Eine Dynastie ist eine Herrscherfamilie, der es über mehrere Generationen hinweg gelungen ist, höchste Ämter zu besetzen. Es gibt die klassischen politischen Dynastien, denkt man etwa an die Hohenzollern oder die Habsburger, Wirtschaftsdynastien wie die Krupps oder die Quandts und natürlich auch kriminelle Dynastien. Die Grenzen sollen in der Vergangenheit gelegentlich fließend gewesen sein. Darüber hinaus machten im Laufe der Jahrhunderte auch einige wenige Künstlerdynastien von sich reden. Johann Sebastian Bachs kinderreiche Sippe mag man dazu zählen, ebenso die Familien der Brüder Heinrich und Thomas Mann sowie die Wagners aus Bayreuth.
Richard Wagner rief mit den Bayreuther Festspielen ein Familienunternehmen ins Leben, das einzig dem Zweck dient, seine Opern aufzuführen. Darin steckt etwas Geniales wie auch etwas Größenwahnsinniges. Im Gründungsjahr 1876 kam der Ring des Nibelungen auf die Bühne, sechs Jahre später erfolgte die Uraufführung des Spätwerks Parsifal. Als der Komponist im Februar 1883 starb, stand der Betrieb vor dem Aus. Nun griff die Witwe Cosima Wagner ein, sie übernahm die Leitung. Im Laufe der Jahre machten sie und ihre Kinder aus dem Bayreuther Experiment - mehr ist es zu Wagners Lebzeiten nicht gewesen - eine Institution. Das Festspielhaus wurde zu einer anerkannten künstlerischen Einrichtung, und der "Grüne Hügel" entwickelte sich zu einem gesellschaftlichen Tummelplatz. Damals wie heute lassen sich die Schönen und Reichen, Stars und Sternchen sowie der internationale Jetset gerne in der oberfränkischen Provinz blicken. Sehen und gesehen werden. All das funktioniert bis in die Gegenwart erstaunlich gut. Auch wenn die Belange des jährlichen Festivals längst von einer "Richard-Wagner-Stiftung" geregelt werden, hat die Familie nach wie vor ein gewichtiges Wort mitzureden. Dies betriff insbesondere die Leitung des Unternehmens. Man muss sich einmal die dynastischen Dimensionen vor Augen führen: Der im vergangenen Jahr zurückgetretene Festspielleiter Wolfgang Wagner ist der Enkel eines 1813 geborenen und 1883 verstorbenen Mannes. Im Sommer 2009 treten die 1945 geborene Eva Wagner-Pasquier und die 1978 geborene Katharina Wagner die Nachfolge ihres 90-jährigen Vaters an. Wenn im Jahre 2013 Richard Wagners 200. Geburtstag gefeiert werden wird, werden mit dessen Urenkelinnen immer noch zwei direkte Familienmitglieder in Bayreuth das Sagen haben.
Eine derartige Thronfolge ist einzigartig und konnte nur durch die Ausbildung eines "dynastischen Prinzips" erreicht werden. Abstrakt formuliert: Der aktuelle Machthaber bestimmt frei und unabhängig innerhalb der eigenen Sippe seinen Nachfolger. So übernahm Siegfried die Festspielleitung von seiner Mutter Cosima, und so trat auch Winifred Wagner 1930 die Nachfolge ihres Mannes Siegfried an. Dass wiederum Winifred Jahre später das Zepter in die Hände ihrer Söhne Wieland und Wolfgang legte, ist bekannt. Ein Erfolgsrezept? Ja und nein. Einerseits wurden so der große Erfolg und auch der elitäre Reiz des Familienunternehmens begründet. Andererseits gab es zahlreiche Clanmitglieder, die schlicht untergingen. Ob Isolde und Franz Beidler, Gilbert Gravina, Friedelind oder auch Nike Wagner - sie alle fühlten sich berufen und waren nicht auserwählt. Wer die Machtfrage stellte, wurde ein Opfer des dynastischen Prinzips.
Die Gründung der Wagner-Dynastie ist die Geschichte von Cosimas Kindern. Es geht um das aufregende Epos von Triumph und Tragödie, Genie und Verfall, Kunst und Ideologie sowie Politik und eigennütziger Geschäftigkeit. Frau Wagner hatte aus erster Ehe mit dem Pianisten und Dirigenten Hans von Bülow zwei Töchter - Daniela und Blandine. Von Richard Wagner bekam sie drei weitere Kinder - Isolde, Eva und Siegfried. Richard, Cosima und die fünf Kinder bildeten die Keimzelle jener "Patchworkdynastie".