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Vorliebe

Roman

buch
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Artikeldetails zu Vorliebe

AutorUlrike Draesner

Untertitel Roman

Abbildungsvermerk 2010. 22 cm

  • ISBN-103-630-87294-8
  • ISBN-139783630872940
  • Verlag Luchterhand Literaturverlag
  • Einbandartgebunden
  • Seiten253
  • Veröffentlicht22.01.2010
  • GenreRoman
  • Gewicht455g
  • SpracheDeutsch

Leseprobe aus Vorliebe

Weiß, die Lichtmischung aller Farben auf einer Wand, weiß, der Sturz in den Schnee auf der Nordseite des Kailash, eine Frühlingswiese weiß gesprenkelt, das Weiß eines menschlichen Auges, der hineingemalte verborgene Glanz, das Weiß der Albedo, der Erde Widerschein im All. Weiß die Sekunden in der Parabel, Flug um Flug, Sturz um Sturz, das Weiß der Rotation, als noch einmal etwas aus ihrem Schädel dringt, obwohl ihr Gehirn sich bereits außerhalb der Knochen befindet - von Neuem wölbt es sich aus, presst durch kleinste Ritzen nach unten und außen, Beschleunigung auf höchster Stufe, weiß, die Erinnerung an Peter, der Widerstrahl eines Horizonts, ein Lachen inmitten des Strudels jetzt, noch tieferes, sattes, saugendes Weiß.
Sieben Minuten. Sie lösten die Halterungen. An ihren Mitbewerbern hatte Harriet gesehen, wie grün ein Mensch werden kann.
Der Arzt sagte: "Machen Sie zuhause eine Flasche Sekt auf."
Von Sekt wurde ihr übel, aber noch im Gang steckte sie sich eine Zigarette an. Ausgefeilte Tests, international besetzte Kommissionen. Wollte sie wirklich ins All, von dem gerade sie wissen musste, dass es nichts war als - Nichts?
Sie übte Sätze für die Auswahlverfahren. "Habe meine Männer als Triebwerke verwendet." Schlecht. Außerdem stimmte es nicht.
"Ins All, um der Menschheit zu dienen." Klischiert, nützlich.
"Weil ich mich für geeignet halte." Auf den ersten Blick schlechter als auf den zweiten.
"Weil ich immer schon neugierig war." "Weil ich den Kopf dafür habe." "Weil ich das Ding fliegen kann."
Und dann, fürs Ende, eine Überraschung. Tausend Mal im Geist durchgespielt, mit einem Psychologenteam beraten. Das sagte: "Rücken Sie mit der Wahrheit heraus!"
Der Wahrheit?
Die Psychologen, ein Pärchen, lächelten und zeigten das Schema-Bild einer Sojusrakete, die vordere Verkleidung fehlte, man sah Computer und Messinstrumente, die von Maschinen und Kabeln dargebotenen Sitze. Sich anschließen, einstöpseln, überlassen. Chips würden sie fliegen, Chips am Gehirn sitzen. Blutwerte, Hormone, neueste Fragestellungen, der Mensch als Versuchshäschen im All. Untergehen mit dem Labor, falls es explodierte oder verglühte. Die Kapseln eng, wie Hundekäfige klein.
Umso besser waren Harriets Messwerte. Auch nach der Rotation. Ihr wurde nicht schlecht. Mit dem Rauchen würde sie aufhören müssen. Im Übrigen suchte man durchaus ältere Kandidaten. Ovulation, IQ, Ruhepuls. Das jahrelange Rudern in Norwegen - jetzt nützte es. Jetzt fügte alles sich zusammen. Wie grotesk.
"Sie fliegen ja schon."
Das feste Ende des Beschleunigers steckte auf einem mächtigen, sich in der Mitte des Raums aus dem Boden schiebenden Zapfen. Der Rest glich einem langen Löffel, in dessen Schöpfkelle der Proband kriechen musste. Da lag man wie in einem körpergeformten Sarg, tarngrau, kotzsicherer Anzug inklusive.
Man wurde angeschnallt, alle verließen den Raum, die Klappe fuhr zu.
Wer Platzangst hatte, starb sofort. Der Rest wurde von einer Kamera gefilmt. Der Arzt sagte: "Kosmos! Jahrzehntelang wollte da niemand hin. Jetzt jeder. Wie die Lemminge, die Lemminge." "Das ist Walt Disney", sagte Harriet.
Bei Walt Disney sahen Lemminge aus wie eine Kreuzung aus Meerschweinchen, Hase und Maus und stürzten sich in den Tod.
Spöttisch zog der Mann vom European Astronaut Center die Augenbrauen hoch. Er glich einem Piraten aus einem alten Entdeckerbuch. Hatte bestimmt schon viele Astronautenkandidaten scheitern sehen.
Erst in den letzten Sekunden, die Klappe schloss sich bereits, war es der Kamera gelungen, die Angst in Harriets Augen einzufangen.
Sie hatte keine Angst gehabt. Der Körper hatte die Angst, sie fühlte nichts. In drei Stunden fuhr sie zurück ins Institut für Extraterrestrische Physik. Fühllosigkeit hatte sie trainiert.
Nach dem Experiment zeigte man ihr den Film. Von außen glich die Maschine dem wahnsinnig gewordenen Zeiger einer Uhr. Harriet sah sich in sein verdicktes Ende kriechen. In den Schöpfer.
Die Beschleunigung begann. Es gab eine kritische Grenze, bei der die inneren Organe platzten. Man ging so nahe wie möglich heran. Berührungslos, etwa 15 Zentimeter über dem Boden, raste der Zeiger, in dessen Spitze sie lag, durch den weiß gestrichenen, kreisrunden Raum. Er wurde so schnell, dass er keinen Schatten mehr warf.
"Wollen Sie wirklich ins All?"
Sekt, Rauch, Reste der Rotation: sie öffnete ein weißes Fenster und da war er wieder, drehte den Kopf nach rechts und bemühte sich, nicht zu streng zu schauen. Das Blau seiner Augen, sie nannte es donaublau, die Donau floss stark, nur anfangs versickerte sie fast, das Blau seiner Augen schien oft kühl, manche sagten "zu forschend", und lachten über den Forscher Ash. Da war er und sah wie immer ein wenig nach Schachtel aus, der Körper eckig, aber weich, eine Schachtel Kelloggs, rotblonder Wusch Haar obenauf. Da war er an diesem Montagmorgen im Juni, roch zu stark nach Rasierwasser und fuhr quer durch die Stadt, weil Anka, die Mutter seines Sohns, in einem anderen Viertel lebte und Ben dort zur Schule ging. Der Vater sah ihn jedes zweite Wochenende; seit 25 Minuten waren sie unterwegs, zehn hatten sie einkalkuliert. Ben, ein langes Stück locker zusammengesetzter Glieder auf dem Beifahrersitz, stierer Blick geradeaus, rötliche Locke in der Stirn, rührte sich nicht.
So ähnlich muss es gewesen sein, Ashley hat es Harriet später mehrfach erzählt. Laster blockierten den rechten Fahrstreifen, man drängelte, fluchte, blieb eingekeilt.
"Mädchen schubsen", sagte Ash. "In deinem Alter!"
Ben schwieg.
"Und nach dem Kung-Fu-Kurs!"
Als wäre das das Rätselhafteste daran.
Unter Bens Sitz schimmerte ein Plastikgriff hervor.
"Die gehört mir nich", rief der Sohn, "die iss doch von dir!"
Er versuchte, die Tüte mit dem Fuß unter das Gestell zu stopfen. Er wurde rot. Laster blockierten den rechten Fahrstreifen, Gourmet-Lieferwagen mühten sich Restaurants entgegen. Der Citroën tuckerte ein Stück voran, eine Hand von rechts drehte am Radio, eine andere, von links, drehte es aus. Der Arm des Jungen war bald so dick wie der seines Vaters; die Uhr, die er trug, war größer.
An der Kirche, wo die Straße zur Schule abzweigte, sprang die Ampel auf Stop. Ashley wollte es noch einmal versuchen. Ben sah vor allem müde aus. Bestimmt hatte er wieder die halbe Nacht am Computer gespielt.
"Warum, Bennie, müssen wir das über die Mutter der Betroffenen erfahren?"
"W-i-R?" Mit höhnischem Unterton: "Meinst du damit meine Mutter und dich?"

Kurzbeschreibung zu Vorliebe

Die Liebe ist eine Wissenschaft für sich


Ein Wiedersehen, das einschlägt wie ein Blitz: plötzlich steht die Astrophysikerin Harriet ihrer großen Liebe von einst gegenüber. Und allmählich, aber unaufhaltsam, gerät ihr bisheriges Leben aus seiner geordneten Umlaufbahn.


Harriet, halbindisch, mathematikbegeistert, macht in ihrem Beruf aus wissenschaftlichen Daten schöne kosmische Bilder, ein wenig Lüge darf dabei schon sein. Auch zuhause scheint alles gut eingerichtet mit Partner Ash und Ben, dessen Sohn aus einer früheren Beziehung. Doch dann fährt Ash mit dem Auto ausgerechnet die Frau von Harriets Jugendliebe an, und Peter, der Mann, den sie längst vergessen zu haben glaubte, tritt von neuem in ihr Leben. Ein vermeintlich harmloses Liebesgetändel beginnt: Man ist ja offen, Heimlichkeiten und Eifersucht sind antiquiert, man verhält sich den Klischees der Gefühlswelt gegenüber abgeklärt. Doch Ulrike Draesner schickt die Heldinnen und Helden ihres neuen Romans auf wunderbar verspielte Weise in ein irrlichterndes Labyrinth aus romantischen Verwicklungen, das eine der Figuren nicht lebend verlassen wird.


Autorenportrait zu Vorliebe

Ulrike Draesner, 1962 in München geboren, studierte in München und Oxford und lebt heute als Lyrikerin, Romanautorin und Essayistin in Berlin. Ulrike Draesner hat für ihre Essays (u.a. "Schöne Frauen lesen", 2007), Lyrikbände (u.a. "berührte orte", 2008),

Portrait

Ulrike Draesner:
Ulrike Draesner, geboren 1962 in München, studierte Germanistik, Anglistik und Philosophie in München und Oxford, Promotion 1992 mit einer Arbeit über Wolframs Parzival. 1993 stieg sie aus der Wissenschaft aus, um schreiben zu können. Neben ihren wissenschaftlichen Publikationen veröffentlichte sie Gedichte, Erzählungen, Hörspiele sowie einen ersten Roman. Sie lebt als freie Schriftstellerin, Übersetzerin und Literaturkritikerin in Berlin. 1997 erhielt sie den "foglio-Preis für junge Literatur" sowie den "Bayrischen Staatsförderpreis" für Literatur. 2010 erhielt sie den hochdotierter Solothurner Literaturpreis.

Autorenportrait

Ulrike Draesner, 1962 in München geboren, studierte in München und Oxford und lebt heute als Lyrikerin, Romanautorin und Essayistin in Berlin. Ulrike Draesner hat für ihre Essays (u.a. "Schöne Frauen lesen", 2007), Lyrikbände (u.a. "berührte orte", 2008),

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