50
20.02.2012
„Leise Töne, die zum Nachdenken anregen”
von BSeelchen
Die Auswahl hat dem Leser das Leben in der Gesellschaft nahe gebracht, ihn mit strengen Tagesabläufen, Regeln, der Bestimmung, wen man lieben und welchen Beruf man ausüben soll schockiert und manch einer mag sich bei dem Wunsch ertappt haben, dass diese Zukunftsvision niemals Realität werden wird. In Die Flucht geht Ally Condie auf das Für und Wider beider Seiten ein und zeigt dabei auf, dass weder die Gesellschaft noch das Leben außerhalb der Gesellschaftsmauern so perfekt oder wenig perfekt ist, wie man zunächst vielleicht meinen mochte. Auch Cassia und Ky müssen sich im Laufe der Geschichte immer mal wieder eingestehen, dass sie in der Vergangenheit vielleicht voreilig geurteilt haben und erkennen, dass es immer zwei Seiten der Medaille gibt. Doch nicht nur Für und Wider von Freiheit auf der einen und Kontrolle auf der anderen Seite ist Thema dieses Buches, nein, die Charaktere müssen sich mit einer ganzen Reihe von Gefühlen und Gedankensträngen auseinandersetzen.
Dank der doppelten Ich-Perspektive ist es dem Leser möglich, hinter Kys Fassade zu schauen, ihn und seine Vergangenheit ein bisschen besser kennenzulernen, seine Gedanken zu lesen, seine Beweggründe zu erfahren und in seine Gefühlswelt abzutauchen. Er lässt uns teilhaben an egoistischen Augenblicken, in denen sein Überlebenswille stärker ist, als jedes Gefühl von Anstand, in denen er lieber als Feigling gilt und sein Leben über das anderer stellt, anstatt einen hoffnungslosen Kampf zu führen und seinen Tod damit willkommen zu heißen. Er gesteht uns seine Angst davor, ersetzt zu werden, davor, dass sich Meinungen über ihn ändern, sobald man alles über ihn erfahren hat, fragt sich, welchen Preis man bereit ist für die Liebe zu zahlen und duldet uns als stumme Begleiter, während er für sich erkennt, dass man irgendwann an einen Punkt gelangt, an dem man seinen Frieden schließen, Fehler verzeihen und mit sich selbst ins Reine kommen muss.
Doch nicht nur Ky lernen wir besser kennen, sondern auch Cassia. Fernab von ihrer gewohnten Umgebung und den Strukturen erleben wir das junge Mädchen von einer anderen Seite. Von dem Willen geleitet, Ky aufzuspüren, geht sie unsagbare Risiken ein, zeigt Willenskraft und eine unglaubliche Stärke, während sie sich verbissen und ungeachtet ihrer bereits schwächelnden Gesundheit ihren Weg durch die äußeren Provinzen kämpft, nur getrieben von ihrer Hoffnung, den zu finden, den sie liebt. Die kräftezehrende Reise ist jedoch nicht das einzige, was Cassia verändert. Die Umstände um sie herum, die Denkweise und das Verhalten ihrer Gefährten, Traditionen und Legenden, die außerhalb der Gesellschaft auf sie niederprasseln und das Mädchen zum Nachdenken bringen, Vertrauensbrüche und die Erkenntnis, dass auch Liebe Raum braucht und man nicht alles über den anderen wissen muss, damit das Herz für ihn schlägt, lassen Cassia reifer werden und verleihen ihrem Charakter mehr Tiefe.
War diese Bewertung hilfreich? Ja, Nein