Es fällt mir sehr schwer, mir eine endgültige Meinung zu "Der Vorleser" zu bilden. An manchen Stellen habe ich mich gefragt, ob es sich überhaupt lohnt weiterzulesen, wohin das alles führen soll, ob es nicht vielleicht noch abwegiger geht. (Und irgendwie ging es. Immer und immer wieder.) Das Buch ist in insgesamt drei Teile gegliedert. Der erste Teil war mir auf eine seltsame Art und Weise zu zuckerig, zu überzeichnet, zu gewollt. Der zweite Teil hat mir besser gefallen, auch wenn für mich alles zu sehr an den Haaren herbeigezogen wirkte. Ein 15-Jähriger und eine Frau Ende der 30er haben eine Affäre. Schön und gut. Tabu-Thema. Interessant. Genug Stoff für 200 Seiten. Mag man meinen. Schlink baut um diese sonderbare Liebesbeziehung aber ein Konstrukt aus Grausamkeiten, menschlichen Abgründen und Verfehlungen, das irgendwann auf die Nerven fällt. Ich als Leser habe mich an manchen Stellen gefragt, ob es nicht endlich reicht oder was, zum Teufel, das jetzt soll. Allgemein hatte ich aber meine Schwierigkeiten, mich in das Buch hineinzufinden und habe beim Lesen an vielen Stellen eher eine sanfte, gelangweilte Gleichgültigkeit empfunden, musste mich schier dazu zwingen, mich auf die Worte vor meiner Nase zu konzentrieren. Schlinks Erzählstil ist kein wirklich überzeugender. Allgemein scheint er mir als Autor zu involviert in die Geschichte zu sein, sie ist einfach zu sehr zu einer Nacherzählung geworden. Ich mag Geschichten lieber, in denen eine dichte Handlung vorhanden ist, die aber nach vorne preschen, die mitreißen und einen in einen nicht enden wollenden Sog ziehen - "Der Vorleser" hatte eher eine gegenteilige Wirkung. Der dritte und letzte Teil hat mir irgendwie am besten gefallen - vermutlich, weil die Handlung leiser wurde, nicht ständig neue Abgründe auf den Leser warteten, dafür hat mich aber auch im dritten Teil dieser dokumentarische Erzählstil genervt. Und es ist zu typisch, dass es zum Schluss noch zu einer letzten Begegnung zwischen Hanna und Michael, den beiden Hauptprotagonisten, kommt. Und dass sie tut, was sie tut. Auch die letzten Seiten sind irgendwie zu sehr darauf angelegt, auf die Tränendrüse zu drücken. Zu entschuldigen. Zu relativieren. Hanna war Aufseherin in einem KZ, aber weil wir sie im ersten Teil kennen lernten, ohne das Wissen, was sie getan hat, für was sie mitverantwortlich ist, geht Schlink davon aus, wir müssten Hanna genauso mögen, wie sein Hauptprotagonist Michael und ebenfalls über das hinwegsehen können, was Hanna getan hat, weil ihr Leben einfach verkorkst war. Mir persönlich fällt es schwer, Hanna zu mögen. Mir fällt es überhaupt schwer, dieses Buch zu mögen. Ich glaube, ich muss mich der Meinung meines Deutschlehrers anschließen: "Der Vorleser" geht nach einer Weile gehörig auf die Nerven. Aber man muss es gelesen haben.
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