England, 1665
Der Schrei durchschnitt die Nachtluft. An- und abschwellend, Zeugnis wilder Todesqualen, erfüllte er die riesige Kammer und hallte in den gewölbten Gängen wider. Die Bediensteten in den unteren Hallen des Schlosses zogen den Kopf ein und hielten sich die Ohren zu, um das durchdringende Kreischen abzuwehren. Selbst abgehärtete Soldaten in den Baracken machten das Zeichen des Mondes, des Beschützers der Nacht.
Im Südturm schritt der Herzog von Granville durch seine Privatbibliothek, die überschatteten Züge von Abscheu gezeichnet. Anders als seine Bediensteten bekreuzigte er sich nicht, um das Böse abzuwenden. Warum hätte er es auch tun sollen?
Das Böse hatte bereits zugeschlagen. Es war in seine Mauern eingedrungen und hatte es gewagt, ihn mit seinem Schmutz zu beflecken.
Ihm blieb nur eines: sich mit einem unbarmherzigen Schlag von der Verseuchung zu reinigen.
Er zog an der Kapuze seiner Robe, um sicherzustellen, dass sein verunstaltetes Antlitz vollständig verborgen war, und straffte grimmig die Schultern. Geduld, sagte er sich immer wieder. Sehr bald würde der Mond in das richtige Haus eintreten. Und dann würde das Ritual endlich sein Ende finden. Das Kind, das
er den Hexen geopfert hatte, würde zu ihrem kostbaren Kelch werden, und sein Leiden würde beendet sein.
Er machte abrupt auf dem Absatz kehrt und marschierte zurück zu dem schmalen Fenster, das ihm tagsüber eine gute Sicht auf die prächtige Landschaft bot. In der Ferne konnte er den schwachen Schein von Feuern ausmachen. Er erschauderte. London. Das schmutzige, bauernverseuchte London, das für seine fürchterlichen Sünden bestraft wurde.
Eine Bestrafung, die sich aus den verkommenen Dirnenhäusern ergossen und bis zu seinem Zufluchtsort ausgebreitet hatte.
Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Es war unerträglich. Er war ein rechtschaffener Mann. Ein frommer Mann, der immer reich für seine Reinheit belohnt worden war. Dass diese ... abscheuliche Krankheit in seinen Leib eingedrungen war, war eine Pervertierung all dessen, was ihm gebührte.
Natürlich war dies der einzige Grund, warum er es den Heiden gestattet hatte, seinen Grund und Boden zu betreten. Und jene Kreatur des Bösen mitzubringen, die gegenwärtig in seinem Kerker in Ketten lag.
Sie versprachen ihm Heilung.
Ein Ende der Plage, welche sein Leben zerstörte.
Und alles, was es ihn kosten würde, war eine Tochter.
Chicago, 2006
O Gott, Abby! Keine Panik. Bloß ... keine ... Panik."
Abby Barlow atmete tief ein, presste die Hände auf ihren rebellierenden Magen und studierte die Keramikscherben, die auf dem Boden verstreut lagen.
Okay, sie hatte also eine Vase zerbrochen. Nun ja, vielleicht war es mehr als "zerbrochen". Eigentlich hatte sie die Vase eher zerschmettert, zertrümmert und vernichtet, gestand sie sich widerwillig ein. Na und? Das war nicht das Ende der Welt. Eine Vase war eine Vase. Oder?
Unvermittelt schnitt sie eine Grimasse. Nein, eine Vase war nicht einfach nur eine Vase. Nicht, wenn es sich dabei um eine sehr seltene Vase handelte. Eine Vase von unschätzbarem Wert. Eine, die zweifellos in einem Museum hätte stehen sollen. Eine, die der Traum jedes Sammlers war und ...
Verdammter Mist.
Erneut zeigte die Panik ihre hässliche Fratze.
Sie hatte eine unbezahlbare Mingvase zerstört.
Was, wenn sie ihren Job verlor? Zugegeben, es war kein besonders toller Job. Verdammt, sie fühlte sich jedes Mal, als ob sie in die Twilight Zone einträte, wenn sie die elegante Villa am Stadtrand von Chicago betrat. Aber ihre Tätigkeit als Gesellschafterin Selena LaSalles war nicht besonders anstrengend. Und die Bezahlung war deutlich besser, als wenn sie in irgendeiner Spelunke arbeiten würde.
Das Letzte, was sie brauchte, war, in die langen Schlangen beim Arbeitsamt zurückzukehren.
Oder noch schlimmer .... lieber Gott, was, wenn sie für die verdammte Vase bezahlen musste?
Selbst wenn es so etwas wie einen Ausverkauf in der örtlichen Mingfabrik gäbe, würde sie zehn Leben lang arbeiten müssen, um eine solche Summe aufzubringen. Vorausgesetzt, die Vase wäre nicht die Einzige ihrer Art.
Die Panik zeigte inzwischen nicht mehr nur ihre Fratze. Sie lief in ihr zur Hochform auf.
Es gab nur eins, was sie tun konnte, nur eine einzige erwachsene, verantwortungsvolle Art, mit der Situation umzugehen.
Sie musste die Beweise verstecken.
Verstohlen sah sich Abby in der riesigen Eingangshalle um und vergewisserte sich, dass sie allein war, bevor sie sich auf die Knie niederließ und die zahlreichen Scherben einsammelte, mit denen der glatte Marmor übersät war.
Es würde niemandem auffallen, dass die Vase fehlte, versuchte sie sich selbst zu beruhigen. Selena war schon immer eine Einsiedlerin gewesen, und in den vergangenen beiden Wochen war sie fast ganz von der Bildfläche verschwunden. Ohne ihre gelegentlichen Kurzauftritte, bei denen sie verlangte, dass Abby dieses ekelhafte Kräutergebräu, das sie mit scheinbarem Vergnügen in sich hineinkippte, für sie bereitete, hätte Abby denken können, dass die Frau die Flatter gemacht hätte.
Ganz sicher streifte Selena nicht durchs Haus, um eine Bestandsliste ihrer diversen Kostbarkeiten aufzustellen.
Alles, was Abby tun musste, war sicherzustellen, dass sie keine Spur von ihrem Verbrechen hinterließ, und dann würde alles schon in Ordnung sein.
Niemand würde je davon erfahren.
Niemand.
"Na, so was, ich hätte nie gedacht, Sie irgendwann auf Händen und Knien zu sehen, Liebste. Eine höchst faszinierende Position, die zu einer Vielzahl köstlicher Möglichkeiten einlädt", klang eine spöttische Stimme vom Eingang des Salons zu ihr herüber.
Abby schloss die Augen und holte tief Luft. Sie war verflucht. Das musste es sein. Wie sonst wäre ihre endlose Pechsträhne zu erklären?
Einen Moment lang drehte sie der Stimme noch den Rücken zu und hoffte sinnloserweise, Selenas Gast, der ausgesprochen nervtötende Dante, würde verschwinden. Es wäre immerhin möglich. Immerhin gab es spontane Selbstentzündung oder schwarze Löcher oder Erdbeben.
Leider tat sich nicht der Boden auf, um den Kerl zu verschlucken, und auch die Rauchmelder gaben kein Alarmsignal von sich. Und was noch schlimmer war: Sie konnte tatsächlich spüren, wie sein finsterer, belustigter Blick gemächlich über ihre steife Gestalt glitt.
Abby zwang sich, sich langsam umzudrehen. Sie hielt die Scherben der zerbrochenen Vase hinter ihrem Rücken versteckt, während sie den jüngsten Fluch ihrer Existenz betrachtete.
Er sah nicht wie ein Fluch aus.