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319

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30

03.10.2012

„Gefallenes Mädchen”


Della wächst in einer Gaunerfamilie auf. Jeder, der älter als sechs Jahre ist, wird in die Regeln eingeführt und trägt von da an zum Familieneinkommen bei. Im Laufe der Zeit sind die Betrügereien immer ausgefeilter geworden, bis hin zur Wirtschaftskriminalität.

Della steht vor ihrem persönlich größten Deal. Die ganze Familie muss mithelfen, um ihn umsetzen zu können. In den verschiedensten Rollen treten sie auf und zeigen, wie viel Einfallsreichtum es doch braucht, um an das Geld anderer Leute zu kommen. Ihr Opfer ist Daniel Metcalf, ein reicher Erbe, Gründer einer Stiftung für durchaus auch ausgefallene Studiengebiete. Es geht um 25.000 australische Dollar. Es geht um einen tasmanischen Tiger, der eigentlich schon längst ausgestorben ist. Es geht um Coups, die schiefgehen können und Betrügereien, die nicht immer glatt laufen.

Die Autorin spielt mit dem Gerechtigkeitssinn und dem Gefühl für Ehrbarkeit. Ist es denn wirklich so schlimm, im Sinne von Robin Hood das Geld umzuverteilen? Nimm den Reichen und gib den unsrigen, ist eine der Regeln in Dellas Vaterhaus. Aus Sicht von Della und ihrer Familie fühlt sich das genau richtig an. Wenn man keinen anderen Beruf gelernt hat, ist genau dieses Leben das einzig Richtige. Doch was ist mit der Moral dahinter? Und darf auch der „innere Kern“ mal zweifeln?

Jordan gelingt eine einfühlsame Familiengeschichte, die anders ist als andere, die auf besondere Weise am Rande der Gesellschaft stehen, immer am Rande des Gesetzes. Doch auf eigentümliche Art nimmt man die Moralvorstellungen der Familie zeitweise an. Sind es schließlich nicht jede Menge Arbeitsstunden an Recherche und Tüftelei, die in die großen Coups investiert werden? Kaum wundersam, dass ein profitorientiertes Familienunternehmen dabei auch Gewinn machen möchte. Trotzdem bleibt ebenso auch ein fader Beigeschmack. Denn was sind es wirklich, diese schönsten Dinge des Lebens?

Ein gut lesbarer Roman voller ungewohnter Innen- und Außenansichten, der bestens geeignet ist für verregnete Nachmittage auf der Couch. Für Leserinnen, die sich überraschen lassen wollen, ohne dabei auf die Liebe zu verzichten.

40

03.10.2012

„LoL”

Wie weit muss man sich voneinander entfernen, um sich zu finden? Und was hat Luther damit zu tun?

Die Delpes sind eigentlich eine ganz normale britische Familie – Sohn Jeff, Vater Jim und Mutter Renata; wenn da nicht der tote Bruder und Sohn Donald wäre. Es ist nun über ein Jahr her, das er gestorben ist, und trotzdem nimmt er noch immer einen festen Platz im Alltag der Delpes ein. Jeff schreibt ihm SMS, seine Mutter spricht mit ihm und der Vater versteht all das nicht. Renata und Jim haben sich nicht mehr viel zu sagen, Renata ist vollauf mit ihrer Depression beschäftigt. Jim versucht zurück in das „normale Leben“ finden und seinen Job als Anwalt auszufüllen. Jeff zieht sich mehr und mehr zurück und „lebt“ fortan fast nur noch in seiner Onlinewelt.

Es dauert nicht lange, bis all die bröckelnde Fassade bricht. Jeff verschwindet von zu Hause – spurlos. Jim flüchtet vor der Arbeit aufs Land, wo er für die Familie ein Cottage gekauft hat, das er dringend renovieren will und Renata sucht Trost bei Gott in einem Internetchat. Doch was als das ultimative Ende der Familie wirkt, kann ein neuer Anfang sein. Liegen nicht Zukunft und Vergangenheit gleichermaßen im Internet?

McCarten gelingt ein Familiendrama, das seinen vermeintlichen Höhepunkt bereits in dem (überstandenen) Verlust von Donald Delpe gefunden hatte. Und doch gibt es noch so viel mehr, das zu verarbeiten gilt. Trauer ist ein langwieriger und vielschichtiger Prozess, der für jeden Menschen anders verläuft. So auch für die restlichen Delpes.

Der Autor nimmt den Leser mit auf eine Reise, die Online- und Offline-Leben miteinander verbindet, Realität und Cyberspace zusammenführt, wo es eigentlich keine Gemeinsamkeiten gibt. Tiefer und tiefer dringt man zusammen mit Vater Jim in eine Welt von Macht und Despotismus, die einen nicht zur Ruhe kommen lässt.

Aufregend gestaltet sich vor allem die Suche nach dem verlorenen zweiten Sohn, aber auch dem schier unaufhaltsamen Bruch zwischen Vater und Mutter, bis man nahezu atemlos auf den letzten Seiten angelangt ist.

Ich konnte dieses Buch nicht zur Seite legen. Obwohl ich den ersten Teil der Geschichte „Superhero“ nicht gelesen habe, bin ich außergewöhnlich gut unterhalten worden. Donald wird auch in dieser Fortsetzung lebhaft und sympathisch erinnert, so dass mir nichts gefehlt hat, ich aber auf jeden Fall nun auch noch die ganze Vorgeschichte kennenlernen will.

Sehr gute Unterhaltung für Leserinnen und Leser gleichermaßen, die eine ungewöhnliche, spannende Familienstory mit Tiefgang lesen wollen, oder den ersten Teil schon kennen.

30

26.07.2012

„Süden ist, wo Dein Herz ist”

Jan Bechstein verkauft Konzertflügel, die längst nicht halten, was sein Name verspricht. Er hat eine Freundin, die mehr will als nur eine gemeinsame Eigentumswohnung, eine sechzehnjährige Tochter, die nicht viel von ihm hält, eine Ex-Frau, die noch viel weniger von ihm hält und die wieder heiraten möchte. Und nicht nur, dass sie sich dazu einen pathologischen Langweiler ausgesucht hat, die Hochzeit soll zu allem Überfluss auch noch in derselben Kirche stattfinden, in der schon sie beide geheiratet haben.

Was Sergeja, Waldhornbläserin, an diesem kleinkarierten Besitzer einer Jugendstilvilla in Karlsruhe findet, kann sich Jan selbst nach großzügigem Alkoholkonsum nicht erklären. Viel weniger ist ihm aber klar, wie er damals, vor fünfzehn Jahren auf die Idee kam, seine Traumfrau Sergeja zu verlassen. Nun bekommt er noch genau eine Chance, diese Hochzeit zu verhindern. Er muss sich mit seiner Tochter zusammenraufen und verspricht ihr einen Urlaub der Extraklasse. Denn heißt es nicht, das Herz einer Mutter erobere man über ihre Kinder?

Der Urlaub kommt, die Frauen auch, doch alles andere verläuft anders als geplant. Jan lernt: Sechzehnjährige Teenager sind nicht weniger schwierig als eifersüchtige Lebensgefährtinnen, bei denen die biologische Uhr tickt, oder wohlhabende, Spitze rauchende Damen mit Anlehnungsbedürfnis. Auch testosterongesteuerte Italo-Surflehrer entspannen die Situation nur wenig.

Zugegeben, der Anfang verläuft recht schleppend. Aber wenn man das erste Viertel hinter sich gebracht hat, wird man fürs Durchhalten belohnt. Die Handlung nimmt an Fahrt auf und das Ende ist alles andere als vorhersehbar. Dabei wird man auch noch gut unterhalten, ohne in Belanglosigkeiten abzudriften. Alles in allem ein intelligentes Sommerchaos und empfehlenswerte Lektüre für Leserinnen und Leser.

buch

Sie und Er

Andrea DeCarlo

CHF 38.90
auf Merkliste

40

26.07.2012

„Literarische Sommerliebe für Sie und Ihn”

SIE ist Clare, Amerikanerin, genannt Chiara, die als Telefonistin einer Versicherung ihren kleinen Lebensunterhalt verdient und sich mit einer Bekannten eine winzige Wohnung in Mailand teilt. Sie ist liiert mit Stefano, einem langweiligen Rechtsanwalt, vorhersehbar agierend, Sohn einer alteingesessenen Familie mit herrischer Mutter, der darauf achtet, sich nicht zu weit von seinen langjährigen Freunden zu entfernen.

ER ist Daniel Deserti, Schriftsteller, der mehr als nur ein Alkoholproblem hat, in einer Schaffenskrise steckt, von der ihn selbst zahlreiche Liebesaffären nicht ablenken können, sondern ihn umso mehr langweilen.

Beide treffen sich erstmalig in der Peripherie von Mailand an einer Ampelkreuzung, weil Deserti – durch reichlich Alkohol benebelt – einen Auffahrunfall mit dem Wagen des Rechtsanwaltes produziert. Clare fühlt sich verpflichtet zu helfen, während Stefano sich nur um seinen Wagen sorgt, Daniel verguckt sich augenblicklich in die schwierige Amerikanerin.

Doch ihre Wege führen nur sporadisch wieder zusammen, beide haben andere Sorgen, als die wechselseitigen Gefühle zueinander. Eine Art Hassliebe bahnt sich an. Die Literatur lässt Deserti nicht los, Stefano verplant Chiaras Leben – ohne ihre Zustimmung einzuholen.

Glücklich sind beide nicht, aber vielleicht sind auch einfach ihre Ansprüche zu hoch? Denn was ist Glück in der Liebe überhaupt? Was macht Liebe aus? Beständigkeit? Verlässlichkeit? Abenteuer? Leidenschaft?

Der Autor nimmt die Leser mit auf eine wilde Gefühlsachterbahn voll Anziehung und Abstoßung. Es geht um die Liebe und Zuneigung, um um die richtigen Augenblicke und verpasste Momente, um Gelegenheiten, die verstreichen und ergriffen werden, um Wahrheit und Authentizität. „Sie und Er“ ist ein Roman für Leserinnen und Leser, die sich einlassen wollen auf das Abenteuer der unmöglichen Liebe, die einen Sommerroman mit Höhenflügen suchen. Sie werden wunderbare Unterhaltung mit Tiefgang finden.

40

25.07.2012

„Sonne, Strand und Sommerfrauen”

Sie wollen ans Meer, planen Urlaub im eigenen Garten oder auf Balkonien? Egal, ob Sie
alleine sind, oder mit Freunden ihre Zeit verbringen, lackieren Sie sich dich Fußnägel
limettengrün und packen Sie dieses Buch mit ein!!! Das ist MEINE Sommerempfehlung für
unbeschwerte Lesestunden.
Ich habe mich wunderbar unterhalten lassen von den drei Freundinnen Ellis, Julia und
Dorie, die gemeinsam einen Sommer am Meer verbringen, der ganz anders verläuft, als
auch nur eine von ihnen gedacht hat.
Die drei kennen sich schon ewig, aber wie gut kennen sie sich wirklich? Sie führen völlig
unterschiedliche Leben, zum Teil auf verschiedenen Kontinenten und beschließen, sich
nicht immer nur auf Beerdigungen zu treffen. Deshalb der Sommer am mehr. Doch jede
von ihnen hat mehr als nur unbeschwerte Urlaubslaune im Gepäck. Und diese
Geheimnisse lasten unterschiedlich schwer. Wie gelingt es ihnen dennoch, die
Ferienwochen zu genießen? Schaffen sie es, ihre Probleme zu „vertagen“, oder braucht
es „Sofortlösungen“? Und was hat es mit Madison auf sich, die plötzlich auftaucht und bis
zum Ende der Ferien bleibt? Was macht Liebe aus, und wie findet man eigentlich Glück,
oder auch einfach nur das Leben, das zu einem passt?
Der Autorin gelingt eine lockere Sommerlektüre mit viel Witz, einigen Klischees und einer
manchmal zwar vorhersehbaren Handlung, die aber dennoch zum Weiterlesen einlädt,
weil man nur ungern von diesem dauerhaften Feriengefühl lassen will.
Beste Unterhaltung für jede Leserin, die leichte Lektüre sucht, die vom Alltag ablenkt, mit
glitzerndem Meer im Hintergrund und jeder Menge Leben.

40

25.07.2012

„"Eine Provokation."”

Das ist es, was nach Meinung der Zeitgenossen des großen Michelangelo Buonarroti das
Gewölbe der Sistina abbildet. Was ist es, was daran so stört? Und warum will
Michelangelo provozieren?
Erzählt wird aus der Sicht des jungen Aurelio, der mit dem Wunsch nach Rom kommt
Bildhauer zu werden, wie sein großes Vorbild Michelangelo. Auch wenn er einsehen muss,
dass er für das Kunsthandwerk nicht geschaffen ist, gelingt es ihm, in Michelangelos
Werkstatt unterzukommen und als sein Gehilfe angestellt zu werden.
Durch die enge Zusammenarbeit mit Michelangelo begegnet er – unerlaubt – der
Kurtisane des Papstes, einer persona non grata, die es offiziell nicht gibt und deshalb
ganz besonders den Menschen in ihrem Umfeld zum Verhängnis wird. Unglücklicherweise
verliebt sich Aurelio unversehens in sie, was niemand entdecken darf, am wenigsten die
Kurtisane selbst. Nun brennen gleich zwei gefährliche Leidenschaften in ihm: die zu
seinem Lehrmeister und die zu der „verbotenen Frau“. Welche wird den Sieg
davontragen?
Morell ist es gelungen, ein glaubwürdiges Sittengemälde des damaligen Rom zu zeichnen
und den MENSCHEN Michelangelo Buonarroti in den Mittelpunkt seines Romans zu
stellen – jenseits des Künstlers. Ein Mensch, der sich durch seine Lebensweise anfechtbar
gemacht hat und trotz seiner Liebe zur Bildhauerei ein unvergleichliches Kunstwerk in der
Malerei geschaffen hat. Ich habe mich über gut 550 Seiten hinweg bestens unterhalten
gefühlt, ohne dass Langeweile aufgekommen wäre.
Gewagt ist nicht nur das Projekt „Sixtinische Kapelle“, sondern auch das Projekt, an das
sich Morell gesetzt hat. Es mussten Jahre vergehen, ehe aus Konzept und Entwurf ein
rundum gelungener Roman entstand – rechtzeitig zum 500. Jubiläum der Deckenfresken
der Sixtina im November 2012. Sehr schön ist nebenbei auch die Aufmachung des
Buches. Die Innenseiten des Schutzumschlages bieten eine detailgetreue Abbildung des
Freskos, so dass man nicht erst Kunstlexika oder das Internet bemühen muss, um die
jeweiligen Bildabschnitte wahrhaft vor Augen zu haben. Schlichtweg empfehlenswert!

1 von 1 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

30

18.06.2012

„Nach Pondus kommt Mischa”


Mischa ist ein Königspinguin aus dem Kiewer Zoo, den Viktor adoptiert hat, nachdem ihn seine Freundin verlassen hat. Er lebt mit ihm zusammen in seiner Wohnung, serviert ihm regelmäßig tiefgefrorenen Fisch und lässt ihn in seiner Badewanne schwimmen. Kurzum: mit Mischa ist das Leben weniger leer und langweilig. Und obgleich man sich unweigerlich in diesen leicht depressiven Gesellen verlieben kann, ist Mischa nur eine Randfigur auf dem Skurrilitätenparkett von Kurkow.

Eigentlich geht es um Viktor, der gerne Romane schreiben würde, aber die Ausdauer dazu nicht hat, und so nur Kurzgeschichten für die Schublade schreibt. Jedoch bekommt er bald das Angebot einer großen Zeitung als Nekrologe gutes Geld zu verdienen. Also schreibt er Nachrufe noch lebender Personen – zunächst jedoch wieder nur für die Kartei, da seine ausgewählten VIPs einfach nicht sterben wollen.

Das Blatt wendet sich doch nach einigen Tagen, als er einem Freund davon erzählt, wie gerne er seine Texte in der Zeitung gedruckt sähe. Kaum ist der Alkohol der Nacht ausgenüchtert, stirbt das erste „Kreuzchen“ seiner Kartei und die Schwierigkeiten fangen nun erst richtig an. Denn natürlich bleibt es nicht bei der einen Leiche. Und nach und nach werden die Kreise um ihn herum immer enger und die Hände der Mafia greifen auch nach ihm.

Wie es Viktor gelingt trotzdem sein Leben im Kleinen aufrechtzuerhalten, inklusive seiner neuen Mitbewohner Nina und Sonja beschreibt Kurkow auf sehr skurrile Art und Weise.


Um es gleich vorweg zu nehmen: ich lese ungern Bücher mit offenem Ende! Trotzdem ist es Kurkow gelungen, mich auf knapp 300 Seiten gut und intelligent zu unterhalten. Sein schwarzer Humor, der manchmal wirklich böse ist, beschreibt ein Russland, das es vermutlich in ähnlicher Form gegeben hat – oder vielleicht sogar noch gibt. Ein Land, in dem man weiterkommt, wenn man richtig hart ist – oder alternativ wenigstens ausreichend harte Währung besitzt. Ein Land, in dem es normal ist, seinen Besitz mit Landminen zu sichern, und Zootiere zu adoptieren, weil die Stadt Pleite ist und sie nicht mehr ernähren kann. Ein Land, in dem Frauen und Väter, manchmal auch Freunde verschwinden und (neue) Familienidylle auftaucht, wo man sie am wenigsten erwartet. Und wenn all das zu eng, zu brutal, zu verwirrend wird, hilft immer noch ein Gläschen Wodka.

40

21.05.2012

„WIE wir altern ist das letzte große Abenteuer unseres Lebens”

Theas Mutter hatte ihre ganz eigene Art dieses Abenteuer zu bestehen. Die wenig bekannte Schauspielerin aus Leidenschaft, die immer schon gerne die Diva gespielt hat, kommt erst im Alter durch eine TV-Rolle zu bescheidener Berühmtheit. Mit über 90 Jahren stirbt sie schließlich und hinterlässt ihrer Tochter Thea – selbst schon fast 70 Jahre alt – nicht nur eine Wohnung, die entrümpelt und renoviert werden muss, sondern auch noch ganz besondere Familiengeheimnisse.

Eher zufällig entdeckt Thea, dass das Leben ihrer Mutter oft weit mehr Fassade und Schauspiel war, als sie bislang gedacht hatte. Doch sie lässt sich auf den Prozess des Abschieds und der Enthüllungen ein und findet so, selbst längst im Seniorenalter, allmählich auch zu sich selbst.

Schenk gelingt eine lockere, kurzweilige Unterhaltung, die Leserinnen von Châtelet, oder auch Peetz sicher gefallen wird. Auch wenn große Spannungsmomente ausbleiben, wird man auf gut 200 Seiten sprachlich gelungen unterhalten und findet sicherlich so manche Idee, die nachhallt.

40

21.05.2012

„WIE wir altern ist das letzte große Abenteuer unseres Lebens”

Theas Mutter hatte ihre ganz eigene Art dieses Abenteuer zu bestehen. Die wenig bekannte Schauspielerin aus Leidenschaft, die immer schon gerne die Diva gespielt hat, kommt erst im Alter durch eine TV-Rolle zu bescheidener Berühmtheit. Mit über 90 Jahren stirbt sie schließlich und hinterlässt ihrer Tochter Thea – selbst schon fast 70 Jahre alt – nicht nur eine Wohnung, die entrümpelt und renoviert werden muss, sondern auch noch ganz besondere Familiengeheimnisse.

Eher zufällig entdeckt Thea, dass das Leben ihrer Mutter oft weit mehr Fassade und Schauspiel war, als sie bislang gedacht hatte. Doch sie lässt sich auf den Prozess des Abschieds und der Enthüllungen ein und findet so, selbst längst im Seniorenalter, allmählich auch zu sich selbst.

Schenk gelingt eine lockere, kurzweilige Unterhaltung, die Leserinnen von Châtelet, oder auch Peetz sicher gefallen wird. Auch wenn große Spannungsmomente ausbleiben, wird man auf gut 200 Seiten sprachlich gelungen unterhalten und findet sicherlich so manche Idee, die nachhallt.

40

21.05.2012

„Manchmal befreit das Laufen die Vergangenheit”

Und manchmal verändert ein leiser Brief ein ganzes Leben. Für Harold Fry, pensionierten Angestellten einer Brauerei, ist es der Brief einer ehemaligen Kollegin, die im Sterben liegt. Er will ihr – schreibend – antworten, merkt aber auf dem Weg zum Briefkasten, dass es damit nicht getan ist. Also beschließt er spontan, sich selbst zu Fuß zu ihr auf den Weg zu machen. Seine Hoffnung ist zunächst ihre Heilung, wenigstens aber wünscht er sich, dass Queenie Hennessy durchhält, bis er bei ihr angekommen ist.

Er begibt sich in Segelschuhen, ohne geeignete Ausrüstung, ohne Straßenkarte, ohne Handy und nur mit wenig Geld auf eine Reise von rund 1.000 Kilometern quer durch England. Oftmals schafft er es kaum sich zu motivieren durchzuhalten und doch kommt er irgendwann nach langen 87 Tagen und manchem Umweg an seinem Ziel an. Während dieser Reise ist er selten wirklich alleine. Wenn ihn nicht tatsächlich Menschen begleiten, die von seinem Vorhaben gehört haben, so ist seine Erinnerung ein steter Begleiter, der ihn nicht immer nur auf sonnigen Pfaden durch die Meilen führt.

Harold hadert mit sich; mit seiner Rolle als Sohn, als Freund von Quennie Hennessy, mit seiner Rolle als Vater für seinen Sohn David und als Ehemann seiner Frau Maureen. Er ist ständig auf der Suche, nach sich selbst, nach seinen Erinnerungen.

Der Fußmarsch von Kingsbridge in Südengland bis nach Berwick upon Tweed nahe der schottischen Grenze im Norden des Landes führt nicht nur Harold an seine Grenzen, auch die Menschen in seinem Umfeld verändern sich: seine Frau, sein Nachbar, das Mädchen von der Tankstelle – und all das nur, um einer todkranken Ex-Kollegin Lebewohl zu sagen.

Rachel Joyce hat gegen den Krebs geschrieben, der ihrem Vater das Leben genommen hat. Sie hat aber auch gegen das Vergessen geschrieben, und gegen das Schweigen, das das Leben häufig schwerer macht, als es ohnehin schon ist. Die Autorin hat vieles von dem einfließen lassen, was sie während des Schreibens belauscht und im Vorübergehen gesehen hat. Diese Mischung, verbunden mit Ihrem Talent für Sprache hat ihren ersten Roman zu einem unvergesslichen Leseerlebnis gemacht, das man auf keinen Fall verpassen sollte.

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