Kreative Chaoten, seid stolz auf euch!
Die Stärken der kreativen Chaoten
In den meisten Industriestaaten herrscht die einhellige Meinung: Chaos ist nicht erwünscht. Chaoten gelten als unordentlich, unpünktlich und unorganisiert. Man kann mit ihnen nicht richtig planen, weil man nie weiß, wann Chaoten zu Terminen erscheinen oder zu was sie in drei Wochen Lust haben. So schieben die Chaoten viele Dinge an, aber verlieren unterwegs die Lust, das Ganze zu Ende zu bringen. Chaoten bauen Luftschlösser, sie sind immer in Bewegung und es fehlt ihnen am nötigen Ernst. Chaoten taugen nicht als Führungskraft, denn wer nicht mal sich selbst führen kann, der kann auch keine anderen Menschen führen.
Diese Meinung vertreten viele strukturierte Menschen. Und da wir in einer sehr strukturierten Kultur leben, in der lineares Denken und mechanische Perfektion dominieren, ecken Chaoten so oft an.
Im Job ärgern sie den gut organisierten Kollegen, weil sie zwar die letzte Druckerpatrone aus dem Fach nehmen, aber nicht ans Nachbestellen denken ("Das wäre doch ein Klacks!"). Sie nerven die anderen, weil sie zu spät in Meetings auftauchen und sich mit dem lockeren Spruch "Ich hatte gerade noch eine Idee, die ich ausprobieren musste" entschuldigen. Auch im privaten Alltag sorgen sie für Zoff. Dann nämlich, wenn Ehepartner, Eltern, Freunde und Bekannte eher zu den wohlüberlegten Planern zählen und der sprunghafte Chaot es nie schafft, pünktlich fertig zu sein. Oder weil er permanent fragt: "Schatz, wo ist denn … (die Butter, der Schuhlöffel, mein Fahrradhelm)." Und ein Unding ist natürlich, dass er sich für den nächsten Urlaubsort erst ganz spontan kurz vor der Abreise entscheiden will.
Häufig führt der Dauer-Clinch zwischen Chaoten und Systematikern dazu, dass viele eher chaotisch veranlagte Menschen meinen, sich ändern zu müssen und sich zu Pünktlichkeit, Ordnung und Organisation zwingen. Sie lesen Zeitmanagement-Bücher oder besuchen ein Seminar. Voller Tatendrang wollen sie im Alltag dann alles "besser machen". Sie schaufeln Zeit frei, um ihre Tage und Woche zu planen und aufzuräumen.
Doch nach wenigen Wochen stapeln sich wie gehabt die unerledigten Papiere im extra angelegten (und beschrifteten) Post-Eingangskörbchen, der neue Terminplaner liegt in der Schreibtischschublade, und der Weg zum Schreibtisch gestaltet sich zum Slalom zwischen kniehohen Stapeln ungelesener Zeitschriften.
Kaum wird es hektisch im Büro - und der strukturierte Kollege arbeitet seine To-do-Liste stoisch ab -, findet sich der hilfsbereite Kreative in der Teeküche wieder und hört sich geduldig die Beziehungsprobleme einer Kollegin an. Wohl wissend, dass er wieder nicht rechtzeitig vor Feierabend mit seinen Aufgaben fertig wird.
Mit gemischten Gefühlen schauen die Chaoten dann (durch ihre Papierberge hindurch) auf den leeren Schreibtisch des Kollegen, bewundern dessen akkurat geführten Terminplaner und den Umstand, dass er in den säuberlich beschrifteten Ordnern immer alles findet.
Doch immer mehr Menschen entwickeln derzeit ein neues Selbstbewusstsein. Statt zu hadern und sich ändern zu wollen, beginnen sie, stolz auf ihr Anderssein hinzuweisen, in Situationen, wo es problemlos geht, ihren Stil auszuleben und sogar ihre vermeintlichen Macken zu kultivieren. Besonders wenn zwei Chaoten unter sich sind (also kein logischer Ordner in der Nähe ist), kommen sie ganz schnell auf die Vorteile ihrer Denkweise und freuen sich, welches Potenzial im Chaos steckt.
Was ist Chaos überhaupt? Chaos bedeutet "leerer Raum".
Und was gibt es Schöneres als Leere?
Wie oft sehnen wir uns nach gedanklicher Leere, weil wir wissen: wer den Kopf nicht frei bekommt, der leidet permanent unter Stress. Wer hingegen innere Ruhe spürt, kann neue Pfade auf dem Weg zu seinen Lebenszielen entdecken. Und wer innerlich ruhig ist, der hat den Kopf frei für seine Mitmenschen. Deshalb gelten Chaoten auch so oft als warmherzige und liebenswürdige Zeitgenossen.
Entdecken Sie also Ihre Talente und bauen Sie sie aus. Nutzen Sie die Kraft der Kreativität und der Gefühle, um Ihren Alltag zu entspannen. Lesen Sie im Folgenden die Gründe, warum Sie stolz sein können, ein kreativer Chaot zu sein.
Neun Gründe warum, kreative Chaoten stolz sein dürfen
1. Kreative Köpfe bringen uns voran Ohne kreative Ideen und Luftschlösser ist Stillstand vorprogrammiert. Was passiert beispielsweise in einem Unternehmen, in dem lauter top-strukturierte Leute arbeiten? Sie stellen etwas in gleichmäßiger Qualität her, sind immer pünktlich fertig, und die Zahlen stimmen auch. Doch nach einigen Jahren stellen sie fest, dass sie wichtige Innovationen verschlafen haben und auf der Stelle treten. Spätestens dann schlägt die Stunde der Kreativen. Quasi über Nacht sollen sie Visionen entwerfen und mit Hightech-Pfannen, multifunktionalen Handys oder weltraumerprobten Anti-Schweißfußsocken die Kunden wieder begeistern.
In der Teamforschung ist es längst bewiesen: Die erfolgreichsten Firmen und Teams sind diejenigen, in denen kreative Innovatoren - oftmals abgesondert vom Alltagsgeschäft in Think-Tanks - Ideen spinnen, die dann von den strukturierten Kollegen übernommen und realisiert werden.
Weitsichtige Unternehmen lassen ihre Belegschaft bewusst frei experimentieren und an eigenen Projekten arbeiten, um dem kreativen Schub nachzuhelfen. Beim Technologieunternehmen 3M (unter anderem Entwickler der Post-it-Haftnotizzettel) sind 15 Prozent der Arbeitszeit für freies Ideenspinnen eingeplant. Auch bei Google dürfen Mitarbeiter im Job an privaten Spin-Offs arbeiten. Dabei muss das kreative Potenzial nicht auf die "üblichen verdächtigen" Abteilungen wie Marketing oder Forschung begrenzt werden. Jeder Mensch ist in der Lage, kreativ zu denken. Er braucht dafür lediglich ein gutes Fachwissen auf seinem Gebiet und die Aufgeschlossenheit, neue Gedanken zu formen und durchzusetzen. Führungskräfte aller Bereiche sollten deshalb Kreativität zulassen - denn auch ein Buchhalter kann kreative Wege finden, wie er seine Arbeit noch besser organisieren kann oder die Finanzen legal so kreativ regelt, dass es für das Unternehmern am besten ist.
2. Spontane und flexible Menschen leben erfolgreich Was haben Arnold Schwarzenegger, Sarah Wiener und Tim Mälzer gemein? Sie sind offen für Neues, experimentieren gerne und greifen zu, wenn sich ihnen Chancen bieten.
Schwarzenegger ist bekannt dafür, keine Termine auszumachen. Wer ihn sprechen möchte, ruft an. Hat er Zeit, kommt es zum Gespräch, das dann zwischen fünf Minuten und fünf Stunden dauern kann. Hat er keine Zeit, muss man eben noch mal anrufen. Auch seine Karriere vom Bodybuilder zum Gouverneur von Kalifornien kam eher aus dem Bauch heraus und war nach Aussage von Beobachtern wenig geplant. Sein Motto: ausprobieren und immer das machen, woran man Freude hat. Heute steht der Politiker wieder in Verhandlungen über neue Filmprojekte, die er während seiner Amtszeit realisieren will.
"Ich bin Chaot und denke nicht darüber nach, was mir nützlich sein könnte", sagt Sarah Wiener, die als Mamsell in der Zeitreisen-Serie Abenteuer 1900 - Leben im Gutshaus entdeckt wurde. Heute ist die Köchin auch Unternehmerin (die Autodidaktin führt drei Restaurants und ein Catering-Unternehmen in Berlin), Fernsehstar und Kochbuchautorin. Chaoten-Kollege Tim Mälzer, das deutsche Pendant zum englischen Koch Jamie Oliver, sagt von sich: "Als Entertainer bin ich ein Chaot in der Küche."
Ich stelle die Behauptung auf, dass kreative Chaoten beruflich erfolgreicher sind, weil sie mehrere Dinge parallel machen und damit in kürzerer Zeit mehr Erfahrung, Wissen und Fähigkeiten sammeln und mehrere Ziele gleichzeitig erreichen können.
3. Chaoten sind die besten Auftragsbeschaffer Ein wichtiges Markenzeichen vieler desorganisierter Menschen ist ihr Händchen im Umgang mit anderen Menschen und die Lust sich unters Volk zu mischen. Viele Chaoten sind ausgezeichnete Netzwerker, die quasi nebenbei neue Geschäftskontakte schließen und beim Vergnügen die besten Abschlüsse tätigen.
Harry und Dieter führen gemeinsam eine Steuerberatungskanzlei. Dieter sitzt oft Tag und Nacht im Büro, bucht Geschäftsvorfälle, erstellt Bilanzen und hält die Mitarbeiter in Bewegung. Harry ist nur selten in der Kanzlei. Lieber fährt er auf Kongresse oder zum Golfspielen. Einer Freundin der beiden fällt das auf, und sie sagt zu Dieter, dass es doch total ungerecht sei, dass beide gleichberechtigte Partner seien und nur er - Dieter - die ganze Arbeit mache. Dieters Antwort: "Ich liebe es, im Büro zu sein und meine Sachen abzuarbeiten. Und wenn Harry unterwegs ist, bringt er immer mindestens zwei neue Kunden mit, die uns so viel Gewinn bringen, dass die Kanzlei richtig gut leben kann. Wenn ich versuche zu akquirieren, dann ziehe ich höchstens mal einen kleinen Fisch an Land, der uns viel Arbeit und wenig Profit bringt. Deshalb sind wir ein prima Team, denn keiner könnte ohne den anderen eine Kanzlei betreiben."
4. Chaos ist die Quelle von Innovation Chaos und Unordnung sind Schwestern des Zufalls. Viele Innovationen wären bei klinisch-reiner Ordnung nicht möglich geworden.
Vermutlich hätte der schottische Bakteriologe Alexander Fleming das Penizillin nicht entdeckt, hätte er aufgeräumt, als er Ende August 1928 in Urlaub ging. Wacklige Stapel von Petrischalen, kreuz und quer liegende Reagenzgläser, Notizzettel, aufgeschlagene Bücher und Zigaretten zierten die Regale und Labortische. Als er am 3. September zurückkam, fiel Fleming in einer mit Bakterienkulturen versehenen Petrischale ein kleiner Schimmelkreis auf. Und er merkte, dass dieser Pilz bestimmte Bakterien abtötete. Die Schimmelpilze waren wohl durch das geöffnete Fenster von einem Labor im Stockwerk darunter hereingeweht und hatten dann schön Zeit, sich zu vermehren und ihre Wirkung zu entfalten. Fleming forschte weiter und schuf mit dem Penizillin das erste Mittel gegen lebensgefährliche Erkrankungen wie Hirnhautentzündung und Diphtherie.
Auch das Eis am Stiel entstand über Nacht und aus Versehen - nur, weil jemand nicht richtig aufräumte. 1923 war der Amerikaner Frank Epperson in Kalifornien unterwegs, um Abnehmer für seine Limonade zu finden. Eines Abends ließ er ein halbvolles Glas Limo, in dem ein Löffel steckte, auf der Fensterbank stehen. Nachts fiel die Temperatur auf unter null Grad Celsius, und als Epperson am nächsten Morgen den Löffel nahm, hielt er das erste Eis am Stiel in der Hand. Der Limonadenhändler erkannte sofort den Wert seiner Entdeckung und verkaufte seine "Erfindung". Als "Popsicle" machte das Eis Furore auf dem amerikanischen Markt.
5. Kreative Chaoten lernen und lehren leichter Wie geht es Ihnen, wenn Sie lernen wollen? Können Sie sich Zahlen und Fakten gut merken? In der Regel lernen Chaoten leichter. Allerdings nur, wenn sie sich nicht zwingen zu pauken, sondern bewusst die Stärke der rechten bildhaft arbeitenden Gehirnhälfte nutzen.
Merktechniken und auch die gute alte "Eselsbrücke" verknüpfen Fakten mit Bildern und bleiben damit besser im Gedächtnis haften. Eine große Stärke der Chaoten ist ihr bildhaftes Denken - also haben Sie den Schlüssel zu einem schnellen und einfachen Lernen schon in der Hand. Schön, oder?
Wenden Sie diese Begabung auch an, wenn Sie anderen Menschen etwas beibringen. Zwar arbeiten viele Menschen in unserer Kultur in stark logisch-sachlich orientierten Berufswelten, in denen Zahlen und Fakten eine übergeordnete Rolle spielen. Doch auch die Logiker behalten Inhalte besser, die ihnen mithilfe von Bildern vermittelt werden.
6. Kreative Chaoten wohnen gemütlicher Räumen Sie noch, oder leben Sie schon? Während die Strukturierten noch damit beschäftigt sind, ihre Wohnungen auf Hochglanz zu polieren, leben die meisten Chaoten längst. Und das ist gut so, denn Studien belegen, dass eine gewisse Unordnung Wohnungen lebendig und warm macht. Wir reden hier nicht von verlotterten Wohnungen oder verdreckten Behausungen, sondern davon, dass es schön ist, in einer Wohnung auch zu sehen, dass dort jemand wohnt - und man sich nicht in einer Möbelausstellung befindet. Rücken Sie Ihre Unordnung gedanklich in ein anderes Licht - Chaoten haben es einfach gemütlicher in ihren vier Wänden.
7. Kreative Chaoten haben mehr Lebensfreude Chaoten wirken auf systematische Menschen oftmals oberflächlich heiter. Die Wahrheit ist: Die meisten Chaoten haben einfach ein optimistisches Weltbild. Egal was passiert, der Chaot findet immer eine positive Seite daran.
Ute hat auf den letzten Drücker den ICE von Hamburg nach München erwischt und ist am Zugende hineingesprungen. Sie geht, während der Zug anrollt, durch die Waggons, auf der Suche nach ihrem reservierten Platz. Unterwegs kommt sie an einem komplett leeren Abteil vorbei - und bleibt spontan dort sitzen. Sechs Stunden lang freut sie sich, dass sie alleine ist. Wäre sie pünktlich am Zug gewesen, dann wäre sie schnurstracks vom Bahnsteig in den richtigen Waggon eingestiegen - und hätte nicht den Komfort des Einzelabteils genießen können. "Gut dass mein Mann nicht dabei war, denn er hätte endlos gemosert, dass wir so spät dran waren und hätte darauf bestanden, zum reservierten Platz zu gehen, weil ›man‹ das einfach nicht tut, sich auf einen anderen Platz setzen."
Chaoten haben die Begabung, sich wie kleine Kinder an kleinen Dingen zu freuen: ein Strauß bunter Wiesenblumen, selbst gebastelte Büro-Accessoires. Deshalb machen sich Chaoten mit Kleinigkeiten das Leben einfach schöner - und strukturierte Menschen schlagen ob dieser "kindlichen Albernheit" die Hände über dem Kopf zusammen.
Herbert fasst es nicht. "Meine Kollegin spinnt. Jetzt hat sie, um sich zu belohnen, dass sie den Schreibtisch aufgeräumt hat, für 3 Euro eine Rose gekauft und hingestellt. Ein aufgeräumter Schreibtisch ist doch Belohnung genug." Silvina hingegen strahlt. "Die Rose macht mir Freude und motiviert mich, die Ordnung auch zu halten und nicht gleich alles wieder zuzumüllen."
8. Polychrone Aufgaben verlangen chaotisches Verhalten Wir leben in unserer westlichen Kultur in einer sehr durchstrukturierten, monochronen Welt, in der Dinge Schritt für Schritt abgearbeitet werden und in der die meisten Menschen ihre Aufgaben (weit) im Voraus planen und sich streng an ihren Zeitplan halten wollen. Die Uhr ist die Messgröße, nach der sich alles richtet, und als guter Zeitmanager gilt, wer termingerecht, zügig und vorhersehbar arbeitet und alles erledigt.
Doch auch in unserer Kultur gibt es viele Tätigkeiten, bei denen die Orientierung an einer Uhr sinnlos ist. Versetzen Sie sich mal in folgende Rollen: Mitarbeiter führen, Medien- und Öffentlichkeitsarbeit machen, Eltern sein, anderen Menschen etwas beibringen (Lehrer, Trainer), Ideen generieren, Menschen überzeugen, Kunden beraten. Was haben diese Verantwortlichkeiten gemeinsam? Sie sind eindeutig polychron, das heißt, Sie können sie nur gut erfüllen, wenn Sie mehrere Dinge gleichzeitig erledigen und schnell zum gleichen Zeitpunkt auf verschiedene Anforderungen eingehen können. So kann ein Lehrer zwar seinen Lehrplan als Unterrichtsstruktur nutzen, doch muss er Tag für Tag flexibel sein. Das, was er schaffen kann, hängt davon ab, wie fit die Kinder in seiner Klasse insgesamt sind, wie ihre Tagesform ist, wer alles krank ist, ob es hitzefrei gibt, er muss mit Störern umgehen und Konflikte beilegen. Auch als Führungskraft können Sie zum Beispiel Mitarbeitergespräche nicht mit der Stoppuhr führen und
exakt voraussagen, wie lange es dauert, bis alle wichtigen Punkte angesprochen und erledigt sind. Und als Familien-Manager gehört das Unvorhersehbare schon derart vorhersehbar zum alltäglichen Wahnsinn, dass unflexible Menschen ganz schnell an ihre Grenzen stoßen. Besonders das Leben mit Kindern ist stark von Gleichzeitigkeit und Spontaneität geprägt, sodass das Thema "Planen" eine ganz neue Bedeutung erhält.
Leider gelten Menschen, die solche polychronen Verantwortungen haben, häufig als schlechte Zeitmanager. Problematisch wird es vor allem dann, wenn ein eher monochron eingestellter Chef die polychrone Arbeit eines Mitarbeiters beurteilen soll oder der monochrone Ehepartner sich über das Chaos des Familien-Managers aufregt. Dabei tragen sie nur die Verantwortung für Aufgaben, die sich nicht in ein Uhrenschema pressen lassen. Aber weil in der Regel alles über einen Kamm geschoren wird - und messbar gemacht werden soll -, werten viele Menschen diese Art von Tätigkeiten ab.
Machen Sie sich klar, welche Art von Verantwortung Sie tragen - und mühen Sie sich nicht, diese in ein Zeitraster zu pressen. Seien Sie stolz darauf, diesen Drahtseilakt der gleichzeitigen Aufgaben mit Bravour zu meistern. Denn dies sind meist Tätigkeiten, bei denen strukturierte Menschen ganz schnell das Handtuch werfen würden, weil sie die "Planlosigkeit" derart stresst und sie keine messbaren Erfolge vorweisen können. Gleichen Sie ab, ob Sie eher polychrone oder monochrone Tätigkeiten zu erfüllen haben in Ihrem Beruf und Ihrem Privatleben. Und verändern Sie unter Umständen etwas in Ihrem Leben, damit Sie Ihre Präferenz ausleben können (hierzu mehr ab Seite 64).
9. Das Zeitalter der kreativen Chaoten bricht an Wir befinden uns auf dem Weg in ein neues Zeitalter, das jenseits des Informationszeitalters liegt, das Ideen- und Kreativzeitalter. Immer mehr Unternehmen und Regierungen wird klar, dass es heute nicht mehr in erster Linie auf Wissen und lineares Denken ankommt, sondern auf Kreativität, Erfindungsreichtum, Empathie und das Verständnis von Zusammenhängen. Aus diesem Grunde bemühen sich viele Staaten und Firmen, kreative Köpfe (wieder) ins eigene Land zu holen und den eigenen Standort zu stärken. Qimonda, der letzte europäische Chiphersteller, konnte jüngst rund 400 offene Stellen in Forschung und Entwicklung nicht besetzen. Um kreativen Nachwuchs zu finden, investierte die Infineon-Tochter zunächst ein halbe Million Euro und kooperierte mit der Technischen Universität in München. Bestseller-Autor Dan Pink bricht in seinem Buch A whole new brain. Why right-brainers will rule the future die Zukunft auf sechs Säulen herunter. Seiner - und meiner - Meinung nach zählen künftig Design (statt Funktion), Geschichten (statt Argumente und Fakten), eine ganzheitliche Sichtweise (statt Fokus auf Details), Empathie (statt Logik), Spiel (statt Ernsthaftigkeit) sowie Sinn (statt Akkumulation von materiellen Gütern).
Den kreativen Chaoten gehört die Zukunft!
Den kreativen Chaoten gehört die Zukunft - lassen wir uns darauf ein. Im anbrechenden Zeitalter der Kreativität haben wir gegenüber anderen Menschen die Nase vorne. Plötzlich brauchen uns die anderen, und sie werden unsere farbigen Post-it-Landschaften, Papierstapel und Spielereien tolerieren. Was sie allerdings nicht tolerieren werden, sind unerwünschte Nebenwirkungen der kreativen Chaoten: unsere Unpünktlichkeit, unsere Überempfindlichkeit und zeitraubende Unordnung.
Das kann einer fulminanten Karriere im Wege stehen, denn als "gesellschaftlich nicht herzeigbarer Chaot" werden andere Sie nicht fördern, weil sie Ihnen keine Management- und Führungsaufgaben zutrauen. Sie werden gegen Vorurteile ankämpfen und weniger Geld verdienen, weil die Systematiker glauben, ein unordentlicher Schreibtisch verweise auf eine unordentlich erledigte Arbeit.
Ich will Sie nicht ändern, und ich werde nie sagen, dass Sie diese wundervollen Eigenschaften, die Sie als kreativer Chaot haben, ablegen sollen. Im Gegenteil: Ich zeige Ihnen Wege, wie Sie Ihre kreativen Stärken so ausleben können, dass Sie in unserer eher strukturierten Kultur Ihren Stress in den Griff bekommen und jeden Tag eine Menge Spaß und Anerkennung erhalten. Und sei es einfach, weil Sie künftig ordentliche Stapel machen. Weil Sie mit witzigem Krimskrams Ihren Alltag freudvoll organisieren und plötzlich pünktlich sein können. Weil Sie Mitbewerber überholen und Narrenfreiheit genießen, die Sie unempfindlich gegen Kritik macht. Spielen Sie das Spiel der Systematiker und logischen Ordner mit - nach Ihren eigenen Regeln.