"DAVOR GAB ES HIER ZWEI ALTE FRIEDHÖFE: der eine klein, rechteckig und gepflegt, der andere gross, halbkreisförmig und verwahrlost, beide brechend voll und trotzdem verlassen. Sie bedeckten eine ziemlich grosse Fläche, teilten dieselbe verfallene Mauer und waren von einem efeubewachsenen Zaun und steilen, schattigen Hängen umgeben. Der grosse gehörte den Muslimen, der kleine den orthodoxen Armeniern. Damit niemand hinüberkletterte, hatte man auf der etwa eineinhalb Meter hohen Mauer zwischen den Friedhöfen verrostete Nägel, Glasscherben und sogar Spiegelstücke gesteckt, ohne sich um den Aberglauben zu kümmern. Die riesigen zweiflügeligen Eisentore zu den beiden Grabfeldern befanden sich am jeweils entgegengesetzten Ende, eines schaute nach Norden, eines nach Süden.Wenn nun einem Besucher eingefallen wäre, den anderen Friedhof zu besuchen, hätte er den"seinen"verlassen, die Mauer entlanggehen und, je nachdem von welchem Friedhof er kam, hinunter oder hinauf steigen müssen, um schliesslich das gegenüberliegende Tor zu erreichen. Doch diese Strapazen musste niemand auf sich nehmen, da kein Besucher mit Angehörigen auf einem Friedhof jemals auf die Idee kam, den anderen Friedhof zu besuchen.Trotzdem gab es Wesen, die Tag und Nacht hinüberwechselten. Der Wind, Diebe, Eidechsen und Katzen kannten alle möglichen Wege, um das Hindernis obenherum, untenherum oder mittendurch zu überwinden. Das blieb nicht lange so.Wegen des ständigen Zuzugs vom Land füllten sich alle Lücken in der Stadt mit Häusern, die von weitem aussahen wie eine Armee Betonsoldaten. Die beiden Friedhöfe wirkten bald wie zwei umbrandete einsame Inseln. Fortwährend wurden neue Wohnhäuser gebaut und ganze Häuserblocks hochgezogen, zwischen denen winzige, verwinkelte Gassen entstanden, die von oben wie Gehirnwindung en aussahen - die Häuser blockierten Strassen, und die Strassen wanden sich zwischen den Häusern hindurch. So wuchs die Stadt und schwoll an wie ein Fisch, der nicht merkt, dass er schon lange satt ist.Kurz bevor der Fisch platzte,musste der geblähte Bauch mit einem scharfen Messer aufgeritzt werden, damit er und die Menschen drinnen wieder atmen konnten. Dieser Schnitt bedeutete, dass bald eine neue Strasse nötig war. Durch das wilde Wachstum wurden die Strassen und Gassen bald zu eng, und der Verkehr staute sich wie Abwasser, das an den Ecken und Rändern nicht mehr abfliessen kann. Nun musste rasch eine grosse Strasse her, die wie ein Kanal alle Wege miteinander verband und den Verkehr wiederzum Fliessen brachte. Als sich die Verantwortlichen jedoch an die Planung der Strasse machten und die Gegend aus der Vogelperspektive betrachteten, erkannten sie schnell, dass sie in einer Zwickmühle steckten. Überall dort, wo die Hauptstrasse hätte entlangführen können, standen, als hätte sie jemand mit Absicht dorthin gestellt, ein Regierungsgebäude, eine Prominentenvilla oder aber die dicht an dicht gedrängten Häuser einkommensschwacher Familien, die zwar jedes für sich genommen leicht zu beseitigen gewesen wären, insgesamt aber einen aufwändigen Massenabriss erforderlich gemacht hätten. Um die Strasse zu bauen, musste ihr also erst einmal ein Weg gebahnt werden.