Es war vollbracht. Die Jury hatte ein Urteil gefällt. Beratungszeit zweiundvierzig Stunden, Prozessdauer einundsiebzig Tage, Einvernahme der vier Dutzend Zeugen fünfhundertdreißig Stunden. Feilschende Anwälte, ein dozierender Richter, gebannte Zuschauer, mit Argusaugen nach verräterischen Details Ausschau haltend. Nach der endlosen Klausur in einem bewachten Raum setzten zehn Geschworene stolz ihren Namenszug unter das Urteil, während die beiden Jurymitglieder, die anders abgestimmt hatten, unzufrieden in der Ecke saßen. Bei den übrigen gab es erleichterte Gesichter, Schulterklopfen und eine ordentliche Portion Selbstgefälligkeit. Sie waren siegreich aus dem Kleinkrieg hervorgegangen, konnten stolz in den Gerichtssaal einziehen und ein Urteil präsentieren, das sich ihrer Entschlossenheit und dem erbitterten Ringen um einen Kompromiss verdankte. Die schwere Prüfung war überstanden, sie hatten ihre Bürgerpflicht getan. Mehr als das. Es war vollbracht.
Der Obmann der Jury klopfte an die Tür und riss Uncle Joe aus seinem Schlummer, den betagten Gerichtsdiener, der nicht nur den Raum bewacht, sondern auch die Geschworenen mit Nahrung versorgt, sich ihre Klagen angehört und diskret ihre Botschaften an den Richter weitergeleitet hatte. Früher, als sein Gehör besser funktioniert hatte, war das Gerücht im Umlauf gewesen, Uncle Joe belausche die Jurys durch eine dünne Sperrholztür, die er persönlich gekauft und eingesetzt habe. Doch mittlerweile war er schwerhörig und hatte seiner Frau - vorerst nur ihr - anvertraut, er spiele mit dem Gedanken, den Job nach diesem aufreibenden Prozess endgültig an den Nagel zu hängen. Er sei dem Stress, den ordnungsgemäßen Ablauf eines Verfahrens zu garantieren, nicht mehr gewachsen.
»Großartig«, sagte er lächelnd. »Ich hole den Richter.« Als hätte dieser sich irgendwo tief im Inneren des Gebäudes verschanzt und wartete nur darauf, von Uncle Joe zu hören. Er entschied sich aus alter Gewohnheit, einen Laufburschen die wundervolle Neuigkeit überbringen zu lassen. Und sie war wahrhaft wundervoll. Noch nie hatte in dem alten Gerichtsgebäude ein so langer und spektakulärer Prozess stattgefunden. Es wäre eine Schande gewesen, ihn ohne Entscheidung abbrechen zu müssen.
Uncle Joes Laufbursche klopfte diskret an die Tür des Richters und trat einen Schritt in dessen Büro. »Wir haben ein Urteil«, verkündete er stolz, als hätte er persönlich an dem Beratungsmarathon teilgenommen und präsentierte dessen Resultat nun als Geschenk.
Der Richter schloss die Augen und seufzte befriedigt. Sein zugleich nervöses und glückliches Lächeln verriet neben Erleichterung fast Ungläubigkeit. »Treiben Sie die Anwälte zusammen«, sagte er schließlich.
Nach der beinahe fünftägigen Beratung der Jury hatte Richter Harrison sich schon fast mit seinem schlimmsten Albtraum abgefunden - der Möglichkeit, dass die Geschworenen zu keiner Einigung gelangen würden. Ein erbitterter vierjähriger Rechtsstreit, gekrönt von einem nicht minder erbittert geführten, vier Monate währenden Prozess - die bloße Möglichkeit eines resultatlosen Endes machte ihn krank. Er durfte nicht daran denken, dass eventuell alles von vorn begann.
Nachdem er in seine abgetragenen, billigen Slipper geschlüpft war, sprang er mit einem spitzbübischen Lächeln auf und griff nach seiner Robe. Das langwierigste Verfahren einer abwechslungsreichen Laufbahn war endlich überstanden.
Zuerst rief Uncle Joes Gehilfe in der ortsansässigen Kanzlei Payton & Payton an, die von dem gleichnamigen Ehepaar geführt wurde und mittlerweile in einem ehemaligen Ramschladen in einem heruntergekommenen Viertel der Stadt residierte. Ein Mitarbeiter nahm ab, lauschte ein paar Sekunden, legte auf und rief: »Die Jury hat ihr Urteil gefällt!« Seine Stimme hallte durch die kleinen, provisorisch eingerichteten Büros, und seine Kollegen sprangen auf.
Er verkündete die Neuigkeit ein weiteres Mal, während er zu dem Raum rannte, den alle das »Loch« nannten. Die anderen Mitarbeiter versammelten sich hektisch, Wes Payton war schon da. Als seine Frau Mary Grace herbeigeeilt kam, trafen sich ihre Blicke, in denen Angst und Verwirrung lagen, für einen Sekundenbruchteil. An dem langen, mit Unterlagen übersäten Tisch saßen zwei juristische Hilfskräfte, zwei Sekretärinnen und eine Buchhalterin, die erstarrten und sich gegenseitig anblickten. Alle warteten darauf, dass jemand etwas sagte.
Konnte es wirklich vorbei sein? So plötzlich, nachdem sie eine Ewigkeit gewartet hatten? So abrupt? Nur durch einen Anruf?
»Wie wär's mit einem stillen Stoßgebet?«, fragte Wes, und sie fassten sich an den Händen und beteten wie nie zuvor in ihrem Leben. Alle möglichen Bitten wurden zum Himmel hinaufgeschickt, doch in erster Linie wurde der Allmächtige angefleht, ihnen den Sieg zu gewähren. Bitte, bitte, lieber Gott, gewähre uns den Sieg von deinen Gnaden nach all diesen Mühen, der Angst und den Zweifeln, den Kosten und dem Zeitaufwand. Erspare uns die Demütigung, den Untergang, die Insolvenz und all die anderen Übel, die ein ungünstiges Urteil mit sich bringen würde ...
Der zweite Anruf von Uncle Joes Gehilfen ging an Jared Kurtin, seines Zeichens Architekt der Verteidigungsstrategie. Mr Kurtin hatte es sich auf einem Ledersofa bequem gemacht, in einem vorübergehend angemieteten Büro an der Front Street im Zentrum von Hattiesburg, drei Straßenecken vom Gerichtsgebäude entfernt. In eine Biografie vertieft, ließ er die Zeit verstreichen - bei einem Stundenhonorar von siebenhundertfünfzig Dollar. Er lauschte gelassen, klappte sein Mobiltelefon zu und sagte: »Auf geht's. Die Jury ist so weit.« Seine Fußsoldaten, sämtlich in dunklen Anzügen, standen stramm und bereiteten sich darauf vor, ihrem Boss auf seinem Weg zu einem weiteren triumphalen Sieg Geleitschutz zu geben.
Niemand sprach ein Wort, sandte ein stilles Stoßgebet gen Himmel.
Anschließend wurden andere Anwälte angerufen, dann die Journalisten, und innerhalb von Minuten hatte sich die Neuigkeit wie ein Lauffeuer auf den Straßen verbreitet.
In einem der obersten Stockwerke eines Hochhauses in Lower Manhattan platzte ein von Panik gepackter junger Mann in eine wichtige Besprechung und flüsterte Mr Carl Trudeau die Neuigkeit ins Ohr. Der verlor umgehend jedes Interesse an dem gerade erörterten Thema, stand abrupt auf und sagte: »Sieht so aus, als hätte die Jury ihr Urteil gefällt.« Damit verließ er den Raum. Er marschierte durch den Flur zu einem geräumigen Eckbüro mit mehreren angrenzenden Räumen, legte sein Sakko ab, lockerte die Krawatte, trat ans Fenster und starrte in die Dämmerung, die sich in der Ferne über den Hudson senkte. Während er wartete, fragte er sich nicht zum ersten Mal, wie es sein konnte, dass das Schicksal eines Großteils seines Geschäftsimperiums vom Urteil von zwölf Durchschnittsexistenzen aus dem hintersten Winkel von Mississippi abhing.
Bei einem Mann, der so viel wusste, war es erstaunlich, dass er auf diese Frage noch keine Antwort gefunden hatte.
Als die Paytons in der Straße hinter dem Gerichtsgebäude parkten, wurde dieses bereits von allen Seiten gestürmt. Für einen Augenblick blieben sie noch im Auto sitzen, Hand in Hand. Vier Monate lang hatten sie sich bemüht, in der Nähe des Gerichts jede Berührung zu vermeiden. Irgendjemand sah einen immer. Etwa ein Richter oder Journalist. Es war wichtig, so professionell wie möglich zu agieren. Die Leute fanden es überraschend, dass ein Ehepaar gemeinsam eine Kanzlei führte, und die Paytons gaben sich alle Mühe, sich wie Anwaltskollegen und nicht wie Ehepartner zu verhalten.
Während des Prozesses hatten sich auch außerhalb des Gerichts kaum Gelegenheiten für Berührungen gefunden.