Bailey Wingate wachte weinend auf. Mal wieder.
Sie hasste das, denn ihr fiel beim besten Willen kein Grund ein, sich wie eine Heulsuse zu benehmen. Wäre sie zutiefst unglücklich, von aller Welt verlassen oder in Trauer, dann wäre es verständlich, dass sie im Schlaf weinte, doch nichts davon traf auf sie zu. Man konnte allenfalls sagen, dass sie ziemlich sauer war.
Sauer zu sein war jedoch keineswegs ihre vorherrschende Gemütsverfassung; dieser Zustand trat nur ein, wenn sie mit ihren Stiefkindern Seth und Tamzin, zu tun hatte, mit denen sie sich aber Gott sei Dank nur einmal im Monat abgeben musste, nämlich wenn die Auszahlung der Unterhaltsleistung fällig war, die sie aus dem Nachlass ihres Vaters, Baileys verstorbenen Mannes, erhielten. Fast immer nahmen die beiden dann schon vorher Kontakt mit ihr auf, entweder, um mehr Geld zu fordern, wozu sie ihre Zustimmung aber noch nicht gab, oder hinterher, um Bailey auf ihre jeweils eigene Art und Weise wissen zu lassen, was für ein geiziges Miststück sie in ihren Augen war.
Seth ließ sich dabei die weitaus größeren Gemeinheiten einfallen. Bailey mochte gar nicht daran denken, wie viele Male sie zutiefst gekränkt gewesen war, wenn Seth wieder einmal sein Mütchen an ihr gekühlt hatte, aber wenigstens war er offen und geradeheraus in seiner Feindseligkeit ihr gegenüber. Er war ein zäher Brocken, aber Bailey zog es allemal vor, sich mit ihm herumzuzanken, als sich
von Tamzin mit hämischen Spitzfindigkeiten überschütten zu lassen.
Heute war der Tag, an dem ihre monatlichen Überweisungen fällig waren, was bedeutete, dass Bailey sich entweder auf einen Telefonanruf oder auf ein persönliches Erscheinen einstellen durfte. Oh, welche Wonne! Vor allem Tamzin piesackte sie bevorzugt mit ihren Besuchen, bei denen sie dann auch noch ihre beiden kleinen Kinder mitbrachte. Tamzin alleine war schon schwer genug zu ertragen, aber wenn dazu noch ihre beiden verzogenen, nörgelnden Kinder kamen, die ständig quengelten, hatte Bailey große Lust, einfach die Tür hinter sich zuzuknallen und aus dem Haus zu laufen.
»Eigentlich müsste ich dafür bezahlt werden«, grummelte sie laut vor sich hin, als sie die Decke beiseitewarf und aus dem Bett stieg.
Aber dann gab sie sich im Geiste einen Ruck. Sie hatte keinen Grund, sich zu beschweren, und erst recht keinen, nachts im Schlaf zu heulen. Sie hatte sich damals darauf eingelassen, James Wingate zu heiraten, obwohl sie wusste, wie seine Kinder waren und wie sie auf die finanziellen Vorkehrungen reagieren würden, die ihr Vater für sie getroffen hatte. James hatte mit dieser Reaktion schon gerechnet und dementsprechend disponiert. Sie selber jedoch war sehenden Auges in ihr Verderben gerannt, also durfte sie sich jetzt auch nicht beklagen, denn auch aus seinem Grab heraus sorgte James dafür, dass es ihr als seiner Nachlassverwalterin an nichts fehlte.
Sie ging in das edel eingerichtete Badezimmer und warf einen Blick auf ihr Spiegelbild - das ließ sich auch kaum vermeiden, wenn man gleich beim Betreten des Bades mit einem von der Decke bis zum Boden reichenden Spiegel konfrontiert wurde. Wenn sie sich darin betrachtete, kam es ihr manchmal so vor, als gäbe es zwischen der Person, die sie darin sah, und dem, was sie tief in ihrem Inneren empfand, nicht den geringsten Zusammenhang.
Das Geld hatte sie verändert - weniger innerlich, sondern eher äußerlich. Sie war schlanker, straffer geworden, denn nun hatte sie sowohl die Zeit als auch das nötige Geld für einen persönlichen Fitnesstrainer, der ins Haus kam, um sie in ihrem privaten Gymnastikraum in die Mangel zu nehmen. Ihr Haar, das vorher von einem schmutzigen Blond gewesen war, war nun so kunstvoll mit Strähnen in den verschiedensten Blondtönen durchsetzt, dass es vollkommen natürlich wirkte. Die teure Frisur schmeichelte ihren Gesichtszügen und ließ ihr Haar so grazil fallen, dass es selbst jetzt, da sie gerade erst aufgestanden war, ziemlich gut aussah.
Sie hatte sich immer schon bemüht, adrett auszusehen, und sich stets so gut gekleidet, wie es ihr von ihrem Gehalt möglich war, aber zwischen »adrett« und »gestylt« gab es einen himmelweiten Unterschied. Sie war nie eine Schönheit gewesen und konnte das auch heute noch keineswegs von sich behaupten, aber sie durfte sich bisweilen durchaus als »hübsch«, manchmal sogar als »attraktiv« betrachten. Geschickte Anwendung der besten Kosmetikprodukte, die man für Geld kaufen konnte, ließ das Grün ihrer Augen intensiver, strahlender wirken. Ihre Kleider waren ihr, und nur ihr, auf den Leib geschnitten. Sie brauchte sich nicht wie Millionen anderer Frauen darauf zu beschränken, sich mit etwas in der mehr oder weniger passenden Größe von der Stange zu bedienen.
Als Jims Witwe stand ihr das volle, uneingeschränkte Nutzungsrecht dieses Hauses in Seattle, eines anderen in Palm Beach und noch eines weiteren in Maine zu. Auf
Reisen musste sie nie eine Linienmaschine nehmen, es sei denn, sie wollte es so. Die Wingate Corporation leaste Privatjets für ihre leitenden Angestellten, und ihr stand auch stets einer zur Verfügung. Bezahlen musste sie nur, was sie sich für ihren persönlichen Bedarf kaufte, und das bedeutete, dass sie sich finanziell keine Sorgen zu machen brauchte. Dies war zweifellos der größte Vorteil, den sie aus der Vereinbarung mit dem Mann zog, der sie geheiratet und binnen eines einzigen Jahres schon wieder als Witwe zurückgelassen hatte.
Früher war Bailey arm gewesen, musste sie doch zugeben, dass Geld das Leben um einiges leichter machte. Sie hatte zwar immer noch ein paar Probleme - vor allem mit Seth und Tamzin -, aber mit Problemen ließ es sich einfacher umgehen, wenn das pünktliche Bezahlen von Rechnungen nicht dazugehörte: Jedes Gefühl von Druck war aus ihrem Leben gewichen.
Sie hatte eigentlich nichts anderes zu tun, als das Vermögen ihrer Stiefkinder zu verwalten - eine Pflicht, die sie sehr gewissenhaft erfüllte, obwohl diese ihr das nie glauben würden - und ansonsten irgendwie ihre Tage auszufüllen.
Mein Gott, sie langweilte sich.
Jim hatte, was seine Kinder anging, an alles gedacht, sinnierte sie, als sie die runde Duschkabine aus Milchglas betrat. Er hatte sein Geld für sie zusammengehalten und dafür gesorgt, soweit es ihm möglich war, dass sie finanziell stets abgesichert sein würden. Nur eines hatte er nicht berücksichtigt, nämlich wie es mit ihrem, Baileys, Leben weitergehen würde, wenn er nicht mehr da wäre.
Wahrscheinlich war es ihm gleichgültig gewesen, dachte sie wehmütig. Sie hatte ihm als Mittel zum Zweck gedient, und obwohl er sehr angetan von ihr gewesen war und sie von ihm -, hatte er niemals vorgegeben, mehr für sie zu empfinden als eben das. Ihre Ehe war eine geschäftliche Vereinbarung gewesen, die er initiiert und kontrolliert hatte. Selbst wenn er es vorher geahnt hätte, wäre es ihm egal gewesen, dass seine Freunde, die seine Gattin zu seinen Lebzeiten pflichtbewusst mit zu ihren Partys und Empfängen eingeladen hatten, diese sofort wie eine heiße Kartoffel fallen lassen und von ihren Gästelisten streichen würden, sobald er unter der Erde lag. Die meisten von Jims Freunden waren ungefähr in seinem Alter gewesen, und viele von ihnen hatten Lena, seine erste Frau, gekannt und waren mit ihr befreundet gewesen. Einige seiner Bekannten hatten Bailey schon vor ihrer Heirat kennengelernt, als diese noch Jims persönliche Assistentin gewesen war. Sie fühlten sich ihr gegenüber befangen, nachdem sie seine Frau geworden war. Nun, ihr war es ähnlich ergangen; wie konnte sie ihnen also einen Vorwurf daraus machen?
Dies war nicht das Leben, das sie sich für sich vorgestellt hatte. Ja, das Geld war angenehm - äußerst angenehm -, aber sie wollte nicht den Rest ihres Lebens damit verbringen, Geld für zwei Menschen zu vermehren, die sie verachteten.