Das vorliegende Buch bietet eine umfassende Darstellung der Grundlagen des Mahayana-Buddhismus, wie sie in der tibetischen Tradition gelehrt werden, und wurde aus einer Reihe von Vorträgen zusammengestellt, die Seine Heiligkeit, der Dalai Lama, 2004 in Toronto gehalten hat. Das Buch teilt sich in zwei große Abschnitte. Teil I beschreibt den Pfad zur Erleuchtung anhand dreier zentraler Kapitel aus dem Mulamadhyamakakarika (Grundlegende Verse zum Mittleren Weg), einem Text, der im 2. Jahrhundert von dem indischen Meister Nagarjuna verfasst wurde. Teil II erklärt, wie die Schlüsselelemente des buddhistischen Pfades, nachdem man ein korrektes Verständnis derselben erworben hat, in die Praxis umgesetzt werden können. Teil II stützt sich aufJe Tsongkhapas (1357-1419) Text Drei Grundlegende Aspekte des Pfades. Der in Versform gehaltene brillante Text wurde ursprünglich als briefliche Unterweisung an einen sich in der Ferne aufhaltenden Schüler Tsongkhapas verfasst. Es liegen zwar fast eineinhalb Jahrtausende zwischen diesen beiden wichtigen Texten, dennoch ergänzen sie sich wunderbar. Dass sie auch dem spirituell Suchenden von heute noch so viel zu sagen haben, beweist die zeitlose Gültigkeit der Erkenntnisse, die in ihnen niedergelegt ist.
Wie schon bei anderen zahlreichen Gelegenheiten zuvor hatte ich in Toronto die Ehre, dem Dalai Lama als Übersetzer zu dienen. Schon vom ersten Tag an hatte ich das Gefühl, dass an dieser Vortragsreihe etwas Besonderes war. Anders als sonst üblich ging der Dalai Lama bei seinen Erläuterungen zu diesen Texten äußerst systematisch vor. Zum einen geschah dies, um zu verdeutlichen, dass der tibetische Buddhismus als direkte Fortsetzung der Lehrtradition der Nalanda-Universität gelten kann, eine Tatsache, auf die der Dalai Lama vielfach hingewiesen hat. Vor dem Aussterben des Buddhismus in Indien war dies die bedeutendste buddhistische Universität des Landes. Ihre Blütezeit fällt in einen Zeitraum von kurz nach der Zeitenwende bis zum Ende des 12. Jahrhunderts.
Der Dalai Lama leitete seinen Vortrag mit einem von ihm selbst verfassten Text ein, in dem er den Hauptlehrern von Nalanda, deren Lehren das Fundament des tibetischen Buddhismus bilden, seine Ehrerbietung bezeugt. Dort sagt er (Die vollständige Fassung des Textes findet sich in Anhang 2):
Heute, wo Wissenschaft und Technik einen sehr hohen Stand erreicht haben, kümmern wir uns fast ausschließlich um weltliche Belange. Gerade in solchen Zeiten ist es wichtig, dass wir, die wir dem Buddha folgen, ein auf echtes Verständnis gegründetes Vertrauen in seine Lehren gewinnen. Daher sollten wir uns mit objektivem Geist und einer gesunden Portion Skepsis der Analyse unserer Überzeugungen widmen und diese auf ihre Grundlagen hin untersuchen.
Ein entscheidender Ratschlag, den uns die Nalanda-Tradition - wie der Dalai Lama sie nennt - erteilt, lautet, dass wir uns dem Buddhadharma nicht einfach nur aufgrund von Glauben und Vertrauen zuwenden, sondern diese Entscheidung mit einer kritischen Prüfung verbinden sollten. Die Wichtigkeit einer solchen Herangehensweise, auch als "Weg eines mit Klugheit begabten Menschen" bezeichnet, wird von vielen Nalanda-Meistern nachdrücklich unterstrichen. Das Vertrauen in den Buddha und den Dharma - seine Lehre -, das auf diese Weise gewonnen wird, ist tief und unerschütterlich. Wie aber können wir diese Art von Vertrauen entwickeln? Der Dalai Lama schreibt hierzu:
Durch das Verständnis der zwei Wahrheiten und der Natur der Grundlage werde ich zweifelsfrei feststellen, wie wir im Gefolge der vier Wahrheiten in Samsara eintreten und diese Welt wieder verlassen.
Dadurch wird mein Glaube an die Drei Juwelen unerschütterlich, Glaube, der aus Weisheit entsteht. Möge ich gesegnet werden, sodass sich der Pfad zur Befreiung fest in mir verankert.
Diese Strophe aus dem Lobpreis der Siebzehn Nalanda-Meister gibt in gewisser Weise die Gliederung für Teil I dieses Buches vor, in dem die Schlüsselelemente des buddhistischen Pfades anhand eines Kommentars zu Nagarjunas Mulamad-hyamakakarika erläutert werden. Am Anfang steht ein Kommentar zu den zwölf Gliedern des abhängigen Entstehens (die in Kapitel 26 von Nagarjunas Text behandelt werden). Nagarjuna beschreibt hier ausführlich, wie das Ursache-Wirkungs-Gefüge, das uns im Kreislauf der Existenzen festhält, aus buddhistischer Sicht aussieht. Die Wurzel der zwölf
Glieder ist die grundlegende Unwissenheit, die sich an die Vorstellung der inhärenten Natur von Ich und Erscheinungswelt klammert.
Daran schließt sich ein Kommentar zu Kapitel 18 an, der Nagarjunas Sicht der Lehre Buddhas zum Nicht-Selbst (anatman) erklärt sowie zur Selbst-Losigkeit des Ich und der fünf Skandhas, den psychischen und physischen Komponenten der Persönlichkeit. Dieses Kapitel handelt von der Leerheit, die Nagarjuna zufolge die letztendliche Seinsweise aller Wesen darstellt. Diese Leerheit ist, um Nagarjunas Worte zu gebrauchen, tathata ("Soheit"), paramartha ("letzendliche Wahrheit") und dharmata ("die Natur der Wirklichkeit").
In seinem Kommentar zu Kapitel 24 von Nagarjunas Text erläutert der Dalai Lama schließlich, dass Leerheit nicht gleichbedeutend ist mit Nihilismus. Vielmehr ist damit eine Sichtweise der Wirklichkeit gemeint, die uns erlaubt, die relative beziehungsweise konventionelle Wirklichkeit zu erklären. Nur diese Erklärung der Leerheit lässt das Wirken von Ursache und Wirkung als logisch haltbar erscheinen. Der Dalai Lama erläutert ausführlich, wie in Nagarjunas Darstellung Leerheit - die letztendliche Wahrheit - und abhängiges Entstehen - die relative Wahrheit -untrennbar verwoben sind.
Die klaren Erläuterungen und die scharfe Analyse Seiner Heiligkeit, verbunden mit den Erkenntnissen maßgeblicher Kommentatoren wie Aryadeva (circa 2. Jahrhundert), Chandrakirti (7. Jahrhundert) und Tsong-khapa (frühes 15. Jahrhundert), lassen in den Versen Na-garjunas die tiefe Einsicht in die Natur der Wirklichkeit aufscheinen. Dennoch verliert der Dalai Lama nie die Tatsache aus den Augen, dass letztendlich die Belehrungen zur Leerheit einen Zweck haben: Wir sollen sie mit unserer persönlichen Erfahrung in Verbindung bringen und daraus ein tiefer gehendes Verständnis der Welt, die uns umgibt, gewinnen. Oder - wie Nagarjuna es ausdrückt - der Zweck der Belehrungen zur Leerheit ist es, das Festhalten an der inhärenten Existenz von Selbst und Erscheinungswelt zu lockern, damit wir wahre Freiheit erlangen.
In Teil II des Buches werden Methoden beschrieben, wie wir unser Wissen über den Pfad praktisch verwirklichen können. Seine Heiligkeit gibt zu diesem Zweck tiefgründige Erklärungen zu Tsongkhapas berühmtem Text Drei Grundlegende Aspekte des Pfades. Bei diesen drei Aspekten handelt es sich um wahre Abkehr, das Erwecken des Erleuchtungsgeistes sowie die korrekte Sicht der Leerheit.