Nigeria ist bekannt als die Heimstatt des Afrobeats, jenes pumpend-schweißtreibenden Tanzes, den Fela Kutiund Nachfolger um die Welt getragen haben. Doch eine Tochter der Hauptstadt Lagos trifft uns dieser Tage mitganz anders gearteten Klängen, die wir nur als unerwartetes Wunder bezeichnen können. Der "kleine Falke" Asa(sprich: "aascha") hat ihn von Westafrika nach Paris hinübergetragen, um ihn nun der ganzen Welt zupräsentieren. Auf ihrem Debüt kreiert die junge Frau einen Sound, der uns an India.Arie und Erykah Baduerinnert, dabei mit seinem Engagement klar in der Tradition von Marley und Marvin steht. Und doch eine ganzeigene, starke Persönlichkeit reflektiert.Das Licht der Welt erblickt Asa in der Stadt des Lichts - doch da sie bereits mit zwei Jahren mit den Eltern nachNigeria übersiedelt, sind ihr keine Erinnerungen an Paris geblieben. Wenngleich die Seine-Metropole noch einebahnbrechende Bedeutung in ihrer Vita haben wird - dazu später mehr. Vorerst ist jedoch Lagos ihr Umfeld, einevibrierende, hochenergetische Megalopolis: Christentum und Islam existieren hier nebeneinander, afrikanischeTraditionen und die Werte des Westens, Armut und Wohlstand. In diesem kreativen Chaos wächst Asa alseinzige Schwester inmitten dreier Brüder heran - und inmitten der Plattensammlung ihres Daddys. Hier entdecktsie ihre ersten Heroen: Marvin Gaye, Fela Kuti und Bob Marley, Aretha Franklin und King Sunny Ade. Sie ist eineTagträumerin, flüchtet sich in ihre musikalische Welt, entdeckt sehr früh, dass ihre Bestimmung das Singen ist.Hürdenreich ist der Weg zur Verwirklichung ihrer Träume: Wenn von so vielen schwarzen Vokalistinnen gesagtwird, sie haben im Gospelfach begonnen, so trifft das auf Asa nicht zu. Kein Chor hat Interesse an ihrereigentümlichen, tiefen Stimme. Ein Licht am Horizont schenkt ihr die Mutter, die sie mit 12 auf eine der bestenMusikschulen des Landes schickt. Fünf Jahre lang beißt sich der Teenager durch die Ausbildung - und entwickelteine Vorliebe für die neuen Stars der Black Music: Erykah Badu, Lauryn Hill und Angélique Kidjo werden ihreneuen Orientierungsmarken. Als sie 18 wird, gelingt es ihr, durch Talentwettbewerbe im Radio auf sichaufmerksam zu machen, parallel dazu nimmt sie Gitarrenstunden. Produzenten werden hellhörig, wollen sie unterVertrag nehmen, doch für Asa - damals schon mit klaren Vorstellungen über ihren einzuschlagenden Pfad -stimmen die Bedingungen nicht.Erst als sie 2004 den blinden Musiker und Produzenten Cobhams Asuquo trifft, nehmen die Dinge Gestalt an.Asuquo ist einer der legendären Pultmeister des schwarzen Kontinents, wurde mit vielen Preisen von Nigeria bisSüdafrika dekoriert, unter anderem kürte man ihn bei den Nigerian Music Awards zum "Producer of the Decade".Mit ihm formt sie ihre musikalische Individualität: Songs auf Englisch und Yoruba entstehen, eine clevereVerklammerung von Pop und Soul, Klassik und Jazz. Und nun ist es wieder die Stadt der Lichter, die den letztenSchliff für diese Sprache geben soll: Asa kehrt dahin zurück, wo einst ihre Wiege stand, nach Paris. Dort schultsie sich in Kollaborationen mit Manu Dibango, Tony Allen und Les Nubians. Ihr Ruhm dringt zurück nach Afrika,wo ihre Komposition "Jailer" in die Radio-Rotation gelangt. MTV wählt sie als Botschafterin für Südafrika aus. Undschließlich steht die junge Frau als Opener für die erste Liga der Black Music auf den Brettern, für John Legend,Snoop Dogg und gar Beyoncé.Genau der richtige Zeitpunkt, um ihr Debütalbum in Angriff zu nehmen. Unter der Ägide von Cobhams Asuquoentstand ein bezwingendes Album, in dem sich das Beste aus vielen Disziplinen zu einer eleganten Klangspracheverknüpft, einprägsam, dabei trotzdem mit eckigen Twists und engagierten Zwischentönen. Asasaußergewöhnliche Stimme residiert im Zentrum, zuweilen mit luftig-leichter Ohrwurmbrise, mit souligem Vibrato inden inspirierten Phrasen, dann wieder mit feiner, widerborstiger Ironie.Das Setting offenbart viele Facetten: Einmal mit einem karibischen Reggae-Touch, dann leicht nostalgisch mitdezenter Funk-Orgel, schließlich mit angenehm fließender Textur dank Streichorchester. Und in den Reihen derprächtig eingespielten Studioband findet sich gar die unverwechselbare Flöte von Magic Malik. Die Lyrics sindnicht von Pappe: Da werden die Formen moderner Sklaverei angegangen oder eine von Ignoranz undGleichgültigkeit durchzogene Welt, dann erschallt eine rührende Ballade mit Widmung an die Friedenstaube undschließlich gar ein zärtliches Preislied für die Mutter. Ein derart natürliches, leichtfüßiges und doch stolzes undkraftgeladenes Debüt voller ‚Spirit' hat man in der Black Music in den letzten Jahren selten vernommen.