DISTRICT 9 ist ein besonderer Science-Fiction-Film. Auf den ersten Blick mag er konventionell und gewöhnlich wirken, auf den zweiten Blick betrachtet schafft er aber eine neue realistische Ebene, der ihn aus der reinen Science-Fiction in eine Art mögliche \"Super-Realität\" portiert. Das liegt zum einen an der Story an sich, die zur Prämisse hat, dass es in Südafrika gestrandete Aliens gibt, die wie es für das Apartheid-Regime in diesem Land üblich ist, in einem Slum zusammengepfercht eingekesselt leben wie in einer Art Quarantäne oder wie illegale Einwanderer und sich dem Rassismus des Regimes ausgesetzt sehen. Dieser Storyansatz ähnelt stark der tatsächlichen Situation in Südafrika, wobei die Aliens für die farbige Bevölkerungsmehrheit stehen, die meist unter unmenschlichen Bedingungen in den Slums leben. Die Barracken sind sogar überwiegend echte Behausungen, wie sie tatsächlich in der Umgebung von Johannesburg zu finden sind! Um das Ganze für den Zuschauer griffiger zu machen, durchlebt die Hauptfigur des Wikus van der Werke eine Metamorphose: Er steckt sich mit dem \"Alien-Virus\" an und mutiert zu einem von ihnen ? so wird aus dem Unterdrücker (er arbeitet ja für die Regierung) im Verlauf des Films ein Unterdrückter, wodurch man beide Seiten des Rassismus als Zuschauer \"erlebt\".
Ein weiterer Aspekt, der für diesen \"Super-Realismus\" sorgt, ist die Art des Filmens. Fast den ganzen Film über gibt es eine subjektive Sichtweise; es wurde viel mit Handkameras gefilmt, die für Wackelbilder sorgen wie sie in Dokumentationen und Reportagen zu sehen sind. Des Weiteren wird somit die Handlung oft aus der Sicht eines Darstellers/ einer Figur \"live vor Ort\" gezeigt ? man entfernt sich also von der sonst üblichen Rolle des reinen Beobachters und ist stattdessen meist \"mittendrin\" im Geschehen und nimmt den Platz einer der Figuren ein (der Wechsel ändert die Erzähl-Perspektive). Und noch etwas sorgt für die realistische Atmosphäre: Aufgrund einer sehr ausgeklügelten Motion-Capture-Technik, die reale Lichtverhältnisse verwendet und einen mitspielenden Darsteller im Motion-Caps-Anzug später am Rechner durch ein animiertes Alien ersetzt, das mit den real gefilmten Licht-Einstellungen kombiniert wird, entsteht eine Optik, die dem Betrachter vorflunkert, dass das Alien tatsächlich vorhanden ist und mit den anderen Darstellern im Bild interagiert.
Das alles sorgt für eine nie zuvor gesehene, nahezu (foto-)realistische Ebene, die es dem Zuschauer leicht macht sich in die Geschichte rein saugen zu lassen und das Gezeigte als \"echt\" wahrzunehmen, was den Unterhaltungswert des Ganzen automatisch um ein Vielfaches erhöht. Die Inszenierung an sich, das Drehbuch und die Story selbst sind sicherlich raffiniert, aber im Endeffekt eigentlich nur routiniert ? die fotorealistische Ebene ist es, die das Werk besonders macht. Der Mix aus Action, Sozialdrama und Science-Fiction funktioniert perfekt und sorgt für spannende Unterhaltung, die aufgrund des Realismus und des pseudodokumentarischen Stils aber sicher nicht ausnahmslos massenkompatibel sein dürfte, jedoch jene, die sich darauf einlassen perfekt unterhalten sollte!
Wollte man doch etwas kritisieren, so sicherlich das Bestreben des Regisseurs Rassismus und Apartheid anzuprangern, aber gleichzeitig Nigerianer als Schmuggler und Waffenschieber einzubauen, was man durchaus auch als Rassismus und vorurteilbehaftet einstufen könnte. Zudem gibt es ein paar Logiklöcher, die mit der kurzweiligen Action (und damit einhergehender blutiger Gewalt) immerhin gekonnt übertüncht werden. Es bleibt aber festzuhalten, dass DISTRICT 9 als Unterhaltungsfilm bestens funktioniert und mit einem zugekniffenen Auge auch zur Sozialkritik taugt. Wenn man dann noch bedenkt, dass der Regisseur hier sein Langfilmdebüt gibt (war früher Visual Effects Supervisor u.a. für die TV-Serie DARK ANGEL), nur rund 40 Mio. Euro für die Produktion zur Verfügung hatte und sein Hauptdarsteller Sharlto Copley ebenfalls debütiert und anhand einer losen Szenen-Vorgabe den ganzen Film über Dialoge und Handlung improvisiert, so beeindruckt das Ergebnis ? zumindest uns ? umso mehr bzw. auf der ganzen Linie! Produziert wurde der Film im Übrigen von niemand geringerem als Peter Jackson, dem Schöpfer der Herr der Ringe-Trilogie, der für die Story und deren umsetzenden Regisseur scheinbar ein gutes Händchen bewiesen hat!
Noch eine Notiz am Rande:
In der für Filminteressierte nicht ganz unbekannten und durchaus wichtigen Internet-Filmdatenbank Imdb wird der Film Stand heute (19.04.2010) immerhin schon auf Platz 118 der \"besten Filme aller Zeiten\" (Bewertung durch User) geführt mit einem Bewertungsdurchschnitt von 8,3/10, eine Wertung wie sie nur wenigen aktuellen Filmen zu Teil wird und was als weiteres Indiz für die Qualität des Streifens gewertet werden kann (besser platziert sind von den Filmen der jüngeren Vergangenheit bloß noch James Camerons AVATAR auf Platz 71, Clint Eastwoods GRAN TORINO auf Platz 87 und SLUMDOG MILLIONAIRE auf Platz 94)!
Die Blu-ray unterstützt das Vorhaben der Unterhaltung durch eine sehr gelungene technische Qualität. Bild und Ton gehören zur erweiterten Referenz und müssen sich nur wenig Kritik angedeihen lassen. Auch die Extras bieten einen guten Mix aus Information und Unterhaltung, wenngleich es natürlich noch wesentlich üppiger ausgestattete Filme gibt. Wirklich fehlen tut hier aber eigentlich nichts (außer dem Filmtrailer vielleicht)! Neben der bewerteten \"Normaledition\" gibt es noch eine limitierte Auflage im Steelbook, die das gleiche Cover verwendet, aber eben eine Blechhülle als Aufbewahrung der Blu-ray bietet und im Gegensatz zu vielen anderen Titeln fast gleichpreisig angeboten wird wie die \"Normaledition\" im Standard-Blu-ray-Case!