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Benvolio

Erzählungen. Nachw. v. Elmar Krekeler

buch
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Artikeldetails zu Benvolio

AutorHenry James

Untertitel Erzählungen. Nachw. v. Elmar Krekeler

Abbildungsvermerk 15,5 cm

  • ISBN-103-7175-2176-4
  • ISBN-139783717521761
  • Verlag Manesse Verlag
  • ÜbersetzerIngrid Rein
  • Einbandartgebunden
  • Seiten413
  • Veröffentlicht14.09.2009
  • GenreErzählungen
  • Gewicht207g
  • SpracheDeutsch

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Leseprobe aus Benvolio

Erinnern Sie sich noch, wie vor einem Dutzend Jahren die Nachricht vom Platzen der Verlobung des jungen Locksley mit Miss Leary eine Reihe unserer Freunde aufgeschreckt hat? Dieses Ereignis erregte damals einiges Aufsehen. Beide Parteien durften in gewisser Weise für sich beanspruchen, etwas Besonderes zu sein: Locksley seines Reichtums wegen, den man für enorm hielt, und die junge Dame ihrer Schönheit wegen, die wahrhaftig sehr groß war. Ich hörte des Öfteren, ihr Liebster vergleiche sie gern mit der Venus von Milo, und tatsächlich: Wenn Sie sich die verstümmelte Göttin im Vollbesitz ihrer Gliedmaßen vorstellen, herausgeputzt von Madame de Crinoline und unter dem Kronleuchter im Gesellschaftszimmer in belangloses Geplauder vertieft, mögen Sie eine ungefähre Vorstellung von Miss Josephine Leary bekommen. Locksley war, Sie erinnern sich, ein eher kleingewachsener Mann, dunkelhaarig und nicht besonders gutaussehend; und wenn er mit seiner Verlobten so umherspazierte, wunderte sich nahezu jeder darüber, dass er es gewagt hatte, einer jungen Dame von solch stattlichen Proportionen einen Antrag zu machen. Miss Leary hatte die grauen Augen und kastanienbraunen Haare, wie ich sie in meiner Vorstellung stets mit der berühmten Statue verbunden hatte. Die einzige Unzulänglichkeit, die ihre Züge trotz ihrer großen Offenheit und Anmut aufwiesen, war ein gewisser Mangel an Lebhaftigkeit. Was Locksley außer ihrer Schönheit noch angezogen hatte, fand ich nie heraus: In Anbetracht der Kurzlebigkeit seiner Zuneigung war es ja vielleicht wirklich nur ihre Schönheit gewesen. Ich sage, seine Zuneigung war von kurzer Dauer, da es hieß, die Auflösung der Verlobung sei von ihm ausgegangen. Sowohl er als auch Miss Leary hüllten sich in dieser Frage wohlweislich in Schweigen, doch ihre Freunde und Feinde hatten natürlich hundert Erklärungen parat. Am populärsten bei jenen, deren Wohlwollen Locksley gehörte, war die, dass er sich erst angesichts unübersehbarer Anzeichen für die - was? Unredlichkeit? der Dame, erst angesichts des unwiderlegbaren Beweises für das außerordentlich geldgierige Wesen Miss Learys zurückgezogen habe (derartige Ereignisse werden, wie Sie wissen, in vornehmen Kreisen ganz so diskutiert wie bei Zusammenkünften anderer Art ein mit Spannung erwarteter Preisboxkampf, der dann doch nicht stattfindet). Sie sehen, man traute unserem Freund durchaus zu, für eine "Idee" zu Felde zu ziehen. Zugegebenermaßen war dieser Vorwurf, der da gegen Miss Leary erhoben wurde, völlig neu, doch da Mrs Leary, die Mutter, eine Witwe mit vier Töchtern, mir seit langem als unverbesserlicher alter Geizhals bekannt war, war ich so frei, ihrer Erstgeborenen eine ähnliche Neigung zuzutrauen. Vermutlich vertrat die Familie der jungen Dame ihrerseits eine sehr überzeugende eigene Version des Ungemachs, das sie erlitten hatte. Sie wurde dafür jedoch schon recht bald durch Josephines Heirat mit einem Gentleman entschädigt, dessen Aussichten beinahe ebenso glänzend waren wie jene ihres alten Bräutigams. Und welche Entschädigung erhielt er? Genau davon handelt meine Geschichte.
Locksley verschwand, wie Sie sich erinnern werden, aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit. Die oben erwähnten Ereignisse fanden im März statt. Als ich ihn im April in seiner Wohnung aufsuchen wollte, sagte man mir, er habe sich "aufs Land" zurückgezogen. Doch Ende Mai traf ich ihn. Er erzählte mir, er sei auf der Suche nach einem ruhigen, nicht überlaufenen Ort am
Meer, wo er ein einfaches Leben führen und Skizzen anfertigen könne. Er sah sehr schlecht aus. Ich schlug Newport vor und erinnere mich noch daran, dass er kaum die Kraft hatte, über den kleinen Scherz zu lachen. Wir gingen auseinander, ohne dass ich ihm hatte weiterhelfen können, und danach verlor ich ihn für sehr lange Zeit gänzlich aus den Augen. Er starb vor sieben Jahren im Alter von fünfunddreißig. Fünf Jahre lang war es ihm also gelungen, sein Leben vor den Blicken der Menschen abzuschirmen. Durch Umstände, auf die ich hier nicht näher einzugehen brauche, gelangte ein großer Teil seiner persönlichen Besitztümer in meine Hände. Wie Sie sich erinnern werden, war er das, was man einen schöngeistigen Menschen nennt, das heißt, er interessierte sich ernsthaft für Kunst und Literatur. Er schrieb einige sehr schlechte Gedichte, schuf aber eine Reihe bemerkenswerter Gemälde. Er hinterließ eine Menge Aufzeichnungen zu allen möglichen Themen, von denen nur wenige von allgemeinem Interesse sind. Einen Teil davon schätze ich allerdings sehr - jenen nämlich, der sein privates Tagebuch ausmacht. Es umfasst den Zeitraum zwischen seinem fünfundzwanzigsten und seinem dreißigsten Lebensjahr, in dem die Aufzeichnungen dann plötzlich abbrechen. Wenn Sie mich zu Hause aufsuchen, werde ich Ihnen die Skizzen und Gemälde zeigen, die sich in meinem Besitz befinden, und Sie, wie ich zuversichtlich glaube, zu meiner Überzeugung bekehren, dass er das Zeug zu einem großen Maler hatte. Unterdessen will ich Ihnen die letzten hundert Seiten seines Tagebuchs vorlegen, als Antwort auf Ihre Frage, wie die mächtige Nemesis sein Verhalten Miss Leary gegenüber, seine Verschmähung der erhabenen Venus Victrix, abschließend beurteilte. Das noch nicht lange zurückliegende Ableben der Person, die bei der Verfügung über Locksleys persönliche Habe mehr zu sagen hatte als ich, versetzt mich in die Lage, agieren zu können, ohne mir Zurückhaltung auferlegen zu müssen.
Cragthorpe, 9. Juni. - Die Feder in der Hand, saß ich einige Minuten lang da und überlegte, ob ich auf diesem neuen Boden, unter diesem neuen Himmel diese sporadischen Berichte über meinen Müßiggang fortführen sollte. Ich denke, ich werde den Versuch auf jeden Fall wagen. Und wenn's misslänge, so misslingt' s, wie Lady Macbeth bemerkt. Ich stelle fest, meine Einträge sind dann am längsten, wenn mein Leben am langweiligsten ist. Deshalb hege ich keinen Zweifel, dass ich, einmal in die Eintönigkeit des dörflichen Lebens eingetaucht, von morgens bis abends dasitzen und vor mich hin kritzeln werde. Wenn nichts geschieht... Doch meine prophetische Seele sagt mir, dass etwas geschehen wird. Ich bin fest entschlossen, dafür zu sorgen, dass etwas geschieht - und wenn es nichts anderes ist, als dass ich ein Bild male.
Als ich vor einer halben Stunde heraufkam, um zu Bett zu gehen, war ich todmüde. Jetzt, nachdem ich ein Weilchen aus dem Fenster gesehen habe, ist mein Verstand hellwach und klar, und ich habe das Gefühl, ich könnte bis zum Morgen schreiben. Aber leider habe ich nichts, worüber ich schreiben könnte.

Rezensionen der Redaktion zu Benvolio

"Seine Bücher stehen in meinem Regal an einer Stelle, deren leichte Erreichbarkeit von häufiger Kommunion kündet." (Joseph Conrad)

Kurzbeschreibung zu Benvolio

Zum ersten Mal auf Deutsch: Frühe Erzählungen von Henry James


Im Komponieren schicksalhafter Zufallsbegegnungen und märchenhafter Wendungen ist Henry James unerreicht. Mit sprachlicher wie psychologischer Raffinesse macht er das Unwahrscheinliche plausibel und öffnet den Blick auf die Abgründe menschlicher Beziehungen. Die hier erstmals ins Deutsche übersetzten fünf Geschichten unterstreichen seinen Rang als einer der bedeutendsten amerikanischen Autoren an der Wende zur Moderne.


Frei von materiellen Sorgen und ohne eine wirkliche Aufgabe loten James' Helden ihre Bestimmung vornehmlich auf Reisen aus: auf dem Weg von der Neuen in die Alte Welt, von der Stadt aufs Land. So flieht der kunstsinnige Mr. Locksley nach einer Trennung aus der von gesellschaftlichen Pflichten regierten Metropole New York in die ländliche Idylle Neuenglands. Die Liebe zu einer unschuldigen Fischertochter bahnt sich an. Doch nichts ist, wie es zunächst scheint.


Trug oder Wirklichkeit? Drama oder Lustspiel? Trotz großer realistischer Genauigkeit gelingt es Henry James, die Gefühle seiner Helden und den Ausgang der Handlung in der Schwebe zu halten. In den hier ausgewählten Kabinettstücken, die zwischen 1866 und 1884 entstanden, treibt er gewohnt virtuos sein Spiel mit Ahnung und Zweifel der Leser.


Autorenportrait zu Benvolio

Henry James (1843-1916), in New York City geborener Sohn aus wohlhabender Familie, genoss eine kosmopolitische Erziehung. Er studierte Jura in Harvard und ging 1875 als Korrespondent nach Paris, wo er Bekanntschaft mit Flaubert und Turgenev schloss. Später zog er nach England und wurde 1915 unter dem Eindruck des Weltkrieges britischer Staatsbürger. Er schrieb zwanzig Romane, Theaterstücke, Reiseberichte, Essays und über hundert Erzählungen, die ihm zu Lebzeiten Ruhm und Anerkennung eintrugen. Die Begegnung von Amerikanern mit Europa war Henry James' Lebensthema. Mit seiner scharfen Beobachtungsgabe und seinen kunstvollen Bewusstseinsschilderungen gilt er als Meister des psychologischen Romans.

Portrait

Henry James:
Henry James (1843 - 1916), in New York City geborener Sohn aus wohlhabender Familie, genoss eine kosmopolitische Erziehung. Er studierte Jura in Harvard und ging 1875 als Korrespondent nach Paris, wo er Bekanntschaft mit Flaubert und Turgenev schloss. Später zog er nach England und wurde 1915 unter dem Eindruck des Weltkrieges britischer Staatsbürger. Er schrieb zwanzig Romane, Theaterstücke, Reiseberichte, Essays und über hundert Erzählungen, die ihm zu Lebzeiten Ruhm und Anerkennung eintrugen. Die Begegnung von Amerikanern mit Europa war Henry James' Lebensthema. Mit seiner scharfen Beobachtungsgabe und seinen kunstvollen Bewusstseinsschilderungen gilt er als Meister des psychologischen Romans.
Ingrid Rein:
Ingrid Rein, Anglistin und Germanistin, ist seit über 25 Jahren freiberuflich als literarische Übersetzerin tätig. Ihr Schwerpunkt liegt dabei auf Werken aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert.
Elmar Krekeler:
Elmar Krekeler, 1963 in Essen geboren, schreibt seit 1989 für die Zeitung DIE WELT, zunächst als Musik-, dann als Buchredakteur. Er war schließlich einer der Initiatoren der "Literarischen WELT", deren Verantwortlicher Redakteur er heute ist. 2004 wurde er mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik ausgezeichnet.

Autorenportrait

Henry James (1843-1916), in New York City geborener Sohn aus wohlhabender Familie, genoss eine kosmopolitische Erziehung. Er studierte Jura in Harvard und ging 1875 als Korrespondent nach Paris, wo er Bekanntschaft mit Flaubert und Turgenev schloss. Später zog er nach England und wurde 1915 unter dem Eindruck des Weltkrieges britischer Staatsbürger. Er schrieb zwanzig Romane, Theaterstücke, Reiseberichte, Essays und über hundert Erzählungen, die ihm zu Lebzeiten Ruhm und Anerkennung eintrugen. Die Begegnung von Amerikanern mit Europa war Henry James' Lebensthema. Mit seiner scharfen Beobachtungsgabe und seinen kunstvollen Bewusstseinsschilderungen gilt er als Meister des psychologischen Romans.

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50

28.12.2009

„James, Benvolio”

von einer Kundin oder einem Kunden Top-100 Rezensent Top 100 Rezensent
Perfekt! Makellos! Ich bewundere Henry James und seine Art des Erzählens. Manesse bin ich sehr dankbar für diese Erstübersetzung! Beim Lesen empfinde ich sowohl Freude, Entzücken, wie auch leichten Grusel und Entsetzen! Es sind kleine geschliffene Diamanten, diese Geschichten!

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