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Buechermaxe Top 100 Rezensent
Ort:
München
Rezensionen:
416 Rezensionen
Bewertung:

hilfreich: 293

nicht hilfreich: 156

Rang:
59
Über mich:

habe beruflich mit dem Thema Buch zu tun ... und lese sehr viel und gern. Ich freue mich auch auf eine Email, gerne mit Anregungen, Hinweisen, Kritik usw.

Buechermaxes Rezensionen

E-Book

Ulrike Meinhof

Jutta Ditfurth

CHF 18.90
auf Merkliste

20

10.09.2008

„Terrorismus und politische Veränderung  links-romantisches Pop-Idol oder Jeanne d'Arc des Kalten Kriegs”

Die Edelgrüne Jutta Ditfurth zeichnet in ihrer Biografie zu Ulrike Meinhof das menschliche Bild einer Person, die zu einer ideologisch fehlgeleiteten Top-Terroristin der Alt-Bundesrepublik wurde. Ditfurths Buch mit seiner tiefgründigen sowie kenntnis- und detailreichen Recherche erlaubt ihr, mit Leichtigkeit Fakten in bisher nicht geahnter Breite und Tiefe zu präsentieren und ein Gesamtbild zu schaffen, das mehr Wert auf die menschlichen Seiten dieser Person auf dem Hintergrund zeithistorischer Fakten legt.

Aber Ditfurth lässt für mich zu wenig sehen, wo die wirklichen Abgründe der Ulrike Meinhof liegen, wo Fakten, Wirklichkeiten und falsche faktische Wirklichkeitswahrnehmung auseinander driften und einleiten, was der Deutsche Herbst auch bedeutete. Sie schafft aufgrund ihrer Detailverliebtheit und detailversessenen Erzähltiefe eine Vermischung von Fakten und Interpretationen, die für den Leser nicht mehr auseinander dividierbar ist. Man hat keine Chance zu prüfen, ob Ditfurth beschreibt oder interpretiert. Man sieht nicht mehr, in wieweit ihr Bild der Wirklichkeit (Ditfurth und Meinhof) mit der Wirklichkeit selbst übereinstimmt: Ob sie aus der beschriebenen Person ein Pop-Idol und eine edle Jeanne d'Arc des Kalten Krieges macht oder stets streng an den verlässlichen oder weniger verlässlichen Fakten entlang beschreibt.

Daher ist dieses Buch für mich viel mehr eine links-romantische Idealisierung einer Person, die weniger ein Idol, als eher ein persönlich und sozial schwieriger Mensch war, der Versuch einer Vermenschlichung, in der eine Schreibtischtäterin zur Gewaltmaschine wird und alles Maß für die politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeiten verloren hat.

Mir erscheint daher Ditfurths Buch zu Ulrike Meinhof als simplifizierend und beschönigend. Beschönigend in dem Sinne, dass dieses Buch leider nicht tut, was es aufgrund seiner Fakten- und Recherchetiefe tun könnte: zu zeigen, wo die Mechanismen liegen, die von einer falschen Weltwahrnehmung zu einem Umschwung in eine falsche Ideologie und schließlich einen nackten Terrorismus führen.

Daher halte ich das Buch für lesenswert, wenn man sich dafür interessiert, was damals geschah, wenn man sich für die Person Ulrike Meinhof interessiert, um sie irgendwo zwischen Biografien zu Kleopatra und Diana einzuordnen. Aber für die wichtigen Fragen unserer Zeit, zu Globalisierungsgefahren und weltweit eskalierendem Kapitalismus und Terrorismus gibt dieses Buch leider keine Antworten oder Hilfen. Daher ist dieses Buch für mich eine verpasste Chance.

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E-Book

Canossa

Stefan Weinfurter

CHF 37.90
auf Merkliste

40

10.09.2008

„Der Canossagangs als Wegscheid für die abendländische Entwicklung in Gesellschaft und Politik”

Weinfurter verbindet fachwissenschaftliche Meisterschaft mit der Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zum Mittelalter und dem Ringen um feudal und religiös orientierte weltliche Macht in eine spannende und mit vielen Fakten ausgefüllte Erzählung zu gießen. Im Kern geht es ihm darum, die Scheidung von weltlicher und religiöser Macht im Abendland verständlich zu machen, die ein wichtiger Teil der Erfolgsgeschichte Europas werden sollte. Und damit liefert dieses so kenntnisreiche Buch einen tiefen Einblick in die Entstehungsgeschichte des modernen Denkens in der Neuzeit aus den für viele doch noch offenen, ungeklärten Verhältnissen des Mittelalters heraus.

Die Spitze dieses Streits zwischen Heinrich IV. und Papst Gregor VII. markiert der Canossagang, der wegen der Exkommunikation des Herrschers mit dessen Unterwerfung in Canossa unter den Willen des Papstes endete und damit mit der Teilung der Macht im gesamten römischen Erdkreis zwischen Papsttum und weltlichen Herrschern, in Religion und Politik. Der Canossagang wurde somit zum entscheidenden Ereignis zur Trennung von weltlicher und religiös orientierter Macht für die den folgenden Jahrhunderte. Auf ihr basiert die Prosperität Europas, die die unteren Stände in Machtfragen souveräner und damit die politischen Machtverhältnisse zwar schwächer, aber auch entwicklungsfähiger machten. Nur dadurch konnte über einen Zeitverlauf von vielen Jahrhunderten der Weg zur Entwicklung demokratischer Lebensverhältnisse geöffnet werden.

Weinfurter hat mit diesem Buch auf dem Hintergrund seines einzigartigen Fachwissens eine spannende Geschichte der Anfänge politischen Denkens im Abendland geschrieben. Eine Geschichte, mit der erst viele Folgen in der abendländischen Geschichte, von denen wir oft als einfach Gegebenem und Vertrautem in Gesellschaft und Politik ausgehen, nicht wirklich verständlich wäre. Daher muss dieses Buch in jeder Weise denjenigen empfohlen werden, die an tiefergehender Einsicht in das Warum der abendländischen Gesellschaftsformen interessiert sind. Dieses Buch ist für alle an abendländischer Religions- und Politikgeschichte Interessierten ein absolutes Muss, nicht nur wegen seiner spannenden Erzählweise in einer einzigartigen Sprachlichkeit und Durchführung. Ich jedenfalls habe dieses Buch sehr genossen.

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30

10.09.2008

„Gebrauchsanweisung Prag - für Tschechien und die Goldene Stadt”

Wenn Deutsche reisen, machen sie gerne Städtereisen. Eine der beliebtesten ist die nach Prag. Und dann laufen sie diesem wie ein Zeigefinger erhobenen Schirm hinterher, hören zu, mal halb, mal ganz Ohr und bekommen manches mit und vieles auch nicht.

Die Gebrauchsanweisung für Tschechien und Prag von Jiri Grusa ist eine geschichtliche und mit Anekdoten gespickte Einführung für Tschechien und Prag für Naive und Unbefleckte, vielleicht für solche, die bisher nur wissen, dass Prag kulturell und von Kunst wegen eine sehr sehenswerte Stadt ist.

Ich fand diesen Reiseführer für Tschechien und Prag sehr informativ, wenn ich auch Grusas Diktion manchmal sehr langatmig, wenn nicht langweilig fand. Ich hätte mir dann gewünscht, wenn sein Erzähl- und Beschreibungsstil mehr tschechisches Feuer besessen hätte. Aber gut, vielleicht sollte man dieses Buch einfach dazu verwenden, um die erste Orientierung in einem großen Überblick zu finden. Und dazu taugt es allemal - für all diese gern reisenden deutschsprachigen Piefkes.

1 von 1 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

E-Book

Prag

Hans D. Zimmermann

CHF 47.90
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30

10.09.2008

„Auf literarischen Wegen durch das Goldene Prag”

Wer sich für Kultur, insbesondere die Goldene Stadt Prag interessiert, ist bei diesem Führer durch das literarische Prag genau richtig. Der Herausgeber Hans Dieter Zimmermann hat unter zahlreichen Rubriken wie z.B. Willkommen und Abschied, Wyschehrad, Nationaltheater, Sophieninsel und Schützeninsel, Kaffeehäuser, Wenzelsplatz u.v.m., also insbesondere zu den vielen Stadtvierteln, Örtlichkeiten, Plätzen und Straßen Prags, alle wichtigen und wesentlichen literarischen Zeugnisse gesammelt und in diesem Buch exemplarisch und in Ausschnitten präsentiert.

Man kann in diesem Buch daher von Golem lesen, vom Komponisten Dvorak und Smetana, vom braven Soldaten Josef Schwejk und über Egon Erwin Kisch, das Prager Tagblatt, Kafka und das Blut der Märtyrer, über Celans Gedanken zu Prag bis hin zu Heinrich Böll, der über den August 1968 trefflich räsoniert hat. Auf diesem Hintergrund ist dieses Buch zugleich noch eine Literaturgeschichte Prags, von der aus man verschiedene literarische Werke über Prag erst angehen sollte; denn man erhält hier einen Überblick, was für einen besonders lesenswert erscheint.

Mir hat dieses Buch überaus gefallen, weil es sehr schöne kulturelle Einblicke in das Goldene Prag bietet, und eine große Anregung, was man in Prag alles unternehmen, ansehen und genießen sollte. Ein Buch, das man unbedingt nach Prag mitnehmen muss  und vor allem zuvor gleich lesen.

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E-Book

Ein liebender Mann

Martin u. v. a. Walser

CHF 34.90
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20

10.09.2008

„Ein liebender Mann - ein schreibender Mann”

Martin Walser bleibt seinem Altersthema treu. Der vermeintliche Nationaldichter übt sich weiterhin in literarischer Einsilbigkeit und zeigt, dass ihm nicht mehr einfällt, als er schon (fast) immer getan hat: die senile Liebe zu den zu jungen Frauen literarisch zu fassen.

Doch diesmal nimmt er sich eines fast per se schon literarischen Themas an: Der Altersliebe des Nationaldichters Goethe. Mir scheint, dass er dabei zu hoch ausgreift und zu tief ansetzt: sprachlich wie bildlich. Ich hätte Walser mehr literarische Größe zugetraut. Aber sein Buch bleibt im Mainstream dessen zurück, was man von ihm kennt. Daher ist dieses Buch aus meiner Sicht nicht bemerkenswerter als all die anderen, die er in fast schon larmoyant bissiger Regelmäßigkeit von sich gibt. Ich hätte Martin Walser größeren literarischen Charakter zugetraut, vor allem nach seinem formidablen Buch "Das geschundene Tier", das mir sehr gefiel. Er bleibt aus meiner Sicht hinter seiner ihm möglichen Form zurück.

1 von 2 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

E-Book

Feuchtgebiete

Charlotte Mit Gastbeiträgen Roche

CHF 27.50
auf Merkliste

30

10.09.2008

„Emotionale Verwahrlosung - die Psychologie der Sexual- und Ausscheidungsorgane als verkümmerte Bastion emotional gesunden Lebens”

Emotionale Verwahrlosung - oder: Von der Psychologie der Sexual- und Ausscheidungsorgane als letzte, kümmerliche Bastion emotional gesunden Lebens.

Eine junge Frau, Scheidungskind, hat eine bigotte, sinnenfeindliche Katholikin als Mutter und einen gefühlskranken, kalt rationalen Mann als Vater. Sie aber träumt vom Angenommensein, von emotionaler Nähe, von Nestwärme einer intakten Familie, dem Bund fürs Leben dieser zwei ihr dennoch so nahe stehenden Menschen, um selber Bindungsfähigkeit zu erfahren.

Aber da sie spürt, dass das eine gesellschaftliche Norm ist, der sich noch ihre emotionstoten Eltern entziehen, zerstört sie auch den letzten Rest an elterlicher Legitimität, die Mutter und Vater aus dem letzten Rest noch anerkannter Fundamente ihres egoistischen, bürgerlich-sozialen Gefüges sich holen. Sie, die Tochter, korrumpiert diese widersprüchliche Verlogenheit ihrer nächsten Bezugsmenschen zur sexistischen Vergötterung ihrer eigenen Sexual- und Ausscheidungsorgane und zerstört in der Destruktion der elterlichen Doppelmoral neben den allerletzten Resten an Verlogenheit von der familiären Nestwärme auch gleich noch die der weiblichen Schamhaftigkeit, der partnerschaftlichen Monogamie und das ganze eingebildete Sammelsurium an Forderungen nach körperlicher Unversehrtheit durchrationalisierter Hygiene.

Und mehr noch: So wie ihre Eltern als einzelne ihr die emotionale kalte Schulter zeigen, schlägt sie mit äußerst destruktiver Kaltblütigkeit zurück: In ihrer Negation aller sexuellen Hygiene- und Moralansprüche verkümmert sie für sich als letztem und höchstem Identifikationspunkt, den sie noch spürt, zum unhygienischen, schmutzigen Sexual- und Ausscheidungsorgan, sie wird für sich selber der Schmutz, den sie in der verlogenen Doppelmoral der Eltern spürt. Und sie beweist, indem sie sich jedem Mann, der sie will, widerstandslos und selbst sexuell höchst erotisiert hingibt, dass dieses ganze soziale Gefüge selbst moralisch unhygienisch, selbst moralisch nur noch Sexual- und Ausscheidungsorgan sein kann. Sie erniedrigt sich und die, die sie noch wollen, ganz gleich ob Mann oder Frau, darin zum letzten Dreck.

So schonungslos hat bislang niemand die soziale Lage von Jugendlichen, vielleicht sogar die dunklen Niederungen einer Gesellschaft dargestellt wie Charlotte Roche. Ob sie damit recht hat oder gnadenlos überzieht, weiß ich nicht. Jedenfalls kann man dieses Buch so lesen, oder einfach nur als ein verzweifelter Hilfeschrei nach Liebe in einer emotionslos effizient durchrationalisierten Warenwelt, wo Liebe selber zum abstrakten Gut abstrakter Wünsche und Triebe geworden ist, in der Liebe und emotionale Nähe nach dem Prinzip funktioniert, was es kostet, ob man es sich leisten kann - ob man über Macht- und Geldmittel verfügt, die diese Ware Mensch, diese Ware mit Namen Angenommensein, verfügbar halten, noch geben kann. In der es oftmals so sehr an psychischer oder emotionaler, an humanitärer oder kultureller Kraft fehlt.

Das Buch ist aus meiner Sicht eine psychisch-soziale Fallstudie einer Borderlinerin. Sie zeigt in der physisch emotionalen Selbstzerstümmelung die Brutalität eines rationalistischen antiemotionalen Sozialgefüges, die sie an sich selbst zelebriert, in dem sie zum Opfer wird und im Gegenschlag andere zu Opfern macht, zurückschlägt, auch gegen sich selbst. Und gerade deshalb tut dieses Buch, tun seine Schilderungen dem Leser so weh; lösen bei ihm Schmerzen aus, nicht nur Gefühle des Ekels, der Unbehaglichkeit. Ein schonungslos böses, niederträchtig skrupelloses Buch. Und vielleicht liegt darin die einzige Qualität, die es hat.

0 von 1 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.


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