von offensichtlicher Weisheit verfügt, von der andere profitieren können. Bei meiner Recherche wandte ich mich darum zunächst an 15000 Personen aus den verschiedensten Gegenden der USA und Kanadas mit der Bitte um entsprechende Empfehlungen. Ich fragte sie: Wer sind die »weisen Alten« in Ihrem Leben? Wen kennen Sie, der oder die auf ein langes Leben zurückblickt und uns etwas Wichtiges über das Dasein lehren kann. Die Rückmeldungen waren überwältigend. Fast tausend Vorschläge gingen bei uns ein. Im Rahmen von Vorinterviews filterten wir 235 Namen heraus - eine heterogene Gruppe von Menschen, die von anderen als weise bezeichnet worden waren. Würden wir uns ihre Lebensgeschichten anhören, so meine Hoffnung, müssten wir den Geheimnissen des Lebens auf die Spur kommen - jenen Geheimnissen, die wir entdecken sollten, bevor wir sterben.
Unsere Interviewpartner waren zwischen 59 und 105 Jahre alt. Sie stammten fast alle aus Nordamerika, es ergab sich jedoch insgesamt ein vielschichtiges Bild aufgrund von Unterschieden bezüglich der ethnischen, kulturellen und geographischen Herkunft, der Religionszugehörigkeit und des ausgeübten Berufs. Wenngleich viele der von uns Befragten in ihrem Leben ausgesprochen erfolgreich waren, ging es uns nicht darum, berühmte Persönlichkeiten auszuwählen; unsere Zielgruppe stellten vielmehr außergewöhnliche Menschen mit den verschiedensten Werdegängen dar. Ob Friseur oder Lehrerin, Geschäftsinhaber, Autor oder Hausfrau, ob Priester oder Dichter, ob Holocaust-Überlebende oder Stammeshäuptling, ob Moslem, Hindu, Buddhist, Christ, Jude oder Atheist - wir wollten Antwort auf die Frage haben: Was müssen wir über das Leben erfahren, bevor wir sterben? Was können uns jene, die schon länger auf der Erde sind als wir selbst, über das Leben lehren?
Mit jedem einzelnen dieser Menschen führten wir jeweils ein ein- bis dreistündiges Interview durch. Wir übernahmen diese Aufgabe zu dritt: Olivia McIvor, Leslie Knight und ich. Wir stellten eine Reihe von Fragen, die im letzten Kapitel dieses Buches nachzulesen sind. Unter anderem wollten wir wissen: Was hat Ihnen die meiste Freude bereitet? Was bereuen Sie? Was war wichtig und was hat sich irgendwann als unwichtig erwiesen? Welches waren die wichtigsten Weggabelungen, die sich im Nachhinein als lebensentscheidend herausgestellt haben? Gibt es etwas, von dem Sie bedauern, es nicht früher herausgefunden zu haben?
Dieses Buch besteht aus vier Hauptteilen. Im ersten Teil geht es darum, die von uns eingesetzte Methodik zu erläutern und darzulegen, wie wir unsere Interviewpartner erst ausgewählt und dann befragt haben.