Zu fett zum Fliegen (S. 139-140)
Am 5. August 2011, nur Momente, nachdem die US-Regierung hatte erleben müssen, wie zum ersten Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten eine Rating-Agentur ihre Kreditwürdigkeit herabgestuft hatte, hob der Markt für U.S. Treasury Bonds zu einem wahren Höhenflug ab. Vier Tage später lag der Zinssatz, den die US-Regierung für ihre neu ausgegebenen Zehn-Jahres-Anleihen zahlen musste, bei 2,04 Prozent, auf dem niedrigsten je notierten Stand.
Der Goldpreis stieg parallel zum Preis für US-Schatzanweisungen, doch die Preise praktisch aller Wertpapiere und Anleihen in den westlichen Industrieländern befanden sich im freien Fall. Eine der großen US-Rating-Agenturen hatte behauptet, die Wahrscheinlichkeit, dass die US-Regierung ihre Schulden bezahlen könne, sei gesunken, was unter dem Strich zur Folge hatte, dass es für die US-Regierung billiger und für alle anderen teurer wurde, sich Geld zu leihen.
Das sagte eine Menge darüber aus, was man über die Möglichkeiten der US-Regierung, über ihre Verhältnisse zu leben, wissen musste: Im Augenblick verfügte sie quasi über einen Blankoscheck. Je wackliger die Regierung der Vereinigten Staaten bis zu einem gewissen, in weiter Ferne liegenden Punkt zu sein schien, umso billiger würde sie sich Geld leihen können. Die USA waren noch nicht in den Teufelskreis geraten, der die Finanzmärkte der europäischen Länder bedrohte: Ein Augenblick des Zweifelns zieht höhere Kreditkosten nach sich, was zu vermehrten Zweifeln und noch höheren Kreditkosten führt, und so weiter, bis man in der Haut der Griechen steckt. Befürchtungen, die USA könnten das Geld, das sie sich geliehen hatten, nicht zurückzahlen, entbehrten immer noch der Realität.
Am 19. Dezember 2010 brachte das Fernsehnachrichtenmagazin 60 Minutes dreizehnminütigen Beitrag über Staats- und Kommunalhaushalte in den USA. Der Moderator Steve Kroft führte ein Interview mit einer Wall-Street-Analystin namens Meredith Whitney, die 2007 aus dem Schatten ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit getreten war, als sie zutreffend vorausgesagt hatte, dass die Citigroup gezwungen sein würde, ihre Dividende zu kürzen, weil ihre Verluste im Subprime-Hypothekenmarkt viel größer waren als angenommen.
In dem 60-Minutes-Beitrag hieß es, dass Bundes- und Kommunalregierungen gemeinsam ein Jahresdefizit von etwa einer halben Billion Dollar zu bewältigen hätten, während eine Lücke von weiteren eineinhalb Billionen Dollar zwischen dem klaffte, was die Regierungen ihren Pensionären schuldeten, und dem Geld, das ihnen zur Verfügung stand, um sie zu bezahlen. Whitney wies darauf hin, dass selbst diese Zahlen nicht verlässlich und höchstwahrscheinlich optimistisch seien, da die Regierungen der Bundesstaaten nicht gerade verschwenderisch seien hinsichlich der Weitergabe von Informationen über ihre Finanzen an die Öffentlichkeit.
Der Gouverneur von New Jersey, Chris Christie, pflichtete ihr bei und fügte hinzu: »So, wie es ist, wo läge da der Unterschied, wenn es noch schlimmer wäre?« Die Summe, die alle US-Staaten zusammen ihren Pensionären und Rentnern schuldeten, war so groß, dass sie unmöglich bezahlt werden konnte, gleichgültig, wie hoch der Betrag genau war. Am Ende des Beitrags richtete Kroft an Whitney die Frage, wie sie die Fähigkeit und die Bereitschaft der Staaten, ihre Schulden zurückzuzahlen, einschätze. In ihren Augen bestand nicht wirklich die Gefahr, dass die Bundesstaaten pleitegehen würden, weil diese die Möglichkeit hatten, ihre Probleme auf die Landkreise und Kommunen abzuwälzen. Sie hielt es jedoch für wahrscheinlich, dass es auf diesen niedrigeren Verwaltungsebenen, auf denen das amerikanische Leben gelebt wurde, zu ernsthaften Problemen kommen würde.