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Zitronenblau Top 100 Rezensent
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lese ab und zu mal ein Büchlein...

Zitronenblaus Rezensionen

30

07.04.2011

„Grenzbeschauungen eines Hoffenden”

Der Titel dieses Buches klingt voll des Anspruchs. Sprache und Geist. Was tut sich da auf? Das alte cartesische Problem des Dualismus. Chomsky resümiert die historische Debatte, negiert im gleichen Atemzug aber die naturalistische Erklärungsmethodik des Behaviorismus. So führt er seine Theorie einer Universalgrammatik ins Feld: "So muss eine Grammatik ein endliches System von Regeln enthalten, das unendlich viele und in geeigneter Weise aufeinander bezogene Tiefen- und Oberflächenstrukturen generiert. Sie muss weiterhin Regeln enthalten, die diese abstrakten Strukturen zu gewissen Laut- und Bedeutungsrepräsentationen in Beziehung setzen - Repräsentationen, die vermutlich aus Elementen bestehen, die in den Bereich einer universalen Phonetik bzw. Semantik fallen." Der grammatische Diskurs erschöpft sich in seitenlangen Exemplifizierungen zur theoretischen Verifizierung zur Identifikation der von grammatischen Transformationen von-zu (transformationelle Operationen). Am Ende geht es dem Intellektuellen um "eine Art Synthese von philosophischer Grammatik und struktureller Linguistik", wobei die Theorien Putnams und Goodmans kritisiert werden. Im Fazit seines Diskurses vor dem Hintergund des psycho-physischen Parallelismus (Äquivalent zu Dualismus?) scheint es ihm, "dass die Sprachwissenschaft eine zentrale Stelle in der allgemeinen Psychologie einnehmen sollte". Die Theorie von der Universalgrammatik Chomskys ist kontrovers. Der vorliegende Suhrkamp-Band kein Klassiker, sondern antiquiert. Für Chomsky-Epigonen und Historiker der Sprachphilosophie sicher interessant - inwieweit nützlich aber nun für Psychologen vermag ich an dieser Stelle nicht zu werten. Aber mit Verlaub, das Problem von Semantik-in-Syntax mag nicht allein psychologisch zu erklären sein. Jedoch in aller Anerkennung stieß Chomsky Steine ins Rollen. So verfügen wir heute über extrapolierte, über neuere Ansätze und Modelle wie der kognitiven Linguistik/Grammatik, die sich teilweise aus Chomskys Überlegungen speisen.

40

04.04.2011

„Warum Alkmene den Zeus als Amphitryon nicht "erfühlte"”

Ronald de Sousa darbietet mit vorliegendem Werk, das seine ästhetischen Nuancen im Lichte fachlicher Qualität nicht versteckt, eine sehr fundierte und partiell originäre Studie zum Thema: Die Objektivität und Rationalität von Gefühlen. Dass unsere Gefühle gehaltvoll sind und Bedeutungen haben dergestalt, dass wir durch sie über die innere Qualia hinaus in die materielle Welt eingreifen, ist unkontrovers. Schwieriger zu analysieren ist ihre Bedeutung hinsichtlich ihrer "Rationalität", z.B. im Sinne ihrer Gerichtetheit. Sousa grenzt Gefühle von den Stimmungen, die keine klaren intentionalen Objekte haben, ab: "Stimmungen können also nur lose mit dem Propositionen verbunden sein, durch welche sie ausgedrückt werden." Vor dem Hintergrund gängiger Gefühl-Theorien entwickelt er sein eigenes Modell (axiologische Hypothese), "dass man Gefühle [...] als eine Art der Wahrnehmung betrachtet, deren Objekte das sind, was ich axiologische Eigenschaften nenne." Gefühle beziehen sich demnach auf Werte in der Welt. Schlüsselszenen verursachen (meist in der Kindheit) diese ursprünglichen Bezüge (Idee des Passens, "dass Gefühle eine Semantik besitzen [...] anhand deren unser Gefühlsrepertoire erlernt und die formalen Objekte unserer Gefühle festgelegt werden"). "Gefühle sind also zweifellos geistig-psychischer Natur, sobald sie Repräsentationen einschließen." Damit extrapoliert er den nur reflexartig-kausalen Charakter von Gefühlen auf die Ebene kognitiven und vor allem intentionalen Gehalts. Interessant ist hierbei insbes. eine nicht nur motivationale sondern auch informative Funktion, die ihnen zukommt. Die formale Struktur eines echten Objekt habenden Gefühls formuliert de Sousa (beeindruckend) in seinem "Relationalen Schema", das u.a. den Gegenstand (in Bezug genommenes Einzelding, Fokuseigenschaft des Gegenstandes/motivationaler Aspekt) einschließt. Gefühle als Informationsträger aufzufassen, müsste aber Falsifizierungen standhalten, so verteidigt er seine Theorie gegen die Phänomenologie, die Projektion, die Relativität und die Perspektive. Zur Verifikation führt er sechs (Rationalitäts-)Prinzipien ins Feld: Erfolg, minimale Rationalität, Intentionalität (auch wenn die Möglichkeit unbewusster Intentionalität nicht augeschlossen wird), Herkunft, Beschränkungen sowie kognitive und strategische Rationalität. Spannend wird es bei der Neuen Biologischen Hypothese I, die Gefühle funktionell als Füller der Lücken betrachtet, die die (Wünsche +) reine Vernunft bei der Festlegung von Handlung und Überzeugung lässt (Nachahmung von Einkapselung von Wahrnehmungsmodi). In der NBH II wird die Funktion der Gefühle als festliegende Muster um solche der Dringlichkeit unter den Objekten der Aufmerksamkeit, den Richtungen des Fragens und der Schlussstrategien erweitert. Wunderbar gelingt ihm anhand der Begierde auch die Verarbeitung des Zeitlichen (er erfasst die tatsächlichen Objekte des Begehrens, d.h. Zustand, Aktivität und Vollzug und stellt diese Typen den zeitlichen Aspekten: ständig, punktuell, vollendet und häufig gegenüber). Ita fert natura rei - de Sousa widmet ein ganzes Kapitel dem bootstrapping (Mechanismus, der es Gefühle ermöglicht, "eigene" Objekte zu schaffen bis zur Selbsttäuschung). Ferner diskutiert er die Möglichkeit der Determination von Gefühlen durch die Gesellschaft. Er wendet sich dem Lachen zu und schließlich dem ethisch-normativen Gehalt seines axiologischen Modells, der kontrovers ist, weil 1. wieder Fragen des naturalistischen Fehlschlusses auftauchen, 2. Gefühle bekanntermaßen auch böse "sein" können. Jedoch, da stimmen wir de Sousa zu: "Wie die Sprache formt das Gefühl unsere Erfahrungsmöglichkeiten. Es tut das, indem es unsere formalen Regeln ergänzt, um Rationalitätsurteile möglich zu machen." - Klingt nach einer Kritik der emotionalen Vernunft.

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50

27.03.2011

„Die Dialektik einer voluntaristischen Handlungstheorie”

Münchs 'Theorie des Handelns' entlang der Rekonstruktion Parsons, Durkheims und Webers würde ich einen Klassiker der Soziologie nennen. Ich weise kurz darauf hin, dass die Theorieentwicklung vom kantianischen Ursprung einer Überwindung der idealistisch-positivistischen Dualität ausgeht und diese 'dialektisch' zu überwinden sucht.
Die Grundannahme der Theorie sei, 'dass jedes Handeln immer als Ergebnis einer bestimmten Art der Beziehung zwischen analytisch differenzierbaren Sphären (Subsystemen) zu begreifen ist.' Die Ordnung des (sozialen) Handelns wird durch ein voluntaristisches Prinzip (freiwillige Anerkennung gemeinsamer Werte) vorausgesetzt, obschon diese Werte in einer kollektiven Solidarität verankert sein müssen, die über zweckrationales Individualhandeln und einer Partikularsolidarität hinausgeht. Die Verknüpfung individueller Handlungsautonomie und sozialer Ordnung wird durch das Theorem der Interpenetration eines normativen Bezugsrahmens mit den dynamischen Sphären des Handelns möglich. Konstitutive Elemente sind Symbole (Kultursystem), soziale Rollen und Interaktion (Sozialsystem) und Bedürfnisdispositionen (Persönlichkeitssystem). Handlungsorientierungen lassen sich koordinieren durch das AGIL-Vierfunktionenschema: das zentrale Analyse-Instrument in der voluntaristschen Handlungstheorie (Conditio humana, Handlungssystem, Sozialsystem). Zudem wird die kybernetische Bedingungs-Steuerungs-Hierarchie übernommen; ein Mittel zur präzisen Bestimmung von Interpenetrationsarten zwischen einzelnen Subsystemen, koordiniert in den Dimensionen Symbolkomplexität und Handlungskontingenz. Die Werkzeuge dienen der Analyse der systemischen Differenzierungen (Condition humana, Gesellschaft, Handlung). Anklang findet ferner die Konflikttheorie, die Theorie der generalisierten Medien, die Evolutions- und die Schichtungstheorie als 'Anwendungsfälle der Theorie des Handelns',die Macht-, ökonomische, idealistische Kultur- und normative Theorie. Von Durkheim übernimmt Münch die Begriffe mechanische Solidarität und organische Solidarität. Die kollektive Solidarität wird in der Frage nach der Universalisierbarkeit und Institutionalisierung von Normen besprochen (soziale Ordnung). 'Ein gemeinsamer Symbolpool, eine gemeinsame normative Ordnung, eine gemeinsame Sanktionsbereitschaft sowie die konkrete Erwartungs-Handlungs-Abstimmung zwischen Ego und Alter [...] sind die Grundelemente [...].' Die Vergemeinschaftung ist neben den anderen Grundtypen der sozialen Beziehungen (Diskurs, Tausch und Herrschaft) der Typus, der 'den höchsten Grad an Geordnetheit der Relationen zwischen Symbolwelt und Handlungswelt aufweist.' Münch schenkt der Persönlichkeit (Sozialisation, Entwicklung) ex aequo Achtung (s. 'Kult des Individuums', 'zivile Religion'). Dies reicht hin zur Typologisierung der Integration und Desintegration von Individuum und Gesellschaft. Nach einer Analyse der marxschen Arbeitswerttheorie wird der Schlüssel zu den Strukturproblemen der modernen Gesellschaft in der Anatomie, den Eigengesetzlichkeiten und Wertantinomien des modernen okzidentalen Rationalismus geortet. Münch widmet sich den Handlungstypen Webers (zweck- und wertrational, affektuell, traditional) und bespricht die Beziehung zwischen religiöser Ethik und Welt. Sein Zugeständnis vor dem Hintergrund der Verständigung ist die Akzeptanz einer je schon vorausgesetzten Lebenswelt, ['] ein gewisses gemeinsames Vorverständnis nicht-thematisierter symbolischer Bedeutungen und spezieller Regeln' (kollektive Repräsentation). Das Verständigungsproblem, vor allem hinsichtlich der Sprache, wird von Münch kaum zur Geltung gebracht. Dies ist im Lichte der Gehlenschen These, dass Sprache die Institution der Institutionen sei, kaum verständlich. Münch bespricht das Sakrale und Profane (Kovergenz und Divergenz Durkheim - Weber) und die Verklammerung beider Phänomene durch Interpenetration: 'Erst dadurch kann eine voluntaristische Ordnung entstehen.' Der geprägte Terminus autonome Moral verankert das individual-autonome Handeln und das allgemeine Regel-Folgen als Prämissen des individuellen Handelns.

30

15.03.2011

„Von der Erkenntnis und dem Interesse”

Habermas' bekanntes Werk "Erkenntnis und Interesse" ist zweifelsohne eine idiosynkratische Schrift und handelt von den titulierten Begriffen. Habermas Programm ist die Entfaltung einer kritischen Theorie aufbauend auf die Krise der Erkenntniskritik (Hegelsche Kantkritik des Erkenntniszirkels, d.h. Erkenntnisvermögen ist je schon Voraussetzung einer jeden Erkenntnistheorie). "Die Dimensionen des Ansich, Für es und Für uns bezeichnen das Koordinatensystem, in dem die Erfahrung der Reflexion sich bewegt." In der Marx-Deutung kommt er zu dem Schluss, dass die Idee der Selbstkonstitution der Gattung durch Arbeit als Leitfaden einer entmythologisierenden Aneignung der Phänomenologie [des Geistes] dienen soll. Dabei wird die "Dialektik der Sittlichkeit" offenbart - wobei Sittlichkeit kulturell institutionalisierter Rahmen ist, die Dialektik eine Art "Bewegungsgesetz" auf Basis gesellschaftlicher Arbeit - Geschichte ihrer Repression und Wiederherstellung. Aber was hat das mit Erkenntnis oder Interesse zu tun? Huch bringt die Habermas'schen Thesen bzgl. Hegel und Marx auf den Satz: "Arbeit und Interaktion [jeweils conditio sine qua non des Interesses], instrumentales und kommunikatives Handeln, technische Verfügung über Naturprozesse (!) und lebenspraktische, intersubjektive Verständigung sind die Bedingungen, unter denen sich das Selbstbewusstsein der Menschengattung ursprünglich konstituiert." Und Erkenntnis ist hergestellt durch die technische Verfügung und lebenspraktische Verständigung. Gattung ist folgerecht an ihrer Existenz und Reproduktion interessiert - das Interesse avanciert zum transzendentalen Definitionsmerkmal möglicher Erkenntnis der Natur. Erkenntnistheorie mündet in ihr Ende, in den Positivismus ("Sinn der Tatsachen") also. Habermas analysiert damit die heute zwei hegemonialen Wissenschaftsbereiche: Naturwissenschaften (hierzu insbes. die Abhandlung zu Peirce und seiner Wissenschaftslogik, "Erklärungswissenschaften") und Geisteswissenschaften (Diltheys Hermeneutik in der nicht-formalisierten bzw. nicht-formalisierbaren Umgangssprache und die "Verstehenden Wissenschaften"). Weiter bespricht Habermas Freuds Psychoanalyse (Tiefenhermeneutik: "Übersetzung des Unbewussten in Bewusstes") als Wissenschaft der psychopathologischen Diagnose mit therapeutischer Explikationskraft über das Individuum hinaus. Das ist typisch für den Ansatz der kritischen Theorie, denn nicht zufällig stellt der Autor die Begriffe Psychoanalyse und Gesellschaftstheorie im letzten Kapitel zusammen und evoziert einen korrelativen Eindruck. Und er schließt: "Wenn aber die Naturbasis der Menschengattung wesentlich durch Antriebsüberschuss und verlängerte infantile Abhängigkeit bestimmt ist, und wenn auf dieser Basis die Erzeugung von Institutionen aus Zusammenhängen verzerrter Kommunikation begriffen werden kann, dann gewinnen Herrschaft und Ideologie einen anderen, einen substanzielleren Stellenwert als bei Marx." Er meint, wir hätten uns die Strukturen von Arbeit, Sprache und Herrschaft einer wissenschaftstheoretisch ansetzenden und ihres objektiven Zusammenhanges innewerdenden Selbstreflexion der Erkenntnis versichert. Seine finale Formel lautet daher, dass die Vernunft es ist, die dem Interesse innewohnt (und nicht umgekehrt). Und zugleich kritisiert er den Siegeszug nicht der Wissenschaft sondern den Sieg der wissenschaftlichen Methode über sie! Man mag über die eine oder andere These streiten, doch das kardinale Verdienst dieses Werkes können wir an der Herleitung des Begriffes des Erkenntnisinteresses festmachen. Und auch hier sollte eine jede Kontroverse beginnen...

50

04.03.2011

„Alles, was zu sagen ist...”

Searles "Intentionalitätstheorie" ist Philosophie des Geistes, der Sprache und der Handlung. "Intentionalität ist diejenige Eigenschaft vieler geistiger Zustände und Ereignisse, durch die sie auf Gegenstände oder Sachverhalte in der Welt gerichtet sind oder von ihnen handeln." Searle nennt den Unterschied zwischen dem Zustand als solchen und dem, worauf der Zustand gerichtet ist. Dabei leitet sich Sprache von der Intentionalität her ab. Der Vollzug des Sprechaktes ist ein Ausdruck des adäquaten intentionalen Zustandes; es herrscht dann, und nur dann eine Erfüllung des Sprechaktes, wenn der psychische Zustand erfüllt ist, und die Erfüllungsbedingungen von Sprechakt und ausgedrücktem psychischen Zustand identisch sind. Es braucht für Intentionalität einen "Hintergrund nicht-repräsentationaler geistiger Fähigkeiten", um dem Homunculus-Argument zu entfliehen (s. auch Netzwerk, Indexikalität). "Bedeutung gibt es nur da, wo es auch eine Unterscheidung zwischen intentionalem Gehalt und der Form seiner Verkörperlichung gibt..." Hypothese: Alle intentionalen Zustände enthalten ein Glauben oder ein Wollen oder beides; die Intentionalität des Zustands kann in vielen Fällen mit dem GLAU oder dem WOLL erklärt werden. Abweichend vom intentionalen "inneren" Zustand, der zum Ausdruck gebracht wird, stellt sich die Frage nach der (Intentionalität der) Wahrnehmung externer Gehalte. Searle operiert mit dem visuellen Erlebnis. Es "handelt niemals bloß von einem Gegenstand, vielmehr muss immer erlebt werden, dass das-und-das der Fall ist". Dabei ist die Propositionalität des int. Gehalts vis. Erlebnisse aus den Erfüllungsbedingungen vom Typ, dass das-und-das der Fall ist, gegeben. Searle entwickelt hierbei eine Art Transaktionstheorie der Wahrnehmungsintentionalität zwischen Geist und Welt: "Es gehört zum Gehalt des visuellen Erlebnisses, dass es - um erfüllt zu sein - von seinem intentionalen Gegenstand verursacht sein muss" (kausale Selbstbezüglichkeit). Diesen Ansatz bricht Searle runter auf die Partikularität (Ich sehe zwar, dass da ein gelbes Auto fährt, aber ich sehe, dass da mein/nicht mein gelbes Auto fährt). Weiter kommt Searle zur Absicht und zur Handlung (wahre Überzeugungen, erfüllte Wünsche, ausgeführte Handlungen): "Eine absichtliche Handlung ist einfach die Erfüllungsbedingung einer Absicht." Die Handlung wird am berühmten Wittgensteinschen Armhebe-Beispiel als kausale und intentionale Transaktion zwischen Geist und Welt erklärt. Der Autor unterscheidet zwischen vorausgehenden Absichten, Handlungsabsichten (die er beide als kausal selbstbezüglich charakterisiert), Körperbewegungen und den eigentlichen Handlungen (Handlungsabsicht + Körperbewegung), die aus den beiden Komponenten bestehen: Erlebnis des Handelns und das Ereignis dieser. Im Kapital "Kausale Verursachung" versucht Searle die Problematik der Kausalität zu durchleuchten: "Alle Behauptngen über Verursachungen sind Behauptungen über Kausalbeziehungen, doch nicht alle Behauptungen über Kausalbeziehungen sind Behauptungen über Verursachungen." Dabei folgt er den Spuren der Regularitäten in der Welt, von denen einige kausal sind, andre nicht. Freilich versucht sich der Autor auch an einer "Hintergrund"-Theorie: "... eine Menge von Fertigkeiten, Einstellungen, vorintentionalen Annahmen und Voraussetzungen, Praktiken und Gewohnheiten". Danach erörtert er das Problem der Bedeutungsabsichten, wobei er zwischen Repräsentations- und Kommunikationsabsichten unterscheidet. Hier wird es speziell insbes. mit Blick auf die illokutionären Sprechakte (Assertive, Direktive, Kommissive, Deklarationen, Expressive). Er führt - vielleicht unbewusst - ein wittgensteinsches Korrektiv ein: "Doch die Begrenzungen der Sprache sind exakt die Begrenzungen, die von der Intentionalität stammen." Im Weiteren bespricht er intensionale Berichte und behandelt die Eigennamen-Problematik.

40

15.02.2011

„Batesons Universum”

Dieses Buch ist kein stringentes; vielmehr eine lose Versammlung von Essays und Aufsätzen des Vielgelehrten. Schwerpunkte legt Bateson vor allem auf seine Metaloge, die anthropologischen Texte, jene der Schizophrenie, der Kybernetik, Erkenntnis und Ökologie. Es wäre sinnfrei, sie im Einzelnen zu besprechen, zumal einiges längst überholt ist. Um den Kern von Batesons Denken freizulegen, können wir die Form bzw. den Stil seines Schreibens analysieren. Dem Forscher gelingt stets die geschickte, essayistische Balance aus Prosa und Sachlichkeit. Das Aufregende ist hierbei nicht aber die stilisierte Konkretion sondern die Entfaltung seines Geistes über die Disziplinen hinweg: aus einer Inter- wird eine Transdisziplinarität (wir würden heute von einem integrativen Ansatz sprechen). Das Erstaunliche bei Bateson ist eben nicht bloße Deskription, sondern - und daher haben die Begriffe Semantik, Kontext, Muster, Karte-Territorium ("Das Territorium ist Ding an sich, und man kann nichts damit anfangen. Der Prozeß der Abbildung wird es immer herausfiltern, so daß die geistige Welt nur aus Karten von Karten von Karten ad infinitum besteht."), Meta- udgl. eine immer wiederkehrende Bedeutung bei Bateson - seine scharfsinnige Metaphorik und Analogie auf andere Wissensbereiche, die ihn daher über die Biologie und Psychologie auch auf soziologischen, linguistischen ("Als Wissenschaftler befassen wir uns damit, aus Wörtern ein Abbild des phänomenalen Universum aufzubauen. Das heißt, unser Ergebnis muß eine verbale Umwandlung der Phänomene sein." "Die Antezedenzien der Grammatik müssen gewiß so alt oder älter sein als die Vorläufer der Wörter."), epistemologischen ("Wir lernen durch bittere Erfahrungen, daß der Organismus, der seine Umwelt zerstört, sich selbst zerstört.") und anderen Feldern Vermessensdienste abringen. Freilich verlässt er den konsistenten Pfad hier und da, um auf heuristischen Trial-&-Error-Wegen zu gehen (strenges und lockeres Denken). Aber die Ergebnisse seiner Arbeit, um nun auf die Inhalte zu sprechen zu kommen, sind einschlägig: die Lerntheorie ("Der Kontext des Reizes ist eine Metamitteilung, die das elementare Signal klassifiziert."), der double bind (in der Schizophrenie), die Schismogenese und der kybernetische Ansatz in der Anthropologie, der Informationsbegriff ("Ein 'Bit' Information läßt sich definieren als ein Unterschied, der einen Unterschied ausmacht." "Alles, was nicht Information,nicht Redundanz, nicht Form und nicht Einschränkung ist - ist Rauschen, die einzig mögliche Quelle neuer Muster.")...
Dieses Buch wird somit zu einer wunderbaren Einstiegslektüre zu Batesons Werk und ist für jeden, der die Unterschiede von Unterschieden verstehen will, ein dialektisches Lesevergnügen zwischen Wissenschaft und Prosa...

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40

05.02.2011

„Sehr gute Beitragssammlung zur Negativen Dialektik”

Schwierig jst die Frage, ob Adornos Werk "Negative Dialektik" (ND) überhaupt hinreichend gedeutet werden kann. Adorno-Exegese hin oder her, die in diesem Band versammelten Aufsätze öffnen an einigen Stellen des Buches die Türen zum Verständnis und bieten somit profunde Hilfe zur Hermeneutik. In dieser Rezension ist freilich auch keine Besprechung der einzelnen Texte möglich.
Die ND Adornos geht auf den Begriff des Seins ein i. S. der Ontologiekritik (speziell Heidegger-Kritik). Thöma verweist vor diesem Hintergrund auf Habermas, der in der "Aporetik des Begriffs des Nicht-Identischen" eine "schockierende Nähe" zwischen Adornos und Heideggers Vorbehalt gegen Theorie als solche bemerkt. Interessant ist hierbei die These, die A. gegen Heidegger vorlegt, er wolle die Sprache ontologisieren mittels der begrifflichen Vereinnahmung des Seins, obschon A. begründet: "Denn wohl vermag der Geist es nicht, die Totalität des Wirklichen zu erzeugen oder zu begreifen; aber er vermag es, im kleinen einzudringen, im kleinen die Maße des bloß Seienden zu sprengen." Die ND ist aber nicht bloß Aufdeckung der Symptomatik der scheinbar aporetischen Seinssuche sondern notwendig epistemologisch: "Denn dass jemand etwas erkennt, schließt ein, dass er ein Urteil über ein Objekt fällt, das mit diesem Objekt in dem Sinn 'übereinstimmt'. [...] Eine solche Übereinstimmung zwischen Urteil und Objekt ist eine notwendige Bedingung jeder Erkenntnis." A. geht in der ND kritisch und programmatisch auch auf den Idealismus und den Primat des Subjektes ein (Kant, Hegel etc.); wirft ihm das "Dogma vom Vorrang des Subjekts" vor, denn "[die] 'Sache', über die ein Subjekt urteilt, darf nicht ein 'Denkprodukt' dieses Subjekts sein, wenn es sinnvoll sein soll zu sagen, dass das Subjekt diese 'Sache' erkennt." So schreibt Kern hierzu, dass A. einwendet, dass ein minimaler Empirismus der Empfindung "gleichursprüngliche Bedingung der Möglichkeit der Erkenntnis" neben der begrifflichen Fähigkeit darstellt: "Die Empfindung hat sich selbst einen transzendenten Status." Grund unserer Urteile ist ergo das unbegriffliche Phänomen der Empfindung. Ich hatte an dieser Stelle so meine Probleme mit den Ausführungen. Zum einen geht die Phänomenologie des Geistes (mit Prämisse der Vollendung des Idealismus durch Hegel) sehr wohl von einer sinnlichen Gewissheit aus, wiewohl analysiert werden muss, inwieweit ein Verweisungszusammenhang zwischen beiden (ironischerweise) Begriffen vorliegt, zum anderen mögen Empfindungen irgendwie fundamental sein, ist doch aber der Akt der Erkenntnis, wenn auch darauf basierend, wieder ein geistiger und eben begrifflicher/kategorialer, also letzthin subjektivistisch. Die ND scheint sich an dieser Stelle selbst ad absurdum zu führen... Ansonsten wenig neues: "Indem prädiziert wird, soll vielmehr ein Zugang zum Objekt geschaffen werden, der es in seiner begrifflichen unerreichbaren Komplexität zur Anschauung bringt." A. versteht Dialektik als identifizierende Synthesis der nichtidentischen These und Antithese, also treibende Kraft von Gegensätzlichkeit, sozusagen eine Dynamisierung eines begriffsstatischen Formalismus (Logizismus). A. schreibt_ "Daraus wächst der Behauptung ihrer Identität jene Unruhe zu, die Hegel [brillant] Werden nennt: sie erzittert in sich." Ferner umschreibt A. auch die Geschichtlichkeit des Subjekts: "Der einfache Begriff von geistiger Tätigkeit macht den Geist [...] 'innerzeitlich, geschichtlich; Werden sowohl wie Gewordenes, in dem Werden sich akkumuliert.'" Empfehlenswertes Buch zur ND Adornos!

40

05.02.2011

„"[...], dass der Mensch von der Sprache immer in ihrem Kreise gefangen gehalten wird..."”

Das Reclam-Heftchen versammelt einige sprachphilosophischen und -forscherischen Schriften von W. v. Humboldt. Dabei stellt die "Einleitung zum Kawi-Werk" den umfangreichsten Text dar. Ohne die teils philosophischen, teils eher wissenschaftlichen Texte näher durchleuchten zu wollen, soll an dieser Stelle das Lob der Antezipation sprachlicher Erkenntnisse Humboldts ausgesprochen werden. Schon im ersten Text "Über Denken und Sprache" zeigt sich die simple und doch so plausible Hinführung des Denkens zur Sprache, "die sinnliche Bezeichnung der Einheiten [des Denkens]". Und wie sehr erinnert in "Thesen zur Grundlegung einer Allgemeinen Sprachwissenschaft" ein Satz an Wittgenstein, wenn H. schreibt: "Jede Sprache setzt dem Geist derjenigen, welche sie sprechen, gewisse Grenzen, schließt, insofern sie eine gewisse Richtung gibt, andre aus." Einen derridaschen Gedanken nimmt H. vorweg in "Über den Dualis": "Die Sprache trägt Spuren an sich, dass bei ihrer Bildung vorzugsweise aus der sinnlichen Weltanschauung geschöpft worden ist, oder aus dem Inneren der Gedanken, wo jene Weltanschauung schon durch die Arbeit des Geistes gegangen war." Der größte Text, d.h. "Einleitung zum Kawi-Werk", ist auch der vielschichtigste, versucht Sprache zu systematisieren in ihren wissenschaftlich-linguistischen Disziplinen. H. definiert Sprache genetisch: "Sie selbst ist kein Werk (Ergon), sondern eine Tätigkeit (Energeia)." H. nennt die Sprache das Organ des Gedanken und schreibt weiter in einer quasi-phänomenologischen Weise: "Die Tätigkeit der Sinne muss sich mit der inneren Handlung des Geistes synthetisch verbinden, und aus dieser Verbindung reißt sich die Vorstellung los, wird, der subjektiven Kraft gegenüber, zum Objekt und kehrt, als solches auf neue wahrgenommen, in jene zurück." Die Sprache wird ihm zum epistemonologischen Mittel zum Zwecke des Verstehens, obschon er erkenntniskritisch äußert: "Alles Verstehen ist daher immer zugleich ein Nicht-Verstehen, alle Übereinstimmung in Gedanken und Gefühlen zugleich ein Auseinandergehen." Sehr extensiv entwickelt H. auch Ansätze zur Lautforschung und meint, dass die Lautform der Ausdruck sei, welchen die Sprache dem Gedanken erschafft. H. ordnet die Sprache zudem einer Semiotik unter, versucht zwischenmenschliche Kommunikation nicht als das Sich-Hingeben der Zeichen der Dinge zu begreifen sondern Begriffserzeugungen im Sinne derselben "Taste ihres geistigen Instruments" zu erfassen...

Die Texte bieten viele spannende Einblicke in die Sprache. Für Sprachinteressierte eine sehr wichtige Fundgrube an Vorwegnahmen, Hypostasen und überwältigender, humbolt-geistiger Tiefgänge.