Spätestens mit der Veröffentlichung ihres zweiten Albums im Juli 2006 waren Razorlight endgültig in der obersten Liga angekommen: Sie hatten ganz Europa und die Staaten mit ihrem Sound auf den Kopf gestellt, unzählige neue Fans gewonnen, die Charts angeführt und überall vor ausverkauftem Haus gespielt. Im Zentrum dieses Strudels stand ein außerordentlich selbstbewusster Typ, den man eigentlich nur in weißen Jeans und T-Shirts kennt: Sänger und Gitarrist Johnny Borrell, für manche ein Popstar, für andere ein undurchschaubares Rock-Wunderkind.
Im Sommer 2008 entwickelten sich Johnny Borrell und Andy Burrows (Schlagzeug) zu einem immer besseren Songwriter-Team, während ihr Produzent Mike Crossey sich als ein dermaßen beeindruckender Studio-Tüftler entpuppte, dass er zwischenzeitlich schon wie ein "fünftes Bandmitglied" behandelt wurde. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist kaum in Worte zu fassen. Aber sagen wir so: "Slipway Fires" ist eine LP, die nur als Folge anderer, größerer Umwälzungen entstehen konnte; erst nachdem sich die Band anderen Herausforderungen gestellt hatte, nachdem sie durch irgendeine Art von Hölle gegangen waren, und nachdem sie Schmerzen in allen erdenklichen Formen gekostet hatten. Das mag etwas pathetisch klingen, aber anders kann man den Tiefgang von "Slipway Fires" nicht beschreiben.
"Wire To Wire" zum Beispiel, eine gespenstische Klavierballade, ist zugleich eine der bizarrsten und anmutigsten Radio-Singles aller Zeiten. Der episch angelegte Song "Stinger" funktioniert wie ein klanglicher Brandstifter, der es auf die Magengrube der Zuhörer abgesehen hat. In "Hostage Of Love" stecken deutlich mehr Pfeile als im heiligen Sebastian. Eleganter als im Fall von "60 Thompson" könnte Schmerz nicht vertont werden. Doch dann gibt es auch die Rock'n'roll-Peitschen von "Tabloid Lover", die bissigen Harmonien von "Burberry Blue Eyes" oder "North London Trash", in denen ihr kollektiver Hang zu astreinem Pop aufflackert, während Johnnys Texte zum Teil ganz schön brutal werden.