11. Kapitel (S. 121-122)
Vincent stieg am späten Vormittag in das oberste Stockwerk von Caradoc House empor, um Miss Grey eine Tasse frisch gebrühten Kaffee zu bringen. Er trug ein brandneues Hemd in einem kräftigen Himbeerrot, eine Farbe, die nicht vielen Menschen stand, und er hatte den obersten Knopf offen gelassen, was ihm das angenehme Gefühl verlieh, mit der Zeit zu gehen. Er hatte für sich selbst ebenfalls eine Tasse Kaffee mitgenommen, so dass er Miss Grey Gesellschaft leisten und sich gleichzeitig ein Bild machen konnte, wie sie vorankam und was sie bisher herausgefunden hatte. Sie saß mit gekreuzten Beinen auf dem Fußboden, in einem weiten T-Shirt und Jeans. Ihre Haare waren hochgesteckt und wurden von einer großen Schildpattspange zusammengehalten, doch einzelne hellbraune Strähnen hatten sich gelöst und ringelten sich um Hals und Nacken.
Natürlich war es vernünftig, alte Kleidung zu tragen, wenn man verstaubte Papiere sortierte, und lange Haare hochzustecken. Mutter wäre nie auf die Idee gekommen, Schmutzarbeiten zu verrichten, doch hatte sie gelegentlich eine Rüschenschürze getragen, wenn sie kleine Teekuchen für einen ihrer Bridge-Nachmittage buk oder die Porzellanfiguren in den Vitrinen abstaubte. Miss Grey schien sich über den Kaffee zu freuen und meinte, sie fände den Inhalt der Dokumentenkästen recht interessant.
Es sei viel mehr zu sichten als erwartet - in die großen Umschläge habe man wahllos ganze Bündel von Papieren hineingestopft, und sie sei bemüht, sie zu ordnen. Bisher habe sie die Papiere in drei Kategorien eingeteilt, beginnend mit persönlichen Dingen, wie alten Theaterprogrammen oder Rezepten. »Wie interessant«, sagte Vincent. »Ich habe doch noch ein paar Fotos gefunden, allerdings nicht von Walter selbst. Nur von der Umgebung oder von Leuten, mit denen er in Calvary zusammengearbeitet oder die er dort privat kennen gelernt hat.
Es sind auch Briefe von Kollegen darunter - ach, und eine oder zwei Anfragen, ob er nicht einen Vortrag halten wolle. Wie es scheint, wurde Walter eine Koryphäe auf seinem Gebiet, nachdem er Thornbeck verlassen hatte. Solche Papiere habe ich der zweiten Kategorie zugeordnet - der beruflichen Korrespondenz.« Vincent erkundigte sich, was die dritte Kategorie enthielt. »Rein medizinische Papiere. Ausgaben alter medizinischer Fachzeitschriften.
Ich frage mich, ob es medizinische Bibliotheken gibt, die sie gerne haben würden - vielleicht enthalten sie Einzelheiten über Behandlungsmethoden, die in den dreißiger und vierziger Jahren als Nonplusultra galten. Und es gibt einige Patientenberichte - Anmerkungen zu Therapien und verordneten Medikamenten. Vermutlich sind sie irrtümlich hineingeraten.« »Patienten aus Calvary?« »Bisher nicht. Außerdem ist von einem Haus in der Schweiz die Rede - sieht ganz so aus, als hätte Walter es gekauft. Oh, und ich habe einen Artikel über die Caradoc Gesellschaft gefunden, der Sie vielleicht interessiert. Ich habe ihn drüben auf den Tisch gelegt.
Er stammt aus der Lokalzeitung. Darin wird Lady Caradoc erwähnt - ich wusste gar nicht, dass sie mit der Gesellschaft zu tun hatte.« »Sogar sehr viel.« Vincent nahm den Artikel in die Hand und überflog ihn. »Ihr Sohn fiel im Ersten Weltkrieg, und sie kam über den Verlust nie hinweg. Offenbar verbrachte sie den Rest ihres Lebens mit dem Versuch, über verschiedene Medien und Spiritisten Kontakt mit ihm aufzunehmen.« »Wie traurig.« »Die Séancen waren ihr natürlich ein großer Trost.«
Die Worte enthielten einen versteckten Tadel, es schadete nicht, dieses moderne junge Ding an den Daseinszweck der Caradoc Gesellschaft zu erinnern. »Dass die Caradoc Gesellschaft überhaupt ins Leben gerufen wurde, wird im Allgemeinen dem Einfluss von Lady Caradoc zugeschrieben. Doch gegen Ende des Ersten Weltkriegs konnte von Gleichberechtigung der Frauen keine Rede sein, und deshalb war es Sir Lewis, der nach außen hin als Gründer auftrat. Georgina, falls weitere Unterlagen über die Gesellschaft auftauchen, würde ich gerne einen Blick darauf werfen. Auch wenn ich derzeit viel um die Ohren habe. Meine Artikel, wie Sie wissen ? aber man hält ja immer nach neuem Material Ausschau.«