Dass die uns innewohnende Lebensenergie einen entscheidenden Einfluss für Wohl und Wehe eines Menschen ausüben kann, war mir schon seit langem bewusst, aber die ganze Tragweite und Komplexität dieses Phänomens wurde mir erst klar, als einer meiner besten Freunde eines Tages vor meiner Tür stand und um eine dringende Unterredung bat. Er, der früher den Erfolg gepachtet zu haben schien, als Sportskanone Furore gemacht hatte und immer vital und unternehmungslustig wirkte, war abgemagert, um Jahre gealtert, krank, nur noch ein Schatten seiner selbst.
Was war passiert? Aufgrund verschiedener Ereignisse war er aus der Harmonie gefallen und hatte dabei alles verloren, was für ein erfüllendes Leben notwendig ist: seine eigene Identität, seine Gesundheit, die Liebe seiner Mitmenschen, seine Aufgabe, zu der er berufen war, seine Lebenszeit und seinen klaren Geist, der ihm Auswege aus dem Dilemma hätte zeigen können.
Da ich seine Vorgeschichte kannte, wurde mir relativ schnell klar, welche Umstände für den negativen Umschwung ausschlaggebend waren. Aber es wurde auch evident, dass schon vor diesen Ereignissen einiges im Argen lag, dass er bereits vorher energetisch geschwächt gewesen war, was schließlich zu einer Anziehung von ungünstigen Lebensumständen führen musste. Die folgenden Ereignisse waren also nur eine Verstärkung der vorherigen negativen Faktoren. Ich begann zu ahnen, was sich in seiner Psyche abgespielt haben muss, aber ich konnte bei alldem noch nicht das dahinterliegende System erkennen.
Erst als ich mein Augenmerk verstärkt darauf richtete, zeichneten sich über die Lebensgeschichten von verschiedenen Klienten und Seminarteilnehmern allmählich Konturen ab, und es fügte sich ein Mosaikstein zum anderen. Schließlich wurde deutlich, dass es sich hier um ein Energieflusssystem handelt. Daraus entwickelte sich fast zwangsläufig ein neuer Beruf: der Energieflusscoach. Seine Aufgabe ist es, den Klienten dabei zu unterstützen, sein Energieniveau auf ein Level zu heben, das ihn nicht mehr zu Krankheit, Misserfolg und Leid disponiert.
Dieses Buch soll den Leser dazu befähigen, sein eigener Energieflusscoach zu werden; d.h., die Energien so zu lenken und zu leiten, dass das, was das Leben ausmacht, gelingen kann: die eigene Identität zu verwirklichen, Liebe zu finden, Gesundheit zu erhalten, die Zeit konstruktiv zu nutzen, seine Berufung wahrzunehmen und das eigene Leben durch den Geist zu bereichern.
München, im Januar 2009
Hermann Meyer
Denkvoraussetzungen
Wir leben in einer Kollektivneurose
In der Kollektivneurose sind die Anlagen und Energien der Menschen überwiegend darauf ausgerichtet, den Rollenerwartungen und Idealen der jeweiligen Kultur zu entsprechen. Viele dieser Ideale sind mittlerweile überholt und für die heutige Zeit nicht mehr relevant.
Einige dieser Ideale aber haben alle Zeitepochen überdauert. Und zwar diejenigen, die auf den Prinzipien des Lebens aufbauen und daher zu den großen Zielen der Menschheit gehören, z.B. Geborgenheit, Liebe, Zärtlichkeit, seelische Wärme, sexuelle Erfüllung, Selbstverwirklichung, materielle Sicherheit, Gesundheit, glückliche Partnerschaft und Freiheit.
Diese wie auch alle anderen Lebensprinzipien existieren in der Kollektivneurose als Normen. Durch sie wird der Einzelne in der Entwicklung seiner Anlagen gehemmt. Er wird entsprechend den Idealen seines Kulturkreises erzogen. So lernt er, wie ein Mann oder eine Frau zu sein hat, welche körperlichen Triebe erlaubt sind, wie materielle Sicherheit aussieht, wer und was wertvoll ist, wie und was man wann zu empfinden hat, wie Geborgenheit definiert wird, zu welchen Zeiten Sexualität stattfinden darf und wie sie verlaufen soll, was man zu denken, welchen Geschmack man auszubilden hat, welche Meinung man haben darf, was Bildung ist, was anerkannt ist, wie man seine Freizeit verbringen soll und was irreal und was utopisch ist.
Wegen dieser Normen und Ideale können sich die Anlagen eines Menschen jedoch nicht auf ungezwungene Weise entwickeln, sie werden in ihrem natürlichen Wachstum und in ihrer individuellen Differenzierung gehemmt. Insofern ist ein erfülltes Leben in der Gegenwart sowie ein konstruktiver Aufbau der eigenen Zukunft nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen möglich.
Wie sehr der Einzelne meist in der Vergangenheit verhaftet bleibt, wird im Folgenden anhand des Gehemmten und des Kompensators dargestellt. Im Anschluss daran geht es dann um den »Erwachsenen«, der quasi deren erlöste Form symbolisiert.
Kindrolle, Elternrolle und Erwachsener
Das Schicksal jedes Menschen wird durch seine Prägung in der Kindheit bestimmt. Unbewusst will er die Familienkonstellation und die damit verbundenen Ängste, Spannungen, Konflikte und Freuden immer wieder erleben. Der Einzelne spielt also auf der Bühne des Lebens die Umstände zur Zeit seiner Kindheit symbolisch nach; d.h., es wird dasselbe Theaterstück auf verschiedenen Symbolebenen mit jeweils ähnlichen Schauspielern und Kulissen aufgeführt, bis er die zugrunde liegende Gesetzmäßigkeit durchschaut hat. Das geht so weit, dass sogar die Wahl der Partner, der Wohnungen und der Arbeitsplätze darauf zurückzuführen ist.
Die meisten Menschen kennen, obwohl sie die Hauptdarsteller in ihrem Theaterstück sind, das Drehbuch nicht. Sie stecken so sehr in ihrer Rolle, dass sie den Gesamtzusammenhang nicht erfassen können. Um eine Orientierung zu bekommen, ist es also zunächst wichtig, zu erkennen, ob man auch heute weiter die Kindrolle einnimmt, ob man in die Rolle der Eltern bzw. in die Rolle von Vater oder Mutter gestiegen ist oder ob es einem schon gelungen ist, sich aus dem Zwang, das frühkindliche Theaterstück immer wieder neu zu inszenieren, zu befreien und so als »Erwachsener« in der Gegenwart zu leben.
Der Kindrollenspieler (der Gehemmte)
Die Stellungnahme eines Seminarteilnehmers über das Phänomen der Hemmung spricht Bände. Er sagte: »Nie hätte ich gedacht, dass ausgerechnet die Maßstäbe, Ideale und Normen der Gesellschaft, besonders Anstand und Anpassung, mich so sehr am Leben gehindert haben. Man sollte meinen, dass man dafür belohnt wird, wenn man brav, anständig und bescheiden ist, wenn man sich zurücknimmt, sich nicht vordrängt und nicht egoistisch ist.«
Es liegt eine gewisse Tragik darin, dass gerade das Streben nach Normalität und Anerkennung den Individuationsprozess so sehr behindert, ja, mehr noch, dass dies den Menschen in ein Karma-Karussell katapultiert, dem zu entrinnen nur schwer möglich ist. Doch wer es sich zum Ziel gesetzt hat, »normal«, also wie alle anderen zu sein, wer danach strebt, den Normen und Idealen der Gesellschaft zu entsprechen, der verleugnet seine Individualität und kann sich nicht so entwickeln, wie es seine Anlagen verlangen. Ein solcher Mensch beschneidet sich selbst, indem er die Normen und Ideale der Gesellschaft über die Gesetze des Lebens stellt.