Erstes Buch
Rimbaud: Wiedergeboren
Kapitel 1
Am Pier
Über der Bucht von Santa Monica liegt ein leuchtender, lachsfarbener Winterhimmel. Als könnte es den Einbruch der Dunkelheit kaum erwarten, beginnt das Neonschild über dem Eingang zum Pier plötzlich zu flackern, zuerst weiß, dann blau, dann gelb, trotzdem ist es vorerst keine Konkurrenz für das natürliche Licht der blauen Stunde. Endlich werden, einer nach dem anderen, alle Buchstaben lesbar – »Yachthafen« – »Sportfischen« – »Bootsverleih« – »Café« –, und schließlich, nach einem letzten Aufbegehren, lässt der Tag sich ebenso widerstrebend wie unwiderruflich in die kühlen Arme der kalifornischen Nacht sinken.
Ein von dem Anblick verzaubertes junges Paar geht Hand in Hand unter dem Neonportal hindurch und verliert sich in der Schar der Besucher, die dahinter zusammengeströmt sind, als wollten sie irgendeinem vergessenen, imaginären Gott huldigen. Das lange, dunkle Haar des vollbärtigen Mannes verdeckt den Kragen seiner khakifarbenen Jacke aus den Beständen der in Vietnam kämpfenden US-Armee, und seine weite schwarze Jeans fällt in Falten auf die abgetragenen Stiefel. Neben der atemberaubenden Schönheit an seiner Seite gleicht er einem Hippie oder einem linken Antikriegsaktivisten.
Während sie sich durch die Menge schlängeln, richten sich zahlreiche Augenpaare auf die Begleiterin des jungen Mannes, die nach der neuesten Mode in eine Designerlederjacke und hautenge verblichene Jeans mit breitem Schlag gekleidet ist. Ihre flammend rote Mähne fällt glatt über ihre Schultern. Sie geht und wiegt sich anmutig wie eine Frau, für die es offensichtlich nichts Besonderes ist, bewundernde Blicke auf sich zu ziehen.
Kirmesorgelmusik liegt in der Luft und entführt den jungen Mann vier Jahre in die Vergangenheit, als seine Band, neben Jefferson Airplane, auf genau diesem Pier im Cheetah vor viertausend kreischenden Fans spielte. Er erinnert sich, wie er damals, während des Orgelsolos in »Light My Fire«, zum ersten Mal wie auf einem Drahtseil am äußersten Bühnenrand balancierte und sich im nächsten Moment acht Fuß tief zwischen seine minderjährigen Bewunderinnen stürzte. Und er hört Rays Vox Continental aufheulen, als wäre es erst gestern gewesen. Ein Abend purer Magie.
Heute hat er weniger Glück. Die Tonbandmusik schwillt an, während sich das Paar durch die Menge schiebt und sich einem klassischen Karussell aus der Alten Welt nähert, das aussieht, als würde es wehmütig auf ein glücklicheres Leben auf irgendeinem Jahrmarkt in Paris zurückblicken, wo es sich drehte, ehe es auf dieser Strandpromenade über dem Pazifik landete. Das reich verzierte Gebilde wirkt hier, in der Nachbarschaft der dicht gestaffelten Palmen am Ocean Boulevard, seltsam fehl am Platz.
Ohne Vorwarnung, als würde er einer Laune nachgeben, lässt der junge Mann die Hand der Frau los, springt auf das Karussell und hängt im nächsten Moment in einer Haltung über die Kante, die fast ein wenig zu riskant aussieht, um ihm Vergnügen bereiten zu können. Die junge Frau schnappt nach Luft und schlägt die Hand vor den Mund, als ihr unwillkürlich eine seiner Eskapaden im Château Marmont in Hollywood einfällt, bei der er unglücklich ausrutschte und sich eine Rippe brach. Doch da springt der Draufgänger, nachdem er der Schwerkraft ein paar Umdrehungen lang getrotzt hat, geschickt wieder ab und greift nach ihrer Hand, als wäre die ganze Aktion keine weitere Bemerkung wert. Tatsächlich fällt kein einziges Wort, die Frau hält ihm nur die Wange hin, die er küsst, als wolle er sich damit für seine Tollkühnheit belohnen. Da sie seinen Leichtsinn kennt, ist sie froh, dass ihm dieses Mal nichts passiert ist.
Sie setzen ihren Spaziergang über die Strandpromenade fort und werden von dem unwiderstehlichen Grillduft einer Imbissbude in der Nähe angelockt. Die junge Frau kauft einen extralangen Hot Dog mit Senf und Sauerkraut. Sie hält den Hot Dog von sich weg und dirigiert das eine Ende in den geöffneten Mund ihres Helden, während sie mit spitzen Fingern das Brötchen hält und herzhaft in das andere Ende beißt. Während er noch kaut, langt der Mann in seine Hosentasche, fischt einen Vierteldollar heraus und kauft einen großen Plastikbecher Bier, um den Bissen hinunterzuspülen. Ein paar Schritte später pflückt seine rothaarige Begleiterin eine Wolke Zuckerwatte aus einer pastellfarbenen Reihe und beide graben ihre Gesichter in den rosa Wattebausch wie zwei Highschool-Turteltauben, die sich einträchtig ihren ersten Erdbeer-Milchshake teilen.
Als sie an einer Schießbude vorbeikommen, zerreißt das Prasseln von Gewehrfeuer die luftige Tonbandmusik wie wild durcheinander rasselnde Marschtrommeln. Ein Soldat in Khaki, dessen Ärmel die drei gelben Streifen eines Sergeanten zieren und der offenbar gerade aus Vietnam kommt, handhabt das Gewehr wie eine Spielzeugwaffe. Was der wohl mit einer M-16-Halbautomatik anrichten könnte?, überlegt der junge Mann. Wahrscheinlich den gesamten Pier in weniger als zehn Sekunden mit Tod überziehen. Oder zumindest mit einem Feuerstoß eine Hand voll Hippies abknallen. Der Gedanke behagt ihm nicht und er zupft nervös am Arm seiner Begleiterin. In diesen Zeiten ist es ungesund, mit langen Haaren und Bart in Reichweite einer Knarre herumzulaufen. Und dieser Soldat würde in ihm nie im Leben die Stimme einer der Rockbands erkennen, die er gehört hat, während er sich in irgendeinem Schützengraben im Dschungel Südostasiens einen Joint anzündete. Wer würde schon glauben, dass dieser bärtige Friedensapostel der Sänger der berühmtesten Band in Amerika ist?
Das Paar eilt nun auf eine Gruppe Schausteller zu, bestehend aus einem stummen Clown mit einer Fahrradhupe, der sich aufführt wie Harpo Marx, einer schäbigen Zigeunerwahrsagerin, die einen Stapel Tarot-Karten vor ihnen auffächert, sowie einer vollbusigen blonden Bikinischönheit, die alle in aufdringlicher Rivalität um ihre Aufmerksamkeit werben. Abgesehen von der ständigen Sorge, erkannt zu werden, mit der jede Berühmtheit vertraut ist, bemüht sich das Paar, so entspannt und unauffällig wie möglich aufzutreten. Sie haben gemeinsam schon eine Menge durchgemacht, diese kleine Ablenkung vermag sie also keineswegs aus der Ruhe zu bringen.
Während sie sich an dem bizarren Trio vorbeidrücken, versucht der Clown ihre Aufmerksamkeit zu erregen, indem er wild mit den Händen herumfuchtelt und seine Hupe quäken lässt. Ein paar Meter weiter plärrt blechern zigeunerhafte Geigenmusik aus einem billigen Kassettenrekorder, der hinter der Wahrsagerin auf einem Tisch steht. Die Alte streckt der jungen Frau eine Tarot-Karte hin.
»Hier, meine Schöne«, buhlt sie, »lass mich dir deine Zukunft vorhersagen! Möchtest du nicht wissen, was das Schicksal für dich bereithält? Wie lange deine Liebe dauert?
Oder dein Leben? Wirst du reich sein, reisen, oder dich mit Juwelen behängen? Das alles steht in den Karten! Für nur einen Dollar! Nur’n guter alter Dollar!«
Die junge Frau lächelt höflich und schüttelt den Kopf, während ihr Begleiter fünf Jahre in die Vergangenheit entgleitet, an einen Ort, an dem eine Wahrsagerin wie diese vier langhaarigen, arbeitslosen Musikern, die verzweifelt auf der Suche nach einem Plattenvertrag waren, die Zukunft zu weisen versprach. Auch damals wurde das Angebot der Zigeunerin ausgeschlagen. Könnte sogar dasselbe alte Weib sein, überlegt er. Wer weiß? Sehen ja alle gleich aus mit ihrer dicken Schminke, den klimpernden Armreifen, ihren langen schwarzen Locken und den Kopftüchern aus glänzender Seide. Zum Teufel, dabei glaubt er nicht mal an Astrologie. Er weiß bloß, dass er im Zeichen des Schützen geboren wurde, angeblich das philosophischste unter den Sternzeichen! Das klingt ja nicht schlecht, denkt er. Aber andererseits ist das Ganze nur ein Haufen Bockmist, wie er in seinen Konzerten immer gesagt hat, damals, in einem anderen Leben, in einem anderen Zeitalter der Welt.
Woher soll so eine Zigeunerin schon wissen, was ihm die Zukunft bringen wird? Und außerdem: Warum sollte man das Schicksal herausfordern? Am Ende geht ja doch alles gut. So wie beim letzten Mal auch. Irgendwie hat er nicht das Gefühl, dass der Rattenfänger für ihn schon sein letztes Liedchen angestimmt hat.
Im nächsten Moment wird sein Blick von dem Bauch der Bikiniblondine abgelenkt, die ihm mit der einen Hand zuwinkt, um ihn zum Besuch einer Peepshow zu animieren, während sie mit der anderen lasziv um das Blumen-Tatoo streicht, das ihren Bauchnabel ziert. Dabei schaut sie dem jungen Mann unverwandt in die Augen.
»He, Süßer! Willste nicht ’nen Blick riskieren? Die Kleine wird dich ja wohl für ’ne Minute vom Haken lassen, oder?«
Bei dieser Bemerkung wirft das rothaarige Mädchen ihr einen eisigen Blick zu, der so viel sagt wie »Siehst du nicht, dass er vergeben ist, Schlampe?« und klarstellt, dass sie keines Wortes würdig ist. Die Blondine zuckt vor dem Blick zurück, fährt jedoch fort, den jungen Mann mit irritierter Neugier anzustarren.
»Kenn ich dich nicht von irgendwoher?«, fragt sie dann.
Er schenkt ihr ein Lächeln und wagt einen letzten flüchtigen Blick auf ihren tätowierten Bauch, bevor er weitergeht.
»Kann ich mir nicht vorstellen«, erwidert er über die Schulter und legt den Arm um sein Mädchen.
»He, Jerry«, wendet sich die Bikinischönheit der Reinkarnation von Harpo Marx zu. »War das nicht der Typ von dieser berühmten Rockband?«
»Jah, Mann, das isses! Wusste ich’s doch, dass ich den schon mal gesehen hab«, plärrt der Angesprochene, während er dem Paar hinterherglotzt. »Die Doors! Mann, der hat sein Image aber ganz schön verändert, ’n Wunder, dass er nicht auf dich abgefahren ist, Baby!«
»Keine Chance. Nicht mit diesem Kampfhund an seiner Seite«, höhnt sie.
Die sorglose Atmosphäre auf dem Pier löst sich für das müßig schlendernde Paar in diesem Augenblick in Luft auf. Die abendliche Entspannung, die sie gesucht haben, weicht einer bedrohlichen, beinahe paranoiden Stimmung. Der kindisch-unscheinbare Schmuck der Buden, der die Schaulustigen anziehen soll, verwandelt sich in schrillbunte Masken mit viehisch verzerrten Zügen, die sie bei jeder neuen Wendung ihrer Schritte auszulachen scheinen wie die Horrorgestalten auf einem schlechten LSD-Trip. Der Jahrmarkt hat sich mit einem Schlag in einen Albtraum verkehrt.
Die beiden gehen jetzt schneller, der Griff ihrer Hände wird fester, während die Fieberkurve der Musik, des Getöses der Menge und des Geschreis der Schausteller und fliegenden Händler ringsum immer weiter ansteigt und schließlich zu einer undurchdringlichen Kakophonie verschmilzt. Ein paar Schritte später sehen die beiden einander an, als wollten sie sagen: »Lass uns von hier verschwinden!« Instinktiv beschleunigen sie ihre Schritte, bis sie sich laufend der Seeseite der breiten Mole nähern. Noch fünfzig Yards und sie sind endlich in Sicherheit, weit weg von der rasenden, lärmenden Menschenmenge. Als sie schließlich das verwitterte hölzerne Geländer erreichen, finden sie eine freie Stelle in der Nähe einiger Angler: Männer und Jungen in einer losen Reihe am Strand. Plötzlich sind sie in einer anderen Welt, einem Obdach am Meer, von dem aus sich ein imaginärer Regenbogen über den Vergnügungspark und darüber hinaus über ganz L.A. wölbt und alles an schlechtem Karma und bösen Erinnerungen unter sich zurücklässt. Der junge Mann und die Frau schauen sich lächelnd an und atmen tief durch, als hätten sie soeben einen Marathonlauf hinter sich gebracht.
Seite an Seite stützen sie die Ellbogen auf das Geländer und versuchen japsend, zur Ruhe zu kommen, während sie gierig die frische, salzige Luft einatmen. Hypnotisiert von der stillen Schönheit des Sonnenuntergangs blicken sie auf den vor ihnen ausgebreiteten Pazifik hinaus, der sich das orangerote Rund der versinkenden Sonne einzuverleiben scheint. Nach einem langen, selbstvergessenen Augenblick bricht die junge Frau das Schweigen.
»Liebling?«, beginnt sie mit schmeichelnder Kleinmädchenstimme.
Der junge Mann antwortet nicht. Sein Blick bleibt aufs Meer gerichtet. Dann zündet er sich eine Zigarette an und nimmt einen langen Zug. Der Lärm auf der Promenade ist dem Geschrei der Möwen und dem Plätschern der Wellen gewichen, die rhythmisch gegen die Stützpfähle unter ihnen schlagen. Der Wind trägt ihnen hin und wieder ein paar spanische Wortfetzen von den Anglern zu. Endlich dreht sich der Mann zu seiner Begleiterin um und sagt mit flacher, tonloser Stimme, als hätte er sie gar nicht gehört: »Da drüben liegt Catalina.«
»Lass uns abhauen, bevor es zu spät ist«, bittet sie ihn leise. »Ich bin müde … Wir sind beide müde. Wir haben hier alles erreicht, was für uns drin war.«
Nach einer langen Pause antwortet er: »Ich wette, du hast keine Ahnung, dass wir hier genau am Ende der Route 66 stehen. He, haben wir uns nicht 66 kennen gelernt?«
»Ja, stimmt.« Sie nickt bedrückt. »Und jetzt sind wir am Ende der Straße.« Verzweiflung färbt ihre Stimme. »Diese Stadt wird dich noch umbringen, verdammt noch mal. Sie wird uns beide umbringen. Alles hier ist nur noch ein einziger Albtraum!«
Der junge Mann starrt weiter den Horizont an, während das Mädchen einen neuen Anlauf nimmt und ein wenig mehr Zuversicht in ihre Stimme legt.
»Außerdem redest du jetzt schon seit über einem Jahr davon, nach Paris zurückzugehen.«
Ihr Gefährte bläst darauf nur eine lange Rauchfahne in die Luft. »Wenn man bedenkt, dass ich erst vor kurzem noch dort war.«
»Hä?«, fährt das Mädchen auf. »Wo?«
Er deutet mit einem Kopfnicken auf die schemenhaften Umrisse in weiter Ferne. »Catalina.«
Sie verdreht die Augen, und ihre Stimme wird mit wachsender Erregung immer schriller. »Hör doch … ich kann mich drüben nach einer Bleibe für uns umsehen, während du hier alles Nötige abwickelst. Wir können Sage zu meiner Familie bringen, die mögen doch Hunde. Danach müssen wir uns nur noch überlegen, was aus der Boutique werden soll. Ich könnte in ein paar Wochen abreisen. Zum Teufel, wenn ich erst weg bin, brauchst du doch auch höchstens noch zwei, drei Wochen, um deine Sachen zu packen und nachzukommen, was meinst du?«
Der junge Mann betrachtet weiter die ferne Insel am Horizont. Dabei denkt er an das nächtliche Gelage im Avalon mit Babe und den beiden Mädchen, die er irgendwo aufgegabelt hatte, und daran, wie sie sich in der Nacht allesamt fast um den Verstand gekokst und gesoffen hatten. Das Meer sieht so still und friedlich aus in diesem Moment, und doch erinnert er sich fast bis in die Fußspitzen spürbar an die raue Bootsfahrt über den Kanal nach Palos Verdes. Der Gedanke daran beschert ihm ein Gefühl von Übelkeit in der Magengrube.
»Hörst du mir überhaupt zu, Herrgott noch mal?«, fährt ihn die Frau aufgebracht an. »Mir ist es todernst.«
Doch er fährt wie in Trance fort, als wären ihre Worte gar nicht bis zu ihm durchgedrungen. »Ich habe keine Ahnung, wer ich bin … ich habe keine Ahnung, was ich tue … ich weiß ja nicht mal, was zur Hölle ich eigentlich will!«
Die junge Frau stöhnt ärgerlich auf, besinnt sich jedoch und versucht den Mann zu besänftigen. »Ich weiß, Baby. Ich weiß.« Dann blicken beide eine weitere scheinbare Ewigkeit auf das Meer hinaus, bis sie erneut das Schweigen bricht.
»Ist dir eigentlich klar, dass du immer schon Angst vorm Wasser hattest?«
Ihr Begleiter entgegnet darauf nichts, sondern starrt reglos ins Leere.
»Du musst dich jetzt bloß noch von Venice und Hollywood verabschieden, den ganzen Mist hier dem Teufel überlassen und den Sprung ins kalte Wasser wagen, verdammt!« Während sie spricht, verliert er sich in einer anderen Welt. Jenseits des Ozeans und jenseits eines ebenso riesigen Kontinents.
»Paris«, sagt er träumerisch. »Ja.«
Er blickt auf den abendlichen, blaugrauen Pazifik hinaus, dessen Brandung zwischen den verrottenden Pfählen unter ihren Füßen wispert, und inhaliert abermals Rauch. In der Zeit, die er braucht, um den flachen Restbogen der Sonne mit einem Rauchring zu umschließen, stürzen fünf Jahre Wahnsinn durch sein Hirn. Er hat immer gewusst, dass dieser Moment kommen würde. Und sie hat es auch gewusst. Sie haben beide gewusst, dass es nicht leicht sein würde. Er überlässt sich noch einen Augenblick lang seinen Gedanken, dann rezitiert er leise einige bekannte Zeilen:
»Strange days have tracked us down […] They’re going to destroy our casual joys […] We shall go on playing or find a new town?«
Eine vertraute Melodie taucht aus den Tiefen seines Unterbewusstseins an die Oberfläche, eine Melodie, die sich so eng an diese Zeilen anlehnt, als wäre sie für alle Zeiten unzertrennlich mit ihnen verknüpft. Sie okkupiert nicht nur seine, sondern ihrer beider Gedanken, bis sie die von der anderen Seite der Mole andringenden Geräusche zu übertönen scheint. Beide kennen sie ihre Bedeutung. Und sie wissen beide um die unabwendbare Prophetie der Worte, die ihnen gleichermaßen vertraut und doch immer wieder wie zum ersten Mal gehört vorkommen.
Nach einem letzten tiefen Zug schnippt der junge Mann den Zigarettenstummel in die Wellen, sieht zu, wie er aufs Wasser trifft und zischend verglimmt. Er atmet aus, holt tief Luft und spricht ruhig und mit neu gewonnener Zuversicht.
»Gehen wir!«
Der Ozean hat die Sonne unterdessen vollends verschluckt und in seine Tiefen gezogen. Das graue Wasser hat ihre Flammen fast so schnell gelöscht wie die Glut der Zigarette Sekunden zuvor. Mit dem Einbruch der Dunkelheit gewinnt das Leuchten der Neonschilder endgültig die Oberhand und lotst das Paar zurück durch die dichte Menschenmenge, durch das ringsum herrschende Chaos und zu dem einzigen Ausweg, der ihnen noch bleibt.
Kapitel 2
Nr. siebzehn
Die Iden des März. Kurzlebige Wellen spielen wie ein impressionistischer Maler, der zaudernd die letzten farbigen Akzente auf die Leinwand tupft, mit dem Widerschein der weißen Schönheit von Pont Neuf vor dem grauen Spätwinterhimmel über Paris. Da erscheinen über der Reflexion der steinernen Brüstung zwei Gesichter, eines bärtig, das andere glatt, und tanzen auf den Wellen.
»Wir haben es geschafft, Baby«, beginnt der Mann.
Lächelnd schmiegt die junge Frau den Kopf an seine Schulter.
»Ich kann es kaum glauben«, sagt sie seufzend. »Wir sind wirklich hier.