Die Frauen drängten sich an die Stäbe, krallten sich fest und sahen ihm zu, verfolgten jede Bewegung. Ab und zu stöhnte eine Frau und im Hintergrund weinten die Kinder leise.
„Hier! Kannst sie anfassen – für einen Eimer frisches Wasser darfste die sogar küssen“, rief die Rothaarige dem stiernackigen Soldaten zu.
Als sie ihre Brüste frei machte, das Kleid über die schmalen Schultern nach unten zog, blickte sich der Soldat sichernd um und kam langsam näher. Die Frau lachte heiser; sie drückte die Brüste durch die Gitter und preßte ihren Unterkörper gegen die Eisenstangen. „Pribiwaj! Pribiwaj! – Komm! Komm! Faß an!“, gurrte sie.
Dicht vor den Stäben blieb der Soldat stehen, sog die Luft ein und krauste die Nase. Er betrachtete das Gesicht der Frau, dann ihre großen, weißen Brüste.
Er lächelte. Die Frauen standen starr. „Woda!“, flüsterte die Frau hinter ihr. Auch Aja spürte eine leise Hoffnung und ihre Lippen formten das Wort Wasser.
Langsam, sehr langsam, zog der Soldat das Gewehr von der Schulter, faßte es am Lauf – direkt unter dem Schnappverschluß für das Bajonett – und schlug blitzschnell zu.
Die Frau schrie auf, als der Kolben ihre Brüste traf und fiel in den Waggon zurück. „Swinja – du Sau“, schluchzte sie, zog ihr Kleid hoch und verdeckte die verschrammten Brüste.
Der Mann ging zurück, nahm erneut das Wasserglas, füllte es und trank einen einzigen Schluck. Sie konnten deutlich hören, wie er rülpste. Den Rest des Wassers schüttete er mit Schwung in die Luft. Aja glaubte einen Moment lang, hinter dem Wasser einen kleinen Regenbogen zu sehen.
Ein zweiter Soldat, schmal und klein, trat aus der Bahnhofstür. Die Männer unterhielten sich, blickten zum Waggon und lachten. Dann ging der erste Soldat weg, bog um die Ecke des kleinen Bahnhofs. Er blickte sich nicht um, sah nicht zu den anderen Waggons, die sich hinter der Dampflokomotive reihten – alle gleich im Aussehen, alle gleich beladen.
Der Soldat trat aus dem Schatten des Überdachs, kam langsam auf sie zu. Jetzt konnte Aja ihn besser sehen. Mit der Rechten zog der Mann den Riemen des geschulterten Karabiners stramm, streckte den Daumen vor. Die Bajonettspitze reflektierte das Sonnenlicht. Er war jung, viel jünger als der andere Soldat. Seine Nase war breit, knubbelig, verformt wie bei einem Boxer. Er war unruhig, blickte sich ständig um, als fürchte er, von einem Offizier überrascht zu werden.
Erneut keimte Hoffnung, langsam nur, zögernd, sehr langsam. „Woda! - Woda!“, flüsterten einige Frauen. „Bitte, gib uns etwas Wasser.“ Dicht vor der vergitterten Waggontür blieb der Soldat stehen, sog prüfend die Luft ein, drehte angewidert den Kopf zur Seite und trat einen Schritt zurück.
Er suchte die Gesichter der Frauen ab. Kein Lächeln. Keine Regung. Die Augen der Frauen hingen gebannt an dem unreifen Gesicht. Aber nur an Ajas blieb der Blick des Jungen hängen. Sie wartete, holte kaum Luft. In ihrem Kopf war alles leer.
Sie konnte seine Augen nicht sehen, sie lagen im Schatten des viel zu großen Stahlhelms.