Der Roman Elf Minuten von Paolo Coelho versucht, sich dem Kernthema heiliger Sex zu nähern. Er erzählt die Geschichte der Brasilianerin Maria, die, früh von der Liebe enttäuscht, in die Schweiz reist, um dort ein Jobangebot als Sambatänzerin wahrzunehmen und mit ihrer Schönheit Geld zu verdienen. Ein bisschen möchte sie auch ihrer engen Welt entfliehen, Abenteuer erleben.
Der Leser verfolgt Marias Weg in die Prostitution und wie sie herausfindet, auf welche Weise sie bei Männern erfolgreich sein kann. Schließlich gerät Maria, die längst aufgegeben hat, an die eigene Liebe zu glauben, an zwei Männer. Auf der einen Seite ist da Ralf, der sich von ihr wünscht: Rette mich!. Ralf ist Maler und erforscht die Geschichte der Prostitution und die Rolle des Sexes. Dem Leser wird Ahnung gemacht, dass er sich außerdem in Maria verliebt hat. Sie lässt sich Zeit, lässt Imagination und Begehren wachsen bei ihm und sich gleichermaßen. Auf der anderen Seite ist da Terence, auch ein spezieller Freier. Dieser führt sie ein in Sexpraktiken, die mit Unterwürfigkeit und Härte, mit Gewalt und mit Selbstverlust einhergehen. Maria ist berauscht von einem Gefühl der Selbstaufgabe und inneren Freiheit, die sie durch Terence erlebt.
Alles läuft auf die Frage hinaus: Was ist guter Sex? Ist Liebe dafür notwendig? Gleichzeitig scheint hier eine Dichotomie zwischen Vaginalem und klitoralem Orgasmus aufgebaut zu werden, um Maria am Ende einen vaginalen Orgasmus beim Geschlechtsakt erleben zu lassen. Das geschieht kurz bevor sie zurück nach Brasilien reist.
Von Marias Leben wird hier ein sehr eindimensionales Bild gezeichnet, das statisch und teilweise unglaubwürdig wirkt. Es sind keine reichhaltigen Erinnerungen und Träume, auf die Maria Bezug nimmt, sondern es werden immer wieder die gleichen Fäden vom Beginn der Geschichte weitergeführt.
Als Kern- und Zielthema einer erfüllten Sexualität nachzuhaschen, diese heilig zu nennen und über Techniken, Klitoris und G-Punkt zu fachsimpeln, gleichzeitig aber eine Verbindung schaffen zu wollen zum platonischen Gedanken, dass der Mensch durch Sex wieder eins wird, sich mit seiner verlorenen Hälfte wieder verbindet, das ist ein hochgestecktes Ziel. Dem Coelho meiner Ansicht nicht gerecht wird. Er versucht diese verschiedenen Aspekte zusammenzuführen, indem er Maria all dies mit Ralf erleben lässt.
Vielleicht hätte ich den Roman anders gelesen, wenn ich davon ausgegangen wäre, eine Frau habe ihn geschrieben. Wer weiß? So bin ich mir aber fast sicher aus der Darstellung von Marias Sexualempfinden und aus ihrer Lust, die männliche Äußerperspektive herauszulesen. Dazu passt das Fachsimpeln über Klitoris und G-Punkt, das kaum rückgebunden wird an konkrete und reichhaltige Empfindungen.
Anders sieht es dagegen aus mit der Beschreibung der Stationen von Marias und Ralfs Annäherung aus. Die Macht des Begehrend und der Imagination. Das kommt an. Es ist schön. Dies zu beschreiben für den Anfang einer Beziehung ist zauberhaft, jedoch aus meiner Sicht keine große Kunst. Einfach ist hingegen, den Roman genau dort enden zu lassen, wo er endet und auch noch mit einem Hollywood-Ende: billig, zuckrig-klebrig.
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